Kategorien
Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Update Führung: April 2026

Command – Leadership – Management: Ein integratives Führungsmodell für militärische und zivile Organisationen

[Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 12.03.2026, Patrick Hofstetter, Florian Demont und Sarah von Felten]

Das 2023 entwickelte und im Januar 2025 in der Strategie der Gruppe Verteidigung offizialisierte Führungsmodell Command – Leadership – Management ist nun erstmals in einem peer-reviewten Zeitschriftenartikel systematisch dargestellt und theoretisch eingeordnet. Der Beitrag beschränkt sich dabei nicht auf eine Modelldarstellung. Im Sinne einer induktiv-konzeptionellen Fallstudie argumentiert er explizit, weshalb und wie sich dieser Ansatz aus dem militärischen Kontext auch auf zivile Organisationen übertragen lässt. Was in der Schweiz aufgrund der engen gesellschaftlichen Einbettung der Armee vielfach selbstverständlich erscheint, muss im umliegenden Ausland erst plausibilisiert und begründet werden. Genau diesen Nachweis versucht der vorliegende Artikel zu leisten.

Link (open access): https://link.springer.com/article/10.1007/s11612-026-00870-3

Evolution of Russian Tactics

[YouTube: War Archive, 26.12.2025]

By breaking down the Russian invasion of Ukraine into five phases, War Archive shows how the Russian Armed Forces adapted over time. In the beginning they attempted a decapitation strike aimed mainly at the capital Kyiv in what War Archive calls a “Modernized Blitzkrieg”. As this failed due to unexpected Ukrainian resistance and a lack of air superiority, in May 2022 the Russian armed forces shifted their approach to rely less on manoeuvre and more on an artillery “Wall of Fire”. These artillery-enabled advances then ground to a halt as Ukrainian deep-strikes (such as with HIMARS) targeted the logistics needed for such high artillery firing rates. Having attempted to outmanoeuvre and outgun their opponent, in late 2022 the Russians then shifted their focus to relying on infantry assaults mostly constituted by Wagner troops. As Wagner was disbanded, the regular Russian Armed Forces incorporated Wagner’s infantry-heavy approach and added limited mechanised elements to it. Since mid-2024, they now rely on infiltrating Ukrainian-held positions in small teams. Whereas most teams are quickly eliminated, sheer numbers mean that some are inevitably successful in eroding Ukrainian defences over time, as seen in Russia’s capture of the centre of Pokrovsk in December 2025. Apart from this analysis, War Archive posts other videos where he analyses specific battles of the War in Ukraine in detail. Most notably, his video about the Battle for Hostomel Airport allows the viewers to study how Russian forces attacked and why their plan of enabling an air bridge to Hostomel ultimately failed.

Link Tactics: https://www.youtube.com/watch?v=A6MfjV2vsdg

Link: Hostomel: https://www.youtube.com/watch?v=r0Ji7KqqEqg

From Relic to Relevance: Why Obsolete Weapons Still Win Modern Wars

[Modern War Institute, 13.11.2025, Lukáš Dyčka]

The Bundeswehr retired its Gepard air defence systems in 2010. 12 years later Germany exported Gepard systems to Ukraine, where they proved very capable of defending against Russian Shahed/Geran drones. This article highlights how «obsolete» platforms «may be one adversary or one type of terrain away from renewed relevance.» With European armed forces facing the possibility of a long war and hence being in need of redundancies and deep stockpiles, the author wants armed forces to stop calling weapon systems obsolete and to «Start asking what problems they can still solve».

Link: https://mwi.westpoint.edu/from-relic-to-relevance-why-obsolete-weapons-still-win-modern-wars/

Le Polemarque

[La Chouette Librairie]

Une librairie en ligne française moins connue, la Chouette Librairie, propose une sélection ciblée d’ouvrages en études stratégiques, histoire militaire, éthique militaire et leadership. Son catalogue comprend des œuvres influentes de figures telles que Guisan, Rommel et Fuller, entièrement en français.

Link: https://www.lachouettelibrairie.com/editeur/le-polemarque/

Is Europe Too Soft to Fight?

[War on the Rocks, 28.10.2025, Florence Gaub, Roderick Parkes]

Gaub and Parkes warn that as governments see their population as unwilling and too soft to fight, they risk a self-fulfilling prophecy. They argue that instead of a fixed category, the «will to fight» should be treated as societal potential that can be both suppressed or cultivated.

Link: https://warontherocks.com/2025/10/is-europe-too-soft-to-fight/

The Case for Treating Drones as Ammunition

[War on the Rocks, 21.11.2025, Zachary Griffiths, Jeff Ivas]

Griffiths and Ivas argue that the US Army will not scale small drones successfully if it continues to manage them like durable equipment. Drawing on Ukraine’s high consumption rates and rapidly growing production, they frame small quadcopters and first-person view drones as inherently expendable, closer in cost and turnover to mortar rounds than to “aircraft”. The author’s proposal is straightforward: classify small aerial drones as conventional ammunition, switch from brand-based procurement to role-based “drone families” (recon, FPV, etc), standardise controllers, and use simulators in addition to live drones to lower drone attrition during training.

Link: https://warontherocks.com/2025/11/the-case-for-treating-drones-as-ammunition/


Über das «Update Führung»

Das Update Führung ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

Falls Sie Lesenswertes zu Command, Leadership oder Management entdecken, würden wir uns freuen, wenn Sie dies mit uns teilen. Gerne nehmen wir Tipps für die kommende Ausgabe von Leader’s Digest via leadersdigest@leadershipcampus.ch entgegen.

Kategorien
Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Buch des Monats: «Leadership is Language»

Was ist die Kernaussage des Buches?

Sprache ist das wichtigste Werkzeug einer Führungsperson, denn sie beeinflusst, wie Menschen denken, entscheiden und handeln. Gute Führung bedeutet nicht Befehle zu geben, sondern Fragen zu stellen und andere zum Mitdenken anzuregen. Entscheidungen sollten dort getroffen werden, wo das Wissen vorhanden ist, anstatt nur von oben vorgegeben zu werden. Wer mit Sprache gezielt führt, der fördert Verantwortung, Vertrauen und eine starke Zusammenarbeit.

Was gefällt Ihnen an diesem Buch am besten?

Wie schon bei seinem ersten Buch «Turn the Ship Around» beschreibt Marquet die neue Führungsrichtung des Leader-Leader-Systems. Es ist die Vertiefung des Buches auf die Sprache und somit die Kultur von Führungspersonen. Ich habe meinen praktischen Dienst als Kompaniekommandant nach den Vorschlägen von Marquet geführt und war erstaunt, welche Fortschritte und Leistungen meine Kompanie erbracht hat. Besonders stolz bin ich auf die Eigenständigkeit und Initiative meiner Unterstellten, die dadurch entstanden ist.

Gibt es Punkte, in welchen Sie die Argumentation des Buches nicht unterstützen, oder Bereiche, die Ihrer Meinung nach zu kurz kommen?

Das Buch und das Leader-Leader Prinzip setzt Kompetenz und Vertrauen voraus. Beides ist in einer Rekrutenschule nicht von Beginn an gegeben und die 18 Wochen reichen nicht ganz, um alles zu implementieren. Es kann aber als richtungsweisende Empfehlung genutzt werden und regt die Führungspersonen zum Nach- und Umdenken an.

An wen richtet sich Ihre Empfehlung?

Vor allem an Führungspersonen, die andere Führungspersonen führen, da die Grundvoraussetzungen Kompetenz und Vertrauen gegeben sein müssen, damit der Effekt vollends ausgeschöpft wird.

Wie hat Ihnen dieses Buch im militärischen Führungsalltag geholfen?

Als Kompaniekommandant einer Panzerkompanie hatte ich als Führungsstaffeloffizier nicht wirklich das gleiche Verständnis vom Kampfpanzer wie meine Zugführer. Durch die bewusste Weitergabe der Entscheidungskompetenz an die Wissensträger konnten Entscheide durch diese gefällt werden. Die Zugführer haben dadurch mehr Verantwortung übernommen und waren sehr begeistert mir die technischen Besonderheiten zu erklären und darzulegen. Ich konnte dadurch in kurzer Zeit den Kampfpanzer Leopard sehr gründlich kennenlernen.

Welchem Teilaspekt des Command-Leadership-Management-Modells ordnen Sie dieses Buch zu?

Es verbindet Command und Leadership. Durch den gezielten Einsatz der Sprache und der Übertragung der Entscheidungskompetenz wird der Unterstellte in die Verantwortung gezogen und ist intrinsisch motiviert diese zu übernehmen. Dies schafft Freiraum und freie Denkkapazitäten für den Kommandanten.

Wo sehen Sie zukünftig die grössten Herausforderungen für die Führung in der Schweizer Armee?

Dass wir Menschen mit zu kurzer Ausbildungszeit mit sehr viel Verantwortung überfordern und diese dadurch nicht wirklich als Leader, sondern eher als Manager fungieren.

Und wo sehen Sie diesbezüglich die grössten Chancen?

Dass wir der Gesellschaft ein Gefäss bieten, in welchem Führungspersonen die ersten Schritte und Erfahrungen machen können. Diese verfeinern dann ihre Fähigkeiten im Berufsleben und bringen im Wiederholungskurs einen Mehrwert zurück in die Milizverbände.


Über den Rezensenten

Hauptmann Timothy Rizza hat eine Lehre als Bäcker/Konditor absolviert und wurde als Truppenkoch ausgehoben. In der 4. Woche der Rekrutenschule wechselte er zur Panzerstabskompanie und war anschliessend 3 Jahre Führungsstaffelzugführer. Nach der Militärakademie wurde er Berufsoffizier im Lehrverband Panzer/Artillerie und ist zurzeit abkommandiert ans Ausbildungszentrum Spezialkräfte für den Kompetenzaufbau Führungsstaffel und Übermittlung, sowie für den Teamaufbau der Combat Service Support-Kompanie.

Über das «Buch des Monats»

Das «Buch des Monats» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

Kategorien
Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #25

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #25

Inspiriert von eigenen Erlebnissen

Sie sind Offizier der Schweizer Armee mit Einsatzerfahrung im Ausland und wurden für ein Jahr nach Côte d’Ivoire entsandt. Sie sind gut bereist und können von sich behaupten, dass Sie sich in fremden Kulturkreisen sicher, freundlich und unaufgeregt bewegen können. Ihre berufliche Tätigkeit vor Ort findet an einem westafrikanischen Center für Frieden und Sicherheit statt. Sie dürfen sich im Land frei bewegen und geniessen zudem, durch Ihren Diplomatenstatus, einen gewissen Schutz. Nach ein paar Wochen im Land befinden Sie sich noch in der Angewöhnungsphase, aber Sie fühlen sich aufgrund der sehr freundlichen Menschen im Land sicher. Trotz allem helfen die diplomatischen Nummernschilder bei den täglich zu passierenden Checkpoints (ansonsten wird für eine Weiterfahrt oftmals illegal Geld verlangt). Korruption ist weitverbreitet und vonseiten der Botschaft gibt es bezüglich Rules of Behaviour (RoB; Verhaltensregeln) keine Vorgaben.

Sie entscheiden sich für eine Erkundungsreise im Gastland, um die Kultur und die lokalen Unterschiede im Land besser kennenzulernen. Sie bevorzugen, aufgrund der Einfachheit, der verkehrstechnischen Erreichbarkeit und der Flexibilität, mit dem persönlichen Fahrzeug zu reisen. Die vom EDA publizierten Reisebeschränkungen für kleine Teile des Landes haben Sie in Ihrer Reiseroute grosszügig berücksichtigt, sodass auch der Risikobeurteilung Rechnung getragen wird. Da Sie eng mit der Botschaft zusammenarbeiten, haben Sie diese im Sinne des «Blue Force Tracking» über die Reiseroute orientiert. Man war über die Reiseroute überrascht und etwas skeptisch. Ihre ivorianischen Arbeitskollegen am Center konnten Sie gut bezüglich Etappenzielen beraten, und einer von ihnen wird Sie auf der Erkundung sogar begleiten.

Aufgrund der wiederkehrenden Polizeikontrollen haben Sie sich mit Ihrem Kollegen (ziviler Mitarbeiter der ivorianischen Streitkräfte) öfter über das Verhalten von korrupten Beamten, Wertehaltung, Unbestechlichkeit und Vorbildwirkung unterhalten und dabei klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie aufgrund Ihrer Werte keine Bestechung oder Ähnliches tolerieren.

Als Sie nach einigen Reisetagen in eine im Norden gelegene, grössere Stadt einfahren, stellen sich Verkehrsführung und Navigation als Herausforderung dar. Das GPS funktioniert nicht zuverlässig und das Reiseziel kann nicht auf Anhieb angesteuert werden. Sie entscheiden sich Ihr Fahrzeug zu wenden um ins Zentrum der Stadt zu verschieben. Kurz nach Ihrem Wendemanöver stellen sich zwei vermutlich unbewaffnete, uniformierte Beamte vor Ihr Fahrzeug, und Sie werden an der Weiterfahrt gehindert. Die verbale Kommunikation ist streng, fordernd, laut und nervös. Sie haben noch Mühe, das nonverbale Verhalten der Lokalen korrekt einzuordnen. Sie überlegen sich, wie Sie vorgehen wollen, während sich die Ungeduld der Beamten sichtbar macht.

Besondere Anmerkungen:

  • Sie sind beide nicht in Uniform. Der Kollege im Fahrzeug bleibt ruhig und äussert sich nur dahingehend, dass mit etwas Bargeld die Situation rasch behoben sei.
  • Ihr Auto ist weiterhin blockiert, und es sind einige Männer in der Umgebung, die das Geschehen mitverfolgen.
  • Sie haben das Fenster leicht geöffnet und versuchen zu erklären, dass Sie für die Schweizer Botschaft arbeiten und einen Diplomatenpass besitzen. Sie weisen auf das diplomatische Fahrzeugkennzeichen hin. Die Sicherheitsleute verstehen nicht, was Sie damit sagen wollen.
  • Der Beamte will 300 USD als Bussgeld, oder der Vorgesetzte und weitere Beamte würden beigezogen. Die Gemüter scheinen sehr erhitzt.

Fragestellung

  • Wie gehen Sie vor?
  • Was sind Ihre Überlegungen bezüglich einer möglichen Eskalation?
  • Wie stehen Sie zur illegalen Bestechung als weitverbreitetem, lokalem Verhalten?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #25

Das vorliegende Szenario an einer ivorianischen Strassensperre stellt eine Aufgabe dar, die einen anspruchsvollen Spagat erfordert: Die Wahrung der eigenen moralischen Integrität (Prinzipientreue/Anti-Korruption) bei gleichzeitiger Gewährleistung der physischen Sicherheit in einem volatilen, interkulturellen Umfeld.

Die Auswertung der Rekordzahl von 12 Einsendungen zeigt, dass weder ein blinder moralischer Relativismus noch ein starrer ethischer Rigorismus zielführend sind. Gefragt sind situative Sensibilität, deeskalierendes Handeln und eine präzise moralphilosophische Reflexion.

Platz 1: Hauptmann Steven Senn

Herausragende ethische und taktische Synthese

Die Einsendung von Hptm Senn wird als die beste Lösung bewertet (18/20 Punkte). Er meistert das moralische Dilemma durch eine brillante konzeptionelle Differenzierung und verbindet dies mit klugem taktischem Verhalten.

Begründung und Stärken:

  • Exzellente moralphilosophische Präzision (Doppeleffekt): Hptm Senn löst das Dilemma um die «illegale Bestechung», indem er implizit die Lehre von der Doppelwirkung anwendet. Er trennt sprachlich und konzeptionell zwischen aktiver Bestechung (Geld zahlen, um sich proaktiv einen unrechtmässigen Vorteil zu erkaufen) und dem Zahlen eines Lösegelds (Zahlung unter Nötigung/Notstand, um einen unverhältnismässigen physischen Schaden abzuwenden). Durch diese Unterscheidung verrät er seine Prinzipien nicht, sondern passt sie der Realität einer Notwehrsituation an.
  • Taktische Deeskalation («Bürokratie als Schutzschild»): Anstatt einfach zu verweigern, verlangt er über seinen Kollegen eine offizielle Quittung. Dies ist ein bewährtes, gewaltfreies Mittel, um illegale Forderungen abzuwehren, ohne die Beamten direkt der Korruption zu bezichtigen.
  • Vorbildliche Führung und Delegation: Er nutzt seinen ivorianischen Kollegen aktiv als kulturellen Brückenbauer und Berater («Reality Check»), behält aber die klare Letztverantwortung für den moralischen Entscheid.
  • Transparenz: Die Einordnung des Vorfalls als meldepflichtiges «Blue Force Tracking»-Ereignis stellt die institutionelle Integrität im Nachgang sicher.

Besondere Erwähnung: Hauptmann Raphael Iselin

Sehr gute Leistung durch laterales Denken

Hptm Iselin liefert den kreativsten und intellektuell fesselndsten Lösungsansatz des Teilnehmerfeldes (16/20 Punkte). Seine Einsendung besticht durch eine tiefe Selbstreflexion über die Rolle des Schweizer Offiziers.

Stärken des Ansatzes:

  • Kreative Konflikttransformation: Hptm Iselin löst das Problem der Bestechung durch einen klugen interkulturellen Schachzug: Er schlägt vor, die korrupten Beamten spontan über den ivorianischen Kollegen als «Guides» anzuheuern, um den Weg ins Zentrum zu finden. Dadurch verwandelt er eine illegale Erpressung in ein legitimes Dienstleistungsgeschäft. Die Beamten erhalten ihr Geld und wahren ihr Gesicht vor den Zuschauern, während Iselin für eine tatsächliche Gegenleistung zahlt und seine Integrität wahrt.
  • Tiefgehende Eskalationsanalyse: Er beweist ein hervorragendes Gespür für die Dynamik der Strasse und erkennt präzise, dass das primäre Ziel der Beamten nicht Gewalt, sondern Einschüchterung als «Geschäftsmodell» ist.

(Anmerkung: Einziger Wermutstropfen ist seine hohe persönliche Risikobereitschaft, bei der er physische Gewalt bis zur Schwelle von lebensbedrohlichen Verletzungen in Kauf nehmen würde, um seine Prinzipien zu wahren).

Problematische Lösungsansätze

Bei den übrigen Einsendungen offenbarten sich verschiedene ethische, taktische und interkulturelle Defizite, die in einer realen Einsatzumgebung zu kritischen Eskalationen oder zum Verlust der Führungsglaubwürdigkeit führen würden.

Die schwächeren Lösungsansätze lassen sich in folgende problematische Muster kategorisieren:

1. Moralisches Outsourcing & Führungsschwäche

Einige Lösungsansätze übergeben die Verhandlungsführung völlig unstrukturiert an den ivorianischen Kollegen, mit der impliziten Akzeptanz, dass dieser vermutlich Schmiergeld zahlen wird. Der Offizier wäscht seine Hände in Unschuld («Ich habe ja nicht bestochen»). Dies ist keine kulturelle Arbeitsteilung, sondern das Abschieben der moralischen Verantwortung an einen Untergebenen.

2. Dogmatische Paragraphenreiterei & Arroganz

Auffällig war die Tendenz, sich in einer ausländischen Strassensperre hinter dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zu verstecken oder aggressiv die Namen der Beamten zu fordern, um sie «aus der Anonymität zu zwingen». Dies verkennt die realen Machtverhältnisse, treibt die Beamten vor Publikum in die Enge und erzwingt einen Gesichtsverlust, der fast zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss.

3. Arrogante Konfrontation («Wartespiel»)

Ein anderes konfrontatives Vorgehen bestand darin, den Beamten zu drohen, sofort den Botschafter anzurufen, und ihnen vorzuwerfen, sie würden die «Gastfreundschaft ihres Landes beschmutzen». Gepaart mit der Ankündigung, man habe Zeit und könne das Ganze vor der zuschauenden Menge aussitzen, ist dies ein gefährliches Machtspiel ohne interkulturelle Sensibilität.

4. Schönwetter-Ethik & Riskante Kurzschlusshandlungen

Einige Lösungswege offenbarten einen ethischen Opportunismus: Solange keine Gefahr droht, pocht man auf Prinzipien; sobald Druck aufkommt, wirft man diese kurzerhand über Bord. Besonders kritisch war in diesem Zusammenhang der Plan B, bei einer drohenden Eskalation in einem blockierten Fahrzeug mit Umstehenden «einfach aufs Gas zu drücken» und zu fliehen. Dies erfüllt den Tatbestand der leichtfertigen Sicherheitsgefährdung.

5. Intellektuelle Inkonsistenz

Es wurde der Versuch unternommen, das Szenario mit Vokabeln der Spieltheorie (Koordinationsspiel, Nutzenmaximierung) analytisch zu fassen und Eigenschutz zu priorisieren, nur um im Fazit in einen starren moralischen Absolutismus zu verfallen («ich könnte mit dem Zahlen persönlich nicht leben»). Wenn das theoretische Fundament das praktische Handeln nicht stützt, kollabiert die Handlungsfähigkeit unter Stress.

6. Naivität & Bunker-Mentalität

Zu den taktisch schwächeren Ansätzen zählten das Verriegeln der Fahrzeugtüren bei gleichzeitigem Drücken des Diplomatenpasses von innen an die Fensterscheibe. Dies signalisiert Angst und Überheblichkeit. Ebenso naiv war der (fehlende) Plan B bei der unrealistischen Annahme, korrupte Strassenbeamte würden sich freiwillig darauf einlassen, dem ausländischen Fahrzeug auf einen offiziellen Polizeiposten zu folgen, um dort die Busse abzuwickeln.

Wir danken allen für ihre Einsendungen und gratulieren Hptm Steven Senn zum Gewinn des Buch des Monats vom März, «Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA» von Takuma Melber.