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Leader's Digest Leader's Digest #31 Newsletter TDG

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #30

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberst i Gst Patrick Hofstetter, Dozent Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung. Diesen Monat erhält der Gewinner zusätzlich zum letztmonatigen Buch des Monats ebenso das Gesellschaftsspiel «Offensive Le Jeu».

Link zum Gesellschaftsspiel: Via Negativa – Offensive le jeu

Decision Game aus Leader’s Digest #30

Vorwort

Via Negativa ist ein Instrument zur Beurteilung der Lage: Ausgehend von einer vorgegebenen Einsatzgliederung, einem Spielbrett und einer Ausgangslage (Teil A), die durch Einschränkungen hinsichtlich Verschiebung und Reichweite begrenzt sind, formuliert der Spieler eine taktische Einschätzung.

Der Spieler führt dabei keine Aktionen aus: Er bewegt keine Spielfiguren im Sinne der Regeln und entscheidet keine Gefechte. Seine Aufgabe besteht darin, die dargestellte Situation zu analysieren und eine Einschätzung abzugeben – mögliche Entwicklungen und Kampfabsichten –, so wie er es in einer realen Situation tun würde. Der didaktische Mehrwert von Via Negativa liegt in dieser Vorgehensweise: Indem sie damit beginnt, das Unmögliche auszuschliessen, anstatt sich das Wünschenswerte vorzustellen, verringert sie das Risiko, eine Argumentation auf der Grundlage eines im Voraus gewählten Szenarios aufzubauen, und beschränkt die Beurteilung auf das, was die Situation tatsächlich zulässt. Die Methode heisst Via Negativa, weil sie bei dem beginnt, was ausgeschlossen ist, und nicht bei dem, was möglich ist: Zunächst wird festgelegt, was Rot nicht tun kann, bevor eine Hypothese darüber aufgestellt wird, was Rot wahrscheinlich tun wird.

Die untenstehenden Elemente sind vorgegeben: Sie beschreiben die Ausgangssituation und den Rahmen des Problems. Beachten Sie das untenstehende Bild.

Situation

Blau (BLUEFOR) sind die eigenen Kräfte, die den Auftrag haben, auf ein Ziel (Feld N6) vorzurücken. Rot (OPFOR) sind die gegnerischen Kräfte, die zur Verteidigung aufgestellt sind.

Ordre de bataille (Kampfgliederung)

BLUEFOR
  • 1 Leichte Infanterie-Kompanie (Symbol: 2 Infanteristen)
  • 1 Mechanisierte Infanterie-Kompanie (Symbol: Soldat mit Panzerabwehrwaffe)
  • 2 Panzerkompanien (Symbol: Panzer)
  • 2 Wirkdrohnenzüge (indirekter Beschuss) (Symbol: Drohne)
OPFOR
  • 2 Leichte Infanterie-Kompanien in den Feldern L8 und J5
  • 1 Panzerkompanie in Feld L9
  • 1 Wirkdrohnenzug (indirekter Beschuss) in Feld I5

Spielfeld und Gelände

Raster aus 26 × 16 Feldern. Kolonnen nummeriert von 1 bis 10, Zeilen gekennzeichnet von A bis O. Jedes Feld steht für eine Geländeart.

  • Weisse Felder – offenes Gelände. Ermöglicht die Verschiebung schwerer Einheiten (mechanisierte Infanterie oder Panzer).
  • Grüne Felder – bedecktes Gelände. Verteidigungsstarkes Gelände (Vorteil für dort befindliche Einheit)
  • Hellgraue Felder – überbautes Gelände. Verteidigungsstarkes Gelände (Vorteil für dort befindliche Einheit)
  • Dunkelgraue Felder – Strassennetz. Ermöglicht die Verschiebung schwerer Einheiten (mechanisierte Infanterie oder Panzer).
  • Blaue Felder – Flüsse. Ein Fluss kann unabhängig von der Art der Einheit nur über eine Brücke überquert werden.

Dispositiv zur Startaufstellung

OPFOR wird gemäss seiner Dispositiv-Aufstellung aufgestellt. BLUEFOR legt seine eigene Startaufstellung auf den ihm zugewiesenen Feldern fest.

Ziele

BLUEFOR muss das Zielfeld (N6) (mit einem gestrichelten blauen Quadrat markiertes Feld) einnehmen.

Bewegung und Reichweiten der Systeme

Diese Elemente legen fest, was eine Einheit tun kann und was nicht. Es handelt sich um Grenzen hinsichtlich der Fähigkeiten und der Position.

Leichte Infanterie-Kompanie

Verschiebungen: Bis zu 2 Felder pro Zeitsequenz (ca. 30‘), geländegängig ausser Flüssen – Übersetzen nur über eine Brücke möglich.

Wirkungsreichweite: 2 Felder, 1 Feld in bedecktem oder überbautem Gelände.

Mechanisierte Infanterie-Kompanie

Verschiebungen: Bis zu 3 Felder pro Runde, nur offenes Gelände oder Strassennetz – weder bedecktes noch überbautes Gelände noch Flüsse ohne Brücke.

Wirkungsreichweite: 1 Feld, ohne Einfluss des Geländes.

Panzerkompanie

Verschiebungen: Bis zu 3 Felder pro Runde, nur offenes Gelände oder Strassennetz – weder bedecktes noch überbautes Gelände noch Flüsse ohne Brücke.

Wirkungsreichweite: 3 Felder in offenem Gelände, 1 Feld in bedecktem oder überbautem Gelände mit Strasse.

Wirkdrohnenzug

Verschiebungen: Bis zu 2 Felder pro Zeitsequenz (ca. 30‘), geländegängig ausser Flüssen – Übersetzen nur über eine Brücke möglich.

Wirkungsreichweite: 3 Felder, unabhängig vom Gelände.

Fragestellung

Auf der Grundlage der zu beachtenden Spielbedingungen und Einschränkungen ist eine vierstufige Beurteilung der Lage in folgender Reihenfolge vorzunehmen:

  1. Unmöglichkeiten der OPFOR. Bevor positive Annahmen getroffen werden, ist festzustellen, was OPFOR nicht tun kann – was die Bedingungen und Auflagen von vornherein ausschliessen. In diesem Teil geht es nicht darum, was OPFOR tun wird, sondern darum, was bereits ausserhalb seiner Möglichkeiten liegt.
  2. Bestimmende Lageentwicklungsmöglichkeit. Sobald die Unmöglichkeiten feststehen: Welche Entwicklung der Situation ist unter den für OPFOR noch offenen Möglichkeiten am wahrscheinlichsten oder hat die schwerwiegendsten Folgen für BLUEFOR?
  3. Kampfabsicht. Für die bestimmende Lageentwicklungsmöglichkeit: Was BLUEFOR beschliessen würde – zusammenfassend formuliert: Kraft – Raum – Zeit – Information, mit Begründung.
  4. Ausgangslage. Wie platziere ich als BLUEFOR meine 5 Einheiten zu Beginn auf A3 – A8?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #30

Mit dem Decision Game #30 haben wir erstmals ein TDG auf Grundlage des Spielkonzepts Via Negativa durchgeführt. Der entscheidende Unterschied zu bisherigen TDGs liegt darin, dass nicht unmittelbar die beste taktische Lösung gesucht wird. Ausgangspunkt war vielmehr, was der Gegner nicht tun kann. Basierend auf diesem Ausschlussverfahren wird eine bestimmende gegnerische Lageentwicklung abgeleitet und daraus die eigene Kampfabsicht entwickelt. Das Spielbrett dient als strukturierte Grundlage für die taktische Beurteilung – es ist jedoch nicht erforderlich, die Spielzüge durchzuspielen.

Wir haben diese Logik für die Bewertung berücksichtigt. Jede Lösung wurde auf einer Skala von 0 bis 5 anhand von fünf Kriterien beurteilt: Unmöglichkeiten der OPFOR 25 %, bestimmende Lageentwicklungsmöglichkeit 20 %, Kampfabsicht 30 %, innere Kohärenz und Ausgangsdispositiv 10 % sowie Entscheidungen unter Vorbehalt und Anpassungsfähigkeit 15 %. Die Qualität der Analyse ROT macht damit 45 % der Bewertung aus. Dies ist bewusst so gewählt: Eine gute taktische Intuition kann in einer Situation zum richtigen Ergebnis führen; eine nachvollziehbare Methode soll hingegen auch in einer veränderten Lage wieder funktionieren.

Drei unterschiedliche Zugänge

Die drei Einsendungen zeigen diesen Unterschied sehr deutlich. Hptm Raphael Iselin erreicht mit 2,95 von 5 Punkten den ersten Rang, die beiden weiteren Lösungen liegen mit 2,30 und 2,10 Punkten nahe beieinander.

Hptm Iselin überzeugt insbesondere durch die systematischste Analyse der gegnerischen Wirkungsmöglichkeiten. Er kombiniert Bewegung und Wirkungsreichweite für die verschiedenen Waffensysteme und leitet daraus Einschränkungen der OPFOR ab. Zudem erkennt er, dass das Ziel N6 selbst keinen Schutz bietet, und identifiziert den gegnerischen Wirkdrohnenzug als Schlüsselverband, der möglichst früh ausgeschaltet werden muss. Seine Forderung, einen «Vorsprung in der Entscheidung» zu erreichen, trifft damit einen zentralen Mechanismus der Lage. Seine Lösung birgt allerdings auch Fehler. Sein Hauptstoss führt über den südlichen Übergang, der durch Wirkdrohnen und Panzer gedeckt wird, während der nördliche Übergang zunächst ausserhalb der Reichweite der roten Panzer liegt. Die starke Analyse wird somit nicht vollständig in die eigene Kampfabsicht übersetzt. Zudem werden mehrere gegnerische Entwicklungsmöglichkeiten genannt, ohne eine davon eindeutig als bestimmend beziehungsweise besonders gefährlich festzulegen.

Der Zweitplatzierte geht beinahe den umgekehrten Weg. Seine eigentliche Manöveridee liegt am nächsten bei unserer Musterlösung: Er wählt den nördlichen Übergang, will dort zunächst einen begrenzten Teil des Gegners schlagen und die roten Kräfte damit nacheinander statt gleichzeitig bekämpfen. Auch seine Überlegungen zur anschliessenden Anpassung an die Reaktion des Gegners weisen bereits in Richtung von Entscheidungen unter Vorbehalt. Das Problem liegt vor allem in der Herleitung. Die erste Stufe der Via Negativa wird kaum durchgeführt; an ihre Stelle tritt teilweise ein spiegelbildliches «Wenn ich der Gegner wäre, würde ich …». Damit ist die taktische Intuition plausibel, aber nur eingeschränkt reproduzierbar. Hinzu kommen einige Inkonsistenzen im Ausgangsdispositiv und die Fixierung von Kräften vor dem besonders stark gedeckten mittleren Übergang.

Der knapp Drittplatzierte wiederum liefert die sorgfältigste formale Rahmung der Aufgabe. Er erkennt zwei tatsächliche Unklarheiten der Aufgabenstellung, berechnet die Zeit bis N6 und formuliert einen vergleichsweise präzisen Informationsbedarf mit Auslösern für weitere Entscheidungen. Auch sein Gedanke, die roten Kräfte vor dem eigenen entscheidenden Vorgehen zunächst abzunutzen weist in die richtige Richtung. Entscheidend ist jedoch auch hier die fehlende Kohärenz zwischen Analyse und Befehl: Obwohl er selbst erkennt, dass OPFOR schneller auf N6 wirken kann, entwickelt sich seine Lösung letztlich doch zu einem Wettlauf zum Ziel. Hinzu kommen Fehlberechnungen bei der Drohnenwirkung und ein Stoss über den mittleren Übergang, der von drei gegnerischen Systemen gedeckt wird.

Der Vergleich der drei Lösungen zeigt damit besonders deutlich, weshalb die Methode bei diesem TDG stärker gewichtet wurde als die blosse Übereinstimmung mit einer Referenzlösung. Für ein Instrument zur Schulung taktischer Beurteilung wie Via Negativa gibt letztlich Letzteres den Ausschlag. Die Referenzanalyse selbst zeigt zudem, dass die Lage weniger als Rennen nach N6 denn als Sequenzproblem zu verstehen ist: zuerst die gegnerische Wirkdrohne und die gefährlichen Feuerstellungen beherrschen, danach die gegnerischen Teilkräfte abnutzen und erst zuletzt das Ziel besetzen.

Wir gratulieren Hptm Raphael Iselin herzlich und wünschen viel Freude bei der Lektüre von What I Learned Losing a Million Dollars von Jim Paul und Brendan Moynihan sowie beim Ausprobieren des zusätzlich gestifteten Brettspiels Offensive Le Jeu.

Im November werden wir erneut ein TDG auf Grundlage dieses Spielkonzepts erstellen. Für die nächste Runde empfehlen wir allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, insbesondere drei Punkte zu beherzigen:

  1. Zuerst ausschliessen, dann im verbleibenden Möglichkeitsraum weiterdenken. Vor jeder Annahme über das gegnerische Verhalten ist zu bestimmen, was die einzelnen gegnerischen Einheiten aufgrund von Bewegung, Reichweite und Gelände nicht tun können. Erst auf dem verbleibenden Möglichkeitsraum baut die weitere Beurteilung auf. Je belastbarer diese Grundlage ist, desto robuster wird auch der daraus entwickelte Plan.
  2. Den Plan am Gefährlichsten ausrichten, nicht am Wahrscheinlichsten. Unter den verbleibenden Möglichkeiten ist die wahrscheinlichste gegnerische Entwicklung nicht zwingend jene, gegen die der eigene Plan bestehen muss. Er sollte insbesondere gegenüber der gefährlichsten Möglichkeit robust sein – denn wenn diese eintritt, kann sie die Lage entscheidend verändern.
  3. Vorbehaltene Entschlüsse an die Ausschlüsse koppeln. Für jede Anpassung ist ein beobachtbarer Auslöser zu formulieren: Wenn X beobachtet wird, folgt Y. Gleichzeitig sollte klar sein, welche bisherige Annahme oder welcher Ausschluss durch X infrage gestellt wird. So bleibt der Plan mit seinen analytischen Grundlagen verbunden und kann angepasst werden, sobald eine davon nicht mehr trägt.

Über unsere «Decision Games»

Das «Decision Game» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

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Archiv Tactical Decision Games

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #30 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #29

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #29

Das Szenario ist eine Adaption der Star Trek Next Generation-Folge „Das Standgericht“ (1991, Staffel 4, Folge 21) und thematisiert die überbordenden Massnahmen der Terrorprävention in spiralig eskalierenden Massnahmen, die nie die Legalität verlassen, aber ethisch bedenklich werden weil die Intention Terror zu verhindern mit der Konkretion der Einschüchterung, Denunziation und ggf. Fehlurteilen zugunsten der Generalprävention kollidiert.

Sie sind Kompaniekommandant und in Ihrer Einheit hat es einen Autounfall mit erheblichem Sachschaden gegeben; verletzt wurde niemand. Zufällig oder nicht wurde ein Kamerad am Vorabend in der Nähe des verunglückten Autos gesehen. Da diese Person noch dazu Verwandte in China, Frankreich, Russland, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten von Amerika hat, spekulieren manche Kameraden über Sabotage oder terroristische Motive.

Als eine externe Untersuchungskommission aus hochrangigen und höchst professionellen Angehörigen des Ressorts den Unfall behandelt, sagt der Leiter/die Leiterin der Kommission Ihnen unter vier Augen, dass es ganz sicher nicht nur einen Saboteur geben könne, sondern dass mindestens drei zusammengearbeitet haben müssten. Zum Schutz der übrigen Kameraden und als abschreckende Prävention sollten diese, auch wenn es keine ausreichenden Beweise gäbe, durch geeigneten Druck verunsichert und zu einem Geständnis oder zumindest dem Austritt aus den Streitkräften motiviert werden: Vor allem in der jetzt geopolitisch so angespannten Lage müsse man den Anfängen wehren und klare Zeichen nationaler Souveränität und einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Sabotage setzen.

Sie werden diskret gebeten – ohne auf persönliche Freundschaften Rücksicht zu nehmen – jene drei Personen zu benennen, die Sie am meisten dazu fähig halten und, soweit sie darüber dienstlich oder privat Bescheid wissen, Informationen mit der Kommissionsleitung zu teilen, die für die Kompromittierung geeignet seien. Ihnen wird Anonymität zugesagt sowie eine korrekte strafrechtliche und militärpsychologische Begleitung des Prozesses, sobald die unmittelbaren Schutzmassnahmen gegriffen hätten.

Zugleich wird in den Raum gestellt, dass, sollten Sie niemanden benennen können oder wollen, durchaus der Verdacht entstehen könne, dass Sie selbst als Kommandant jemanden schützen oder sogar decken wollten. Es gehe schliesslich nicht nur um diesen konkreten Unfall bzw. Sabotageakt, sondern um die nationale Sicherheit.

Fragestellung

  • Wie gehen Sie vor?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #29

Das Szenario des jüngsten Ethical Decision Games (EDG) konfrontierte die Teilnehmenden mit einem fundamentalen Führungskonflikt: Ein Kommandant wird durch die Leitung einer externen Untersuchungskommission informell unter Druck gesetzt, ohne belastbare Beweise Angehörige der eigenen Einheit für einen mutmasslichen Sabotageakt zu benennen. Als Begründung wird die nationale Sicherheit in einer angespannten geopolitischen Lage angeführt. Die Aufgabe bestand darin, auf diese unrechtmässige Aufforderung zu reagieren, ohne die institutionelle Ordnung oder die Führungsverantwortung gegenüber der eigenen Einheit zu verletzen. Die eingereichten Lösungsansätze zeigten unterschiedliche, führungspraktisch wertvolle Herangehensweisen auf.

Der Zweitplatzierte, Markus Heini, wählte eine direkte, prinzipienfeste Konfrontation. Er fordert von der Kommission eine schriftliche Bestätigung der unrechtmässigen Aufforderung und adressiert den Druck so konsequent an den Absender zurück. Seine ethische Argumentation ist von grosser Klarheit: Wer rechtsstaatliche Prinzipien im Namen der Sicherheit ausser Kraft setzt, beschädigt exakt die Institution, die er zu schützen vorgibt.

Der erste Platz geht an Oblt Arthur Martin Lopez. Seine Einsendung zeichnet sich durch eine umfassende, systematische Analyse der Situation und eine präzise abgeleitete Handlungsstrategie aus. Oblt Lopez identifiziert zunächst die informelle Natur des Gesprächs als gezielte Manipulationsstrategie. Anstatt in einen verbalen Konflikt zu treten, wählt er den Weg der sofortigen Eigen-Dokumentation mittels Aktennotiz und leitet den Vorgang auf dem offiziellen Dienstweg weiter.

Den Ausschlag für die Erstplatzierung gab die Bewältigung der Führung nach innen. Während andere Einsendungen die Einheit als solche weitgehend ausblendeten, erkannte Oblt Lopez die Gefahr der schwelenden Gerüchteküche für die Kohäsion der Kompanie – insbesondere im Hinblick auf die multinationalen Wurzeln des Verdächtigen. Er sieht eine aktive, strukturierte Kommunikation gegenüber der Truppe vor, um toxische Spekulationen zu unterbinden und den Grundsatz der Unschuldsvermutung durchzusetzen.

Die Auswertung dieses EDG unterstreicht, dass sich militärische Führungsintegrität besonders dann beweisen muss, wenn institutioneller Druck und die Aussicht auf einen vermeintlich einfachen Ausweg aufeinandertreffen. Ein Bekenntnis zu rechtsstaatlichen Prinzipien reicht in der Praxis nicht aus; es bedarf der handwerklichen Kompetenz, diese Haltung in konkrete, rechtlich und führungstechnisch korrekte Massnahmen umzusetzen. Der Schutz der Unterstellten vor Willkür bleibt dabei ein zentrales Element der militärischen Führungsverantwortung.

Wir gratulieren Oblt Arthur Martin Lopez herzlich und wünschen viel Freude bei der Lektüre von «Philosophische Anthropologie und Religion», herausgegeben durch Moritz von Kalckreuth.

Über unsere «Decision Games»

Das «Decision Game» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

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Archiv Tactical Decision Games

Archiv Ethical Decision Games

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Leader's Digest Leader's Digest #29 Newsletter TDG

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #28

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigen Maj i Gst Anton Regli und Oberst i Gst Patrick Hofstetter, Dozent Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #28

«Kadi, Kadi. Sie sind Da! Die ORIONISTEN greifen an.» Du wirst jäh aus deinem Schlaf gerissen und brauchst zuerst einen Moment, dann trifft dich die neue Realität wie eine Ohrfeige: 

Wir schreiben das Jahr 2028, es herrscht Krieg in EUROPA. Die USA haben sich von der transatlantischen Partnerschaft abgewendet. Nach massivem Druck und hybriden Aktionen an der Ostfront ist die NATO in regionale Verteidigungsbündnisse zerfallen. UNGARN und ÖSTERREICH beugen sich zunehmend dem politischen Druck des östlichen Aggressors ORION. Dieser hat angekündigt im Rahmen des Manövers WESTWIND 28 die Vorwärtsverteidigung des Vaterlandes zu trainieren. Dazu ist die 42. Gardepanzerarmee im Raum VORARLBERG aufmarschiert.

Als Reaktion auf die Lageverschlechterung hat der Bundesrat vor drei Monaten die Armee mobilisiert und einen Oberbefehlshaber (OBA) eingesetzt. Die Bevölkerung ist gespalten und verängstigt. Insbesondere in den grossen Städten gibt es Stimmen, die eine Anpassung fordern: «lieber unter ORION leben, als unnötig sterben». Die Moral in der Armee ist dagegen intakt, auch wenn das alte Material und die tiefe Bevorratung der Truppe und ihrer Führung Sorgen machen. 

Die kohärente Führung der Armee gestaltete sich von Beginn weg schwierig, da das Command-und-Control-System noch nicht flächendeckend eingeführt ist und unsere Netze kompromittiert scheinen. Vereinzelt wurden bereits Angriffsdrohnen auf militärische und zivile Ziele in der OSTSCHWEIZ eingesetzt – deren Attribution stritt ORION jedoch stets ab. Die bodengestützte Luftabwehr offenbarte dabei gravierende Lücken. Des Weiteren belastet regelmässiges Probing die Flotte der alten FA-18 zunehmend, der Luftraum ist nur noch begrenzt in unserer Hand. 

Aus all diesen Gründen hat sich die Armeeführung für einen sehr dezentralen Aufmarsch entschieden. Ein Grossteil der infanteristischen Formationen wurde sofort zum Schutz der Grenze und der kritischen Infrastrukturen eingesetzt. Sie erfüllen ihren Auftrag pflichtgetreu. Der OBA liess zudem mit Freiwilligenregimentern ein Netz aus leichten Kräften über die SCHWEIZ spannen, um Spionage, Sabotage sowie Subversion vorzubeugen und so das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu stärken. Die schweren Kräfte betreiben in der ganzen SCHWEIZ verteilt die Einsatzbezogene Ausbildung (EBA). Um die Handlungsfreiheit zu wahren, wurde eine hohe logistische Autonomie angeordnet, das heisst ein Grossteil des Materials und der Munition wurde bereits von den Bataillonen gefasst. Reserven wurden dezentralisiert sowie an die Divisionen und Brigaden verteilt.

Das Mechanisierte Bataillon 29 bereitet sich im Raum THUN auf einen möglichen Einsatz vor. Du führst die DELTA Kompanie, die sich nach den gestrigen Schiessübungen im Bereitschaftsraum BLUMENSTEIN befindet.

Wachtoffizier Dugalesi, der dich geweckt hatte, informiert dich über die Lage: 

  • Heute 0500 erfolgte ein gegnerischer Grossschlag mit Marschflugkörpern, Ballistischen Raketen und Angriffsdrohnen gegen symbolische Ziele sowie militärische Führungs- und Logistikinfrastruktur. ORION hat seine Kampagne zur Unterdrückung unserer Luftabwehr und Zerschlagung unserer Luftmacht offensichtlich gestartet. Das Luftlagebild ist unklar. Die Grenzschutzverbände stehen unter massivem Artilleriefeuer, ein Stoss am Boden steht unmittelbar bevor.
  • Kampfhelikopter und taktische MALE Drohnen (Medium Altitude Long Endurance) sind offensichtlich während der Morgendämmerung in den Luftraum eingedrungen und Kreisen über BERN. Auf den sozialen Medien kursieren zudem Bilder von Transporthubschraubern, die auf dem Flugplatz BELP gelandet sind, sowie Videos von weiteren Wellen an Maschinen, die sich quer durchs Land nach Westen bewegen.
  • Das in der Bundesstadt stationierte Freiwilligenregiment BUBENBERG meldet Kampfhandlungen mit zivil gekleideten Personen und berichtet von aufgegriffenen Agenten an Checkpoints sowie Explosionen in der BERNER ALTSTADT. Daher hat die Polizei die Stadtbevölkerung dazu aufgerufen, die Schutzräume aufzusuchen und nicht aus dem Haus zu gehen. 
  • Vom Bundesrat fehlt bisher jede Spur. Es gibt jedoch Gerüchte, dass sich die Regierung über den Flugplatz BELP absetzen wollte, bevor dieser vom Gegner besetzt wurde. Ein verwackeltes Handyvideo zeigt einen Tross von schwarzen Geländefahrzeugen vor dem dortigen Terminal.
  • Der Kontakt zur vorgesetzten Stufe ist abgebrochen – es muss davon ausgegangen werden, dass das HQ der Brigade getroffen wurde.
  • Der S2 (Nachrichtenoffizier) interpretiert die nebulöse Nachrichtenlage im Raum BERN so, dass der Gegner versucht mit einem überwältigenden Luftangriff und einem strategischen Enthauptungsschlag den Willen von Volk und Armee früh zu brechen, um sich nicht mühsam am Boden durchkämpfen zu müssen.
  • Eine erste Luftlandung in BELP ist bereits erfolgt, dieser Verband soll wohl den Flughafen sichern, damit weitere Kräfte nachgeführt werden können. Der Gegner wird wohl anschliessend versuchen, symbolträchtige Regierungsgebäude unter seine Kontrolle zu bringen sowie die politische und militärische Führung gefangen zu setzen oder zu töten. 
  • Der Bataillonskommandant 29 hat sich entschieden, nicht weiter zuzuwarten. Er hat seine Aufklärungselemente sofort ausgelöst, um das Lagebild zu verdichten. Er will
    • mit einer Vorhutkompanie entlang der Achse A6/H6 stossen, um diese zu öffnen und offenzuhalten;
    • mit zwei Kompanien das BUNDESHAUS-VIERTEL nehmen, um dieses zu halten und günstige Voraussetzungen für die STRATCOM (Strategic Communication) zu schaffen;
    • mit einer Kompanie den luftgelandeten Gegner bei BELP vernichten, um dem Gegner das Nachführen weiterer Kräfte zu verwehren;
    • die Logistik, inklusive den Sanitätsdienst, über die in der EBA etablierten Prozesse mit kleinen mobilen Nachschubteams im Bringprinzip sicherstellen.
  • Die DELTA Kompanie hat den Auftrag: «Nimmt und hält Flugplatz BELP. Verhindert weitere Luftlandungen.» Und, so der Bataillonskommandant wörtlich, «erschiesst mir um Himmel-Herrgottswillen nicht unsere Landesregierung!»
  • Wachtoffizier Dugalesi informiert dich zudem, dass er als Sofortmassnahme den Alarm MECCANO ausgelöst hat. Das heisst, die Züge erstellen selbstständig Marschbereitschaft und haben den Marschbereitschaftsgrad IV («abfahrbereit innert Minuten») in 1 Stunde erreicht.
  • Die Zugführer werden sich in 30 Minuten bei dir zur Befehlsausgabe einfinden. Die Zeitverhältnisse schliessen eine detaillierte Aktionsplanung aus. Was jetzt gefragt ist, ist ein verständlicher, machbarer Plan und entschlossene Führung im Gefecht.

Gegner

Es gibt keine genauen Informationen über das Dispositiv des Gegners beim Flugplatz BELP. Der S2 geht von folgenden Mitteln aus:

  • leichte Infanterie in maximal Kompaniestärke
  • 3-4 leicht gepanzerte Fahrzeuge, wohl BMP, Modell unklar
  • komplette Palette infanteristischer Wirkmittel, insbesondere auch verschiedene Typen von Drohnen, Panzerabwehrwaffen und Mörsern.

Es muss zudem damit gerechnet werden, dass sich gegnerische Sonderoperationskräfte in Truppstärke bereits im Raum befinden, um die gelandeten Elemente zu unterstützen.

Eigene Mittel

Deine Kompanie ist wie folgt zusammengesetzt:

  • 2 Sensoren zur Aufklärung und Feuerleitung mit Aufklärungsfahrzeug 93/97, inkl. TASYS
  • 1 Panzerzug mit 4 Kampfpanzer 87 WE
  • 2 Panzergrenadierzüge mit je 4 Schützenpanzer 2000 NUV
  • 1 Panzersappeurzug mit 4 Pionierpanzer 21
  • 1 Mörserzug à 4 Mörser 16
  • 12 Kleindrohnen, diverse Modelle zur visuellen Informationsbeschaffung, aufgeteilt auf die Sensoren und die Kampfzüge
  • 1 Kommandozug, inkl. 1 Bergepanzer und einigen ungepanzerten Fahrzeugen für Logistik und Sanitätsdienst.

Die dreimonatige EBA hat den Ausbildungsstand deiner Kompanie wie geplant stark erhöht. Die Integration der Panzersappeure und Mörser hat nach gewissen Anlaufschwierigkeiten geklappt. Der Sensor-to-Shooter-Loop ist etabliert und funktioniert – solange die Technik tut. Die Moral und die Disziplin in der Truppe sind sehr gut. Du bist froh, dass du dich hierbei auf verlässliche, gestandene Unteroffiziere stützen kannst. Dein höherer Kader besteht zum Grossteil aus initiativen Milizoffizieren und höheren Unteroffizieren, die kreative Lösungen für taktische und technische Probleme finden.

Sorgen bereiten dir vor allem drei Aspekte:

  • dies wird der erste Kampfeinsatz deiner Kompanie. Du weisst nicht, wie Führung und Truppe mit der Realität von Töten und Sterben umgehen werden. Es bleibt das Vertrauen in Training, Resilienz und Kohäsion; 
  • der junge Leo-Zugführer (Leopard Kampfpanzer), Leutnant Capreol, ist «frisch ab Presse» und verfügt über entsprechend geringe taktische Kenntnisse. Grundsätzlich zwar engagiert, aber oft zurückhaltend bei wichtigen Entscheidungen, stützt er sich stark auf die Erfahrung und Initiative seiner Panzerkommandanten;
  • wenn die Panzergrenadiere absitzen, gibt es kein Halten mehr. Nach den Zertifizierungsübungen vor zwei Wochen attestierte der Inspizient, die sehr hohe Truppenmoral «wirkt zuweilen tollkühn». Gezielte Grundaggressivität kippt rasch in «Trigger-Happiness» um.

Umwelt

Das Gelände präsentiert sich gemäss den öffentlich zugänglichen Satellitenbildern. 

Für den heutigen Apriltag ist Hochnebel angekündigt, letzte Woche hat es stark geregnet.

Zeitverhältnisse

Kompanie DELTA hat Marschbereitschaftsgrad IV um 0600 erreicht.

Es sind keinerlei Zeitverhältnisse bezüglich Auftragsdauer oder einer möglichen Unterstützung bekannt. Durch dein Netzwerk weisst du, dass sich die Kameraden der Schwesterbataillone 13 und 14 im Raum KANDERTAL bzw SEELAND befinden.

Fragestellung

  • Skizziere deinen Entschluss auf der Karte und formuliere deine Absicht einfach und präzise.
  • Begründe folgende Aspekte in wenigen Sätzen, damit deine Zugführer deine Absicht nachvollziehen können:
    • Wo und wie erwartest du das gegnerische Dispositiv?
    • Wie gedenkst du die eigene Feuerüberlegenheit einzusetzen?
    • Welche Massnahmen triffst du gegen Kampfhelikopter und Drohnen?
    • Wie gehst Du mit dem Gerücht um, dass sich der Bundesrat im Kampfraum befinden soll?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #28

Zum Tactical Decision Game «Kulminationspunkt BELP» haben uns fünf detailliert ausgearbeitete Lösungen erreicht. Trotz unterschiedlicher Akzentsetzung weisen sie eine bemerkenswerte unité de doctrine auf: Alle Teilnehmenden gehen davon aus, dass der luftgelandete Gegner den Flugplatz BELP als Stützpunkt hält, die Zugänge sichert und seine wenigen gepanzerten Fahrzeuge als bewegliche Reserve einsetzt.

Entsprechend folgen die Lösungen grundsätzlich derselben Logik des Kampfes der verbundenen Waffen: Sensoren klären auf und unterstützen die Feuerführung, Kampfpanzer schaffen Feuerüberlegenheit, Panzergrenadiere führen den Angriff, Panzersappeure gewährleisten die Beweglichkeit und machen die Piste unbrauchbar. Gegen gegnerische Drohnen und Kampfhelikopter setzen die Teilnehmenden vor allem auf passive Schutzmassnahmen wie Tarnung, Auflockerung, kurze Stellungsdauer und Tempo.

Auch die mutmassliche Anwesenheit des Bundesrates wird übereinstimmend nicht als Hinderungsgrund für die Auftragserfüllung beurteilt. Vorgeschlagen werden jedoch erhöhte Anforderungen an Zielidentifikation, Feuerführung und das Vorgehen im Bereich des Terminals. Hier könnte durchgängig stärker berücksichtigt werden, dass es sich hierbei schlicht um eine gezielte Fehlinformation des Gegners handelt. Doch wir fokussieren die Besprechung auf einen anderen Aspekt.

Der entscheidende Punkt: Der Anmarsch

Die gemeinsame Schwäche der Lösungen liegt darin, dass sie vor allem das Gefecht auf dem Flugplatz planen, den Anmarsch unter gegnerischer Aufklärung und Verzögerung jedoch weniger konsequent berücksichtigen. ORION muss die Schweizer Reaktionsverbände nicht vernichten. Es genügt, ihr Eintreffen bis zur nächsten Luftlandewelle zu verzögern.

Das gekammerte Gelände rund um BELP erlaubt dem Gegner, Engnisse mit geringem Kräfteansatz zu sperren, mechanisierte Verbände zu kanalisieren und sie durch Hinterhalte oder Drohnenangriffe abzunützen. Zwar naheliegend, aber eben besonders riskant ist deshalb ein geschlossener Anmarsch über die A6 und die HUNZIGENBRÜGG: Bereits ein zerstörtes Fahrzeug oder eine einfache Sperre könnte die gesamte Kompanie auf dem falschen Ufer der AARE blockieren.

Die gegnerischen Drohnen werden in den meisten Lösungen primär als Schutzproblem verstanden. Sie sind jedoch ebenso ein Mittel, um die Annäherung aufzuklären, eigene Kräfte in ungünstiges Gelände zu lenken und Zeit zu gewinnen. Auch die reflexartige Nutzung der dominierenden Höhen überzeugt nur bedingt. Von HOHBURG ist eine zuverlässige Wirkung auf den Flugplatz fraglich; bei ENGLISBERG und ZIMMERWALD müssten sich die Kampfpanzer an Geländekanten exponieren und wären damit besonders durch Drohnen und Panzerabwehrwaffen gefährdet.

Daraus ergibt sich ein alternativer Ansatz: getrennt marschieren und gemeinsam zuschlagen. Die Panzergrenadiere sollten über mehrere Achsen vorgehen, während der Panzerzug als beweglicher Verfügungsverband bereitgehalten wird. Die Sensoren wären zunächst zur Spähaufklärung der eigenen Annäherungsachsen und erst anschliessend zur Zielaufklärung auf dem Flugplatz einzusetzen. So müsste der Gegner seine knappen Kräfte auf mehrere Bedrohungen verteilen und könnte den Angriff weniger einfach kanalisieren.

Der Sieger: Lt Maxime Rinderknecht

Den ersten Platz sichert sich Lt Maxime Rinderknecht. Seine Lösung erkennt am ehesten, dass das Gefecht nicht erst auf dem Flugplatz beginnt. Er verteilt Sensoren und Kräfte auf mehrere Räume, berücksichtigt KEHRSATZ und mögliche Fluchtachsen und verbindet die taktische Lage mit der operativen Bedeutung einer zweiten Luftlandung sowie den strategischen Folgen einer möglichen Anwesenheit des Bundesrates.

Sein Ansatz ist allerdings komplex und verlangt eine anspruchsvolle Synchronisation. Gerade die räumliche Auflockerung macht ihn aber vergleichsweise robust: Der Gegner kann die Schweizer Kräfte weniger einfach auf einer einzelnen Achse verzögern, während der Panzerzug den Flugplatz abriegeln oder dort nachstossen kann, wo sich zuerst eine günstige Gelegenheit ergibt.

Honorable Mention: Oblt Arthur Martin Lopez

Eine ehrenvolle Erwähnung verdient Oblt Arthur Martin Lopez. Seine Lösung ist hinsichtlich Absicht, Entscheidpunkten, Sensor-to-Shooter-Loop, Feuerdisziplin und Übergang in die Verteidigung am konsequentesten aufgebaut. Zudem berücksichtigt sie den Faktor Mensch besonders sorgfältig.

Problematisch sind jedoch die angenommene Feuerwirkung des Panzerzuges aus Distanz und der zentralisierte Anmarsch. Dieser könnte bereits vor dem vorgesehenen Flankenmanöver durch einen einzelnen Hinterhalt zum Stillstand gebracht werden. Oblt Lopez präsentiert damit den methodisch ausgefeiltesten, unter den konkreten Gelände- und Zeitverhältnissen aber nicht den robustesten Plan.

Insgesamt zeigen die fünf Einsendungen ein gutes taktisches Niveau und ein gemeinsames Verständnis des Kampfes der verbundenen Waffen. Der zentrale Lernpunkt dieses TDG liegt jedoch darin, das relevante Teilproblem zu erkennen: Entscheidend ist nicht allein, wie der Gegner auf dem Flugplatz geschlagen wird, sondern ob und wie die eigenen Kräfte diesen überhaupt rechtzeitig und handlungsfähig erreichen.

Wir gratulieren Lt Maxime Rinderknecht herzlich und wünschen viel Freude bei der Lektüre von «Clausewitz verstehen: Wirken, Werk, Wirkung» von Christian Th. Müller.

Über unsere «Decision Games»

Das «Decision Game» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

Neu: Alle bisherigen Artikel aus der Rubrik «Decision Game» finden Sie archiviert und sortiert mit den folgenden beiden Links:

Archiv Tactical Decision Games

Archiv Ethical Decision Games

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #28 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #27

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #27

Ihr Infanteriezug ist seit Wochen im intensiven Häuser- und Ortskampf. Ein Trupp Schutzhundeführer ist fixer Bestandteil der Kampfeinheit. Der Schutzhund TRINITAS hat die Truppe schon bei drei Gefechten vor Verlusten geschützt. Er wurde vom Bataillonskommandanten dafür bereits zum Korporal befördert und ist für viele Soldaten, abgesehen von seinen Fähigkeiten, eine wichtige emotionale Stütze in dem rauen Gefecht und «Zuhörer» in allen Problemlagen.

Heute Morgen ist Ihre abgesetzte Patrouille, bestehend aus zwei Gruppen und verstärkt mit TRINITAS, in einen Hinterhalt geraten. Es gelang Ihnen als Zugführer, sich unter Feuer und Bewegung in eine Deckung zurückzuziehen und den Gegner zu fixieren. Dabei wurde TRINITAS jedoch durch die Explosion einer FPV-Drohne verletzt und er liegt nun verwundet etwa 100 Meter vor der Deckung auf offener Strasse und versucht mit aller Kraft, zur Gruppe zu kriechen. Hundeführer Matteo Huber ist ausser sich und zu allem bereit. Auch Gruppenführer Taner Demiri ist fest entschlossen, TRINITAS zu retten. In Anbetracht der gegnerischen Scharfschützen, der FPV-Drohnen in der Luft und der offenen Strasse schätzen Sie die Situation jedoch als äusserst riskant ein. Die Soldaten sind bereit, ihr Leben für TRINITAS zu riskieren: «er hat dasselbe für uns auch getan und dreien von uns das Leben gerettet» – «genau, wir lassen keinen von uns zurück.» Die Meinungen scheinen gesetzt, aber Sie als Zugführer haben mehr als nur Zweifel: Sie haben eine Verantwortung für Ihre Männer und Frauen. Wer will den Eheleuten und Kindern zuhause erklären, dass Ihre Liebsten für ein Tier gestorben sind? Andererseits: welche Rolle spielt die Truppenmoral? TRINITAS aufzugeben, würde diese ohne Zweifel erschüttern und vielleicht die Truppe voneinander entfremden. Welche Bedeutung für nächste Gefechte haben Zweifel in der Truppe wie «Und mich? Würdet ihr mich in einer ähnlichen Situation wie TRINITAS ebenfalls zurücklassen?» Sie haben jedoch auch gesehen, was die Todesfälle der Gefreiten Inês Fernandez und des Infanteristen Andrin Marti letzte Woche in der Nachbarkompanie ausgelöst hatten.

Fragestellung

  • Wofür entscheidest Du Dich?
  • Wie handelst Du?
  • Was sind Deine Worte an die Truppe?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #27

Das Dilemma um “TRINITAS”

Der Sieger: Oblt Romain Berthod

Den ersten Platz in diesem EDG sichert sich Oblt Romain Berthod mit einer durchdachten und ausgewogenen Lösung. Seine Analyse stützt sich auf militärsoziologische Konzepte wie die horizontale Truppenkohäsion und die Gefahr von Moral Injury bei einem unreflektierten Zurücklassen des Tieres. Taktisch setzt Berthod eine konsequente Risikominimierung voraus, bevor er eine Bergung überhaupt in Betracht zieht.

Hervorzuheben ist insbesondere seine Führungskommunikation: Anstatt sich auf die reine Befehlsausgabe zu beschränken, greift er die emotionale Bindung der Truppe auf und kanalisiert diese in militärische Disziplin. In seiner Ansprache appelliert er an die Soldaten, TRINITAS dadurch zu ehren, dass sie in der unübersichtlichen Lage ebenso professionell und besonnen handeln, wie es der Hund stets vorgelebt hat. Er macht das Tier somit zum moralischen Vorbild für das Verhalten, das in dieser Krise von der Einheit gefordert ist.

Honorable Mentions: Oblt Lopez und Oblt Morales

Zwei weitere Einsendungen überzeugten durch ihre methodische Qualität und verdienen eine ehrenvolle Erwähnung:

  • Oblt Arthur Martin Lopez zeichnet sich durch einen starken strukturellen Aufbau aus. Eine besondere Qualität seiner Arbeit liegt in seiner Entscheidungsmatrix, die eine allfällige Rettung klar an taktische Gegebenheiten koppelt. Zudem beweist er analytische Breite durch den Einbezug eines historischen Fallbeispiels – des 2015 getöteten französischen Polizeihundes DIESEL der Sondereinheit RAID. Damit zeigt er praxisnah auf, wie bewaffnete Einheiten den Verlust eines Tieres verarbeiten können, ohne dass die Kohäsion Schaden nimmt.
  • Oblt Célia Morales liefert eine gut strukturierte Herleitung durch die Anwendung des OODA-Loops und ein konsequentes Festhalten an der Doktrin Care under Fire. Ein zentrales Element ihrer Lösung ist ein wirkungsvolles rhetorisches Mittel in der Führungskommunikation: Sie initiiert bei den Soldaten einen Perspektivenwechsel, indem sie diese bittet, sich vorzustellen, sie lägen selbst verwundet auf der Strasse. Die anschliessende Frage, ob sie in dieser Lage wirklich wollen würden, dass ihre Kameraden für eine Bergung das eigene Leben riskieren, dient der Versachlichung und Deeskalation.

Fazit: Abschliessend lässt sich festhalten, dass das Niveau der Einsendungen zu diesem EDG sehr erfreulich war. Das Spannungsfeld zwischen Auftragserfüllung, Fürsorgepflicht für Menschenleben, Fragen über den moralischen Status von Tieren, und Truppenmoral hat die Teilnehmenden zu mehreren fundierten, taktisch soliden und psychologisch differenzierten Lösungsansätzen bewogen. Wir danken allen, die sich dieser Herausforderung gestellt haben und gratulieren Oblt Berthod zum ersten Platz und wünschen ihm viel Spass bei der Lektüre von «Adaptation under Fire – How Militaries Change in Wartime» von David Barno und Nora Bensahel.

Über unsere «Decision Games»

Das «Decision Game» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

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Leader's Digest Leader's Digest #27 Newsletter TDG

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #26

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberst i Gst Patrick Hofstetter, Dozent für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #26

Gegner

Gegner im Interessenbereich

Die Kräfte haben bereits im Raum WIETZENDORF (35km weiter im Süden) ihren Verteidigungskampf begonnen und stehen nun mit den verbliebenen Kräften in der letzten Verteidigungsstellung. Die Frontbataillone, namentlich die mechanisierten Bataillone 431+ 432, sind bereits vollständig zerschlagen und haben ihre Aufträge nicht erfüllt.

Restkräfte des Mechanisierten Regiments 43 (ROT):

  • Verhindert gegnerischen Stoss über die Verteidigungslinie AMELINGHAUSEN-WRIEDEL für 6h, um dem mechanisiertem Regiment 44 den Gegenangriff über den ELBESEITENKANAL zu ermöglichen und diesen weiterhin zu halten.

Gegner im Verantwortungsbereich

Vermutete Absicht Mechanisiertes Bataillon 433 (ROT):

  • Verteidigt mit 2 Panzergrenadierzügen (Kampfkraft noch ca. 75%) AMELINGHAUSEN.
  • Verteidigt mit 1 Panzerzug die Südausläufer AMELINGHAUSEN (Kampfkraft noch 2 x T80).

Wenn es dem Feind nicht gelingt AMELINGHAUSEN zu halten, kann BLAU bis zum ELBESEITENKANAL durchstossen und das Mechanisierte Regiment 43 ist vollständig zerschlagen und der Auftrag der Feindkräfte ist nicht erfüllt. Es geht in dieser Verteidigungslinie um alles oder nichts für die Wislanische Armee.

Eigene Mittel

Sie sind Zugführer des CHARLIE Zuges [Anmerkung: in der Bundeswehr der 3. Zug der Kompanie, im Gegensatz zur Schweiz, wo CHARLIE für die 3. Kompanie des Bataillons steht] in der Panzergrenadierkompanie 4/132:

  • Ihnen zur Verfügung stehen 4 Schützenpanzer PUMA mit 24 Panzergrenadieren als Absitzstärke.
  • Der Schützenpanzer PUMA verfügt über MELLS (Panzerabwehrlenkwaffe mit bis zu 4 km Reichweite) und einer 30mm Bordkanone. Siehe Kurzerklärung PUMA: https://www.youtube.com/watch?v=YSCaAJTSeQ03.55%
  • Ihr Zug ist vollständig einsatzbereit, aufmunitioniert und hat trotz bereits 35km Kampf in die Tiefe als einziger Zug der Kompanie keine Verluste erlitten.
  • Die Moral ist hoch, das Bataillonsangriffsziel AMELINGHAUSEN sowie der Sieg steht kurz bevor, dies aus Sicht ihres Kommandeurs.
  • In der Kompanie stehen 2 Brückenpanzer LEGUAN zur Verfügung (jeweils einmal in Konfiguration 14m und 26m). Siehe Kurzerklärung LEGUAN: https://www.youtube.com/watch?v=XWYnKV-J6oU

Sie rollen mit 30 km/h und befinden sich aktuell 500m westlich des DRUMBERG und sind Spitzenzug in der Kompanie (Siehe Karte).

Auftrag

In der Befehlsausgabe während der laufenden Operation durch Ihren Kompaniekommandanten haben Sie folgenden Auftrag erhalten:

Nimmt und hält 2 Übergänge in REHLINGEN offen.

(die Brückenpanzer stehen auf Abruf zur Verfügung und werden, sobald Sie gesichert melden, an mögliche Einlegestellen durch den Kompaniekommandant befohlen).

Umwelt

Zur Lage in REHLINGEN ist nur bekannt, dass es zwei leistungsfähige Übergänge über die LOPAU gibt. Nördlich befindet sich eine Biogas-Anlage entlang der Hauptstraße (Kreisstraße 19).

Zeitverhältnisse

Die aktuelle Uhrzeit lautet: 21:07 UHR – in Niedersachsen ist zu dieser Jahreszeit bereits seit einer Stunde dunkel. Der Kompaniechef erwartet innerhalb der nächsten 45min ihre Erfolgsmeldung.

Soeben kommt eine Meldung des Aufklärungzugführers rein: Spähtruppführer 4 auf Kompanieführungsnetz: hier Auge 4, eigener Standort bei M-12+2. Über UAS aufgeklärt zwei Sprengungen in REHLINGEN bei 817 847 und aufsteigende Rauchsäulen. 2 BMP in Ausweichbewegung nach Norden. Kläre weiter auf. (Zeit 2107Z)

Fragestellung

  • Analysieren Sie mittels den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln (Karten, Open Source Medien etc) kurz das Gelände. Für solche OSINT-Analysen eignet sich in der Schweiz Swisstopo und alternativ auch Google Earth Pro, welches im Vergleich zu Google Maps mehr Funktionen wie bspw Distanzmessung, Radiusmessung, historische Satellitenaufnahmen etc aufweist. Google Earth Pro kann kostenlos installiert werden, Swisstopo ist im Browser verfügbar.
  • Wie lautet Ihr Entschluss als Zugführer? (SKIZZE und ein Befehl «Orientierung – Absicht – Aufträge» sind gefordert)
  • Begründen Sie in 3 Sätzen Ihren Entschluss.

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #26

Das Decision Game zu REHLINGEN stellte den Zugführer des CHARLIE Zuges vor eine Aufgabe, die auf den ersten Blick einfach wirkte: zwei Übergänge in REHLINGEN nehmen und offenhalten. Tatsächlich lag die Schwierigkeit aber nicht im isolierten Nehmen einer Ortschaft oder einzelner Brückenstellen, sondern im Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Dunkelheit, Zeitdruck, zwei gemeldete Sprengungen, ausweichende feindliche BMP, der eigene Auftrag als Spitzenzug der Kompanie und die Verfügbarkeit von zwei Brückenpanzern LEGUAN, die erst nach gesicherter Meldung durch den Kompaniekommandanten an mögliche Einlegestellen befohlen werden konnten.

Wir liefern auch diesmal keine Musterlösung, sondern eine Besprechung anhand der drei besten Einsendungen. Die zentrale Frage war dabei nicht nur, ob ein Entschluss formuliert wurde, sondern ob die Lage richtig erfasst, der Entschluss taktisch machbar und der Einsatz der Brückenpanzer in einen stimmigen Zugbefehl überführt wurde.

Über fast alle Einsendungen hinweg zeigte sich ein ähnliches Problem: Die gemeldete Sprengung der Brücken wurde zu wenig konsequent verarbeitet. Mehrere Lösungen gingen implizit davon aus, dass man die gesprengten Brücken einfach wieder mit Brücken belegen könne. Das ist problematisch. Trümmerwurf ist kein Randdetail, sondern muss jedem Offizier als taktisches und technisches Problem bewusst sein. Wer zerstörte Brücken in aktuellen Kriegsbildern betrachtet, etwa aus der Ukraine, erkennt rasch, dass sich darauf oder unmittelbar daneben nicht einfach beliebig eine Behelfsbrücke einlegen lässt. Genau hier begann die eigentliche Geländebeurteilung: Nicht «wo waren vorher Brücken?», sondern «wo kann unter den gegebenen Umständen ein Brückenpanzer tatsächlich einlegen?».

Der zweite wiederkehrende Punkt betrifft den LEGUAN. Ein Brückenpanzer ist für einen Panzergrenadierzug ein artfremdes Mittel. Gerade deshalb muss der Zugführer dessen Einsatz aktiv in seinen Entschluss integrieren. Es genügt nicht, den LEGUAN zu erwähnen oder vorauszusetzen, dass er nachher irgendwie erscheint. Im Befehl muss klar werden, wer den Brückenpanzer aufnimmt, wer ihn einweist, wer ihn während des Einlegens schützt, wer als erstes übersetzt und welches Verhalten nach dem Erstellen der Brücke gilt. Mehrere Eingaben blieben genau an dieser Stelle zu allgemein.

Drittens fehlte bei vielen Lösungen die Phase nach dem Einlegen der Brücke. Der Auftrag endet nicht mit der Meldung «Brücke liegt». Danach muss der Brückenkopf gebildet und gesichert werden. Auf Stufe Zug heisst das beispielsweise: mit den PUMA in die Tiefe sichern, in die nächste Geländekammer wirken, Feuer und Beobachtung auf mögliche Gegenstösse ausrichten und das Nachziehen der Kompanie ermöglichen. Wer nur bis zum Einlegen denkt, denkt den Auftrag nicht fertig.

Viertens wurde der Gesamtrahmen der Kompanie zu wenig genutzt. Viele Zugführer kämpften in ihren Lösungen faktisch allein. Genau das war aber der Clou dieser Aufgabe. Der CHARLIE Zug ist Spitzenzug der Kompanie, nicht eine isolierte Kampfgruppe. Daraus ergeben sich Fragen: Wo gehen die Nachbarzüge hin? Wann kann ein Flankenschutz durch Folgezüge übernommen werden? Welche Aufklärungsleistung brauche ich weiterhin vom Aufklärungszug? Was muss ich beim Kompaniekommandanten beantragen? Auch ein Antrag – etwa auf Blenden, Feuerunterstützung oder eine präzisere Führung der Aufklärung – kann Teil eines guten Entschlusses sein, wenn er taktisch begründet wird.

Die Biogasanlage im Norden wurde in einzelnen Lösungen stark gewichtet. Sie ist zwar Infrastruktur und kann bei Zerstörung zu Feuer, Explosion oder Sichtbehinderung führen. Für den Auftrag des Zuges ist sie aber nicht automatisch das taktische Schlüsselgelände. Wer die Biogasanlage zum Zentrum des Entschlusses macht, läuft Gefahr, Kräfte an ein Objekt zu binden, das für das Offenhalten der Übergänge nur begrenzten Mehrwert hat.

Den ersten Rang belegt Hauptmann Pugin. Seine Eingabe war insgesamt die stärkste. Ausschlaggebend war vor allem die saubere Geländeanalyse. Er erkannte das Problem der gesprengten Brücken, beurteilte realistische Einlegemöglichkeiten und dachte den Schutz der Brückenpanzer mit. Seine Absicht war klar, taktisch machbar und in sich stringent. Auch die Befehlsgebung war präzise und auf Stufe Zug gut führbar. Verbesserungspotenzial bestand vor allem in der Phase nach dem Einlegen: Die Sicherung des Brückenkopfes in die Tiefe hätte noch klarer geregelt werden müssen. Zudem bleibt bei einem mechanisierten Zug immer kritisch zu prüfen, wie weit man die eigenen Kräfte auseinanderzieht und ab wann Folgekräfte der Kompanie bestimmte Sicherungsaufgaben übernehmen können. Insgesamt war dies jedoch die überzeugendste Gesamtlösung.

Auf dem zweiten Rang folgt Leutnant Rinderknecht. Positiv hervorzuheben ist, dass er AUGEZ angewandt und sich sichtbar bemüht hat, Gegner, Gelände und eigene Handlungsmöglichkeiten strukturiert zu erfassen. Seine Lösung enthält mehrere richtige Überlegungen und zeigt taktische Denkarbeit. Gleichzeitig bleibt der Entschluss in der Formulierung zu wenig zwingend. Einzelne Massnahmen, insbesondere der Beobachtungs- beziehungsweise Alarmposten im Norden, binden Kräfte, ohne den Auftrag wesentlich zu fördern. Auch die starke Fokussierung auf die Biogasanlage lenkt eher vom Kernproblem ab. Hier fehlte das Denken im Gesamtrahmen der Kompanie besonders deutlich: Wenn Folgezüge nachstossen, muss nicht der Spitzenzug dauerhaft einen grossräumigen Flankenschutz im Norden leisten. Trotz dieser Schwächen war die Eingabe insgesamt substanziell genug für den zweiten Rang.

Den dritten Rang erreicht Hauptmann Petkoski. Seine Lösung war kurz, einfach und verständlich. Die Skizze war brauchbar, die Befehlsgebung auf Stufe Zug zweckmässig, und die Verwendung von Patrouillen entsprach dem Rahmen eines Panzergrenadierzuges besser als eine zu starke Zerstückelung in einzelne abgesessene Gruppen. Positiv war zudem, dass der Angriff bei Nacht in die Begründung einfloss. Kritisch bleibt, ob zwei Gruppen an zwei verschiedenen Orten ausreichen, um zwei Übergänge zu nehmen, zu sichern und gleichzeitig die Brückenpanzer zweckmässig aufzunehmen. Auch bei ihm hätte klarer befohlen werden müssen, wer die LEGUAN einweist, schützt und nach dem Einlegen den Brückenkopf sichert. Gerade weil die Lösung knapp und präzise war, wäre hier mit wenigen zusätzlichen Sätzen viel gewonnen gewesen.

Die wichtigste Lehre aus diesem Decision Game ist damit weniger eine einzelne taktische Lösung als vielmehr ein Führungsgrundsatz: Der Zugführer darf seinen Auftrag nicht isoliert betrachten. Er muss Gelände, Gegner, eigene Mittel, Zeitdruck, Nachbarzüge, Unterstützungsleistungen und artfremde Mittel zu einem führbaren Entschluss verdichten. Das Nehmen von REHLINGEN war nur der erste Teil. Entscheidend war, unter den Bedingungen gesprengter Übergänge den Einsatz der LEGUAN zu ermöglichen, diese zu schützen und anschliessend einen tragfähigen Brückenkopf für die Kompanie zu schaffen.

Die ersten drei Plätze erhalten erneut Preise von tacsymbols.ch – vielen Dank dafür. Für den ersten Rang gibt es zusätzlich das Buch des Monats April, Leadership is Language: The Hidden Power of What You Say – and What You Don’t von L. David Marquet, mit Signatur des Autors.

Zum Schluss noch eine Korrektur in eigener Sache: Bei der Auswertung des letzten Monats ist uns ein Fehler unterlaufen. Hptm Bryan Morisod hatte gleich viele Punkte wie der Erstplatzierte erreicht. Er erhält deshalb nachträglich ebenfalls ein Exemplar des März-Buches.

Eine Ersatzbrücke kann nicht einfach so über eine zerstörte Brücke gelegt werden. Bild: 2022, Irpin, Ukraine.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #25

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #25

Inspiriert von eigenen Erlebnissen

Sie sind Offizier der Schweizer Armee mit Einsatzerfahrung im Ausland und wurden für ein Jahr nach Côte d’Ivoire entsandt. Sie sind gut bereist und können von sich behaupten, dass Sie sich in fremden Kulturkreisen sicher, freundlich und unaufgeregt bewegen können. Ihre berufliche Tätigkeit vor Ort findet an einem westafrikanischen Center für Frieden und Sicherheit statt. Sie dürfen sich im Land frei bewegen und geniessen zudem, durch Ihren Diplomatenstatus, einen gewissen Schutz. Nach ein paar Wochen im Land befinden Sie sich noch in der Angewöhnungsphase, aber Sie fühlen sich aufgrund der sehr freundlichen Menschen im Land sicher. Trotz allem helfen die diplomatischen Nummernschilder bei den täglich zu passierenden Checkpoints (ansonsten wird für eine Weiterfahrt oftmals illegal Geld verlangt). Korruption ist weitverbreitet und vonseiten der Botschaft gibt es bezüglich Rules of Behaviour (RoB; Verhaltensregeln) keine Vorgaben.

Sie entscheiden sich für eine Erkundungsreise im Gastland, um die Kultur und die lokalen Unterschiede im Land besser kennenzulernen. Sie bevorzugen, aufgrund der Einfachheit, der verkehrstechnischen Erreichbarkeit und der Flexibilität, mit dem persönlichen Fahrzeug zu reisen. Die vom EDA publizierten Reisebeschränkungen für kleine Teile des Landes haben Sie in Ihrer Reiseroute grosszügig berücksichtigt, sodass auch der Risikobeurteilung Rechnung getragen wird. Da Sie eng mit der Botschaft zusammenarbeiten, haben Sie diese im Sinne des «Blue Force Tracking» über die Reiseroute orientiert. Man war über die Reiseroute überrascht und etwas skeptisch. Ihre ivorianischen Arbeitskollegen am Center konnten Sie gut bezüglich Etappenzielen beraten, und einer von ihnen wird Sie auf der Erkundung sogar begleiten.

Aufgrund der wiederkehrenden Polizeikontrollen haben Sie sich mit Ihrem Kollegen (ziviler Mitarbeiter der ivorianischen Streitkräfte) öfter über das Verhalten von korrupten Beamten, Wertehaltung, Unbestechlichkeit und Vorbildwirkung unterhalten und dabei klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie aufgrund Ihrer Werte keine Bestechung oder Ähnliches tolerieren.

Als Sie nach einigen Reisetagen in eine im Norden gelegene, grössere Stadt einfahren, stellen sich Verkehrsführung und Navigation als Herausforderung dar. Das GPS funktioniert nicht zuverlässig und das Reiseziel kann nicht auf Anhieb angesteuert werden. Sie entscheiden sich Ihr Fahrzeug zu wenden um ins Zentrum der Stadt zu verschieben. Kurz nach Ihrem Wendemanöver stellen sich zwei vermutlich unbewaffnete, uniformierte Beamte vor Ihr Fahrzeug, und Sie werden an der Weiterfahrt gehindert. Die verbale Kommunikation ist streng, fordernd, laut und nervös. Sie haben noch Mühe, das nonverbale Verhalten der Lokalen korrekt einzuordnen. Sie überlegen sich, wie Sie vorgehen wollen, während sich die Ungeduld der Beamten sichtbar macht.

Besondere Anmerkungen:

  • Sie sind beide nicht in Uniform. Der Kollege im Fahrzeug bleibt ruhig und äussert sich nur dahingehend, dass mit etwas Bargeld die Situation rasch behoben sei.
  • Ihr Auto ist weiterhin blockiert, und es sind einige Männer in der Umgebung, die das Geschehen mitverfolgen.
  • Sie haben das Fenster leicht geöffnet und versuchen zu erklären, dass Sie für die Schweizer Botschaft arbeiten und einen Diplomatenpass besitzen. Sie weisen auf das diplomatische Fahrzeugkennzeichen hin. Die Sicherheitsleute verstehen nicht, was Sie damit sagen wollen.
  • Der Beamte will 300 USD als Bussgeld, oder der Vorgesetzte und weitere Beamte würden beigezogen. Die Gemüter scheinen sehr erhitzt.

Fragestellung

  • Wie gehen Sie vor?
  • Was sind Ihre Überlegungen bezüglich einer möglichen Eskalation?
  • Wie stehen Sie zur illegalen Bestechung als weitverbreitetem, lokalem Verhalten?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #25

Das vorliegende Szenario an einer ivorianischen Strassensperre stellt eine Aufgabe dar, die einen anspruchsvollen Spagat erfordert: Die Wahrung der eigenen moralischen Integrität (Prinzipientreue/Anti-Korruption) bei gleichzeitiger Gewährleistung der physischen Sicherheit in einem volatilen, interkulturellen Umfeld.

Die Auswertung der Rekordzahl von 12 Einsendungen zeigt, dass weder ein blinder moralischer Relativismus noch ein starrer ethischer Rigorismus zielführend sind. Gefragt sind situative Sensibilität, deeskalierendes Handeln und eine präzise moralphilosophische Reflexion.

Platz 1: Hauptmann Steven Senn

Herausragende ethische und taktische Synthese

Die Einsendung von Hptm Senn wird als die beste Lösung bewertet (18/20 Punkte). Er meistert das moralische Dilemma durch eine brillante konzeptionelle Differenzierung und verbindet dies mit klugem taktischem Verhalten.

Begründung und Stärken:

  • Exzellente moralphilosophische Präzision (Doppeleffekt): Hptm Senn löst das Dilemma um die «illegale Bestechung», indem er implizit die Lehre von der Doppelwirkung anwendet. Er trennt sprachlich und konzeptionell zwischen aktiver Bestechung (Geld zahlen, um sich proaktiv einen unrechtmässigen Vorteil zu erkaufen) und dem Zahlen eines Lösegelds (Zahlung unter Nötigung/Notstand, um einen unverhältnismässigen physischen Schaden abzuwenden). Durch diese Unterscheidung verrät er seine Prinzipien nicht, sondern passt sie der Realität einer Notwehrsituation an.
  • Taktische Deeskalation («Bürokratie als Schutzschild»): Anstatt einfach zu verweigern, verlangt er über seinen Kollegen eine offizielle Quittung. Dies ist ein bewährtes, gewaltfreies Mittel, um illegale Forderungen abzuwehren, ohne die Beamten direkt der Korruption zu bezichtigen.
  • Vorbildliche Führung und Delegation: Er nutzt seinen ivorianischen Kollegen aktiv als kulturellen Brückenbauer und Berater («Reality Check»), behält aber die klare Letztverantwortung für den moralischen Entscheid.
  • Transparenz: Die Einordnung des Vorfalls als meldepflichtiges «Blue Force Tracking»-Ereignis stellt die institutionelle Integrität im Nachgang sicher.

Besondere Erwähnung: Hauptmann Raphael Iselin

Sehr gute Leistung durch laterales Denken

Hptm Iselin liefert den kreativsten und intellektuell fesselndsten Lösungsansatz des Teilnehmerfeldes (16/20 Punkte). Seine Einsendung besticht durch eine tiefe Selbstreflexion über die Rolle des Schweizer Offiziers.

Stärken des Ansatzes:

  • Kreative Konflikttransformation: Hptm Iselin löst das Problem der Bestechung durch einen klugen interkulturellen Schachzug: Er schlägt vor, die korrupten Beamten spontan über den ivorianischen Kollegen als «Guides» anzuheuern, um den Weg ins Zentrum zu finden. Dadurch verwandelt er eine illegale Erpressung in ein legitimes Dienstleistungsgeschäft. Die Beamten erhalten ihr Geld und wahren ihr Gesicht vor den Zuschauern, während Iselin für eine tatsächliche Gegenleistung zahlt und seine Integrität wahrt.
  • Tiefgehende Eskalationsanalyse: Er beweist ein hervorragendes Gespür für die Dynamik der Strasse und erkennt präzise, dass das primäre Ziel der Beamten nicht Gewalt, sondern Einschüchterung als «Geschäftsmodell» ist.

(Anmerkung: Einziger Wermutstropfen ist seine hohe persönliche Risikobereitschaft, bei der er physische Gewalt bis zur Schwelle von lebensbedrohlichen Verletzungen in Kauf nehmen würde, um seine Prinzipien zu wahren).

Problematische Lösungsansätze

Bei den übrigen Einsendungen offenbarten sich verschiedene ethische, taktische und interkulturelle Defizite, die in einer realen Einsatzumgebung zu kritischen Eskalationen oder zum Verlust der Führungsglaubwürdigkeit führen würden.

Die schwächeren Lösungsansätze lassen sich in folgende problematische Muster kategorisieren:

1. Moralisches Outsourcing & Führungsschwäche

Einige Lösungsansätze übergeben die Verhandlungsführung völlig unstrukturiert an den ivorianischen Kollegen, mit der impliziten Akzeptanz, dass dieser vermutlich Schmiergeld zahlen wird. Der Offizier wäscht seine Hände in Unschuld («Ich habe ja nicht bestochen»). Dies ist keine kulturelle Arbeitsteilung, sondern das Abschieben der moralischen Verantwortung an einen Untergebenen.

2. Dogmatische Paragraphenreiterei & Arroganz

Auffällig war die Tendenz, sich in einer ausländischen Strassensperre hinter dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zu verstecken oder aggressiv die Namen der Beamten zu fordern, um sie «aus der Anonymität zu zwingen». Dies verkennt die realen Machtverhältnisse, treibt die Beamten vor Publikum in die Enge und erzwingt einen Gesichtsverlust, der fast zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss.

3. Arrogante Konfrontation («Wartespiel»)

Ein anderes konfrontatives Vorgehen bestand darin, den Beamten zu drohen, sofort den Botschafter anzurufen, und ihnen vorzuwerfen, sie würden die «Gastfreundschaft ihres Landes beschmutzen». Gepaart mit der Ankündigung, man habe Zeit und könne das Ganze vor der zuschauenden Menge aussitzen, ist dies ein gefährliches Machtspiel ohne interkulturelle Sensibilität.

4. Schönwetter-Ethik & Riskante Kurzschlusshandlungen

Einige Lösungswege offenbarten einen ethischen Opportunismus: Solange keine Gefahr droht, pocht man auf Prinzipien; sobald Druck aufkommt, wirft man diese kurzerhand über Bord. Besonders kritisch war in diesem Zusammenhang der Plan B, bei einer drohenden Eskalation in einem blockierten Fahrzeug mit Umstehenden «einfach aufs Gas zu drücken» und zu fliehen. Dies erfüllt den Tatbestand der leichtfertigen Sicherheitsgefährdung.

5. Intellektuelle Inkonsistenz

Es wurde der Versuch unternommen, das Szenario mit Vokabeln der Spieltheorie (Koordinationsspiel, Nutzenmaximierung) analytisch zu fassen und Eigenschutz zu priorisieren, nur um im Fazit in einen starren moralischen Absolutismus zu verfallen («ich könnte mit dem Zahlen persönlich nicht leben»). Wenn das theoretische Fundament das praktische Handeln nicht stützt, kollabiert die Handlungsfähigkeit unter Stress.

6. Naivität & Bunker-Mentalität

Zu den taktisch schwächeren Ansätzen zählten das Verriegeln der Fahrzeugtüren bei gleichzeitigem Drücken des Diplomatenpasses von innen an die Fensterscheibe. Dies signalisiert Angst und Überheblichkeit. Ebenso naiv war der (fehlende) Plan B bei der unrealistischen Annahme, korrupte Strassenbeamte würden sich freiwillig darauf einlassen, dem ausländischen Fahrzeug auf einen offiziellen Polizeiposten zu folgen, um dort die Busse abzuwickeln.

Wir danken allen für ihre Einsendungen und gratulieren Hptm Steven Senn zum Gewinn des Buch des Monats vom März, «Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA» von Takuma Melber.

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Leader's Digest Leader's Digest #25 Newsletter TDG

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #24

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigen Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter und Maj i Gst Florian Schweizer gemeinsam die herausragenden Handlungsempfehlungen.

Decision Game aus Leader’s Digest #24

Gegner im Interessenbereich

Vermutete Absicht Mechanisiertes Regiment 43 (ROT):

  • Verteidigt, unter Gefechtssicherung mit Feldposten in Zugstärke auf der Linie WROGE (ND 61 61) – HÄTELER BERG (ND 67 62) – MÜDEN (ND 75 59 ausserhalb der Karte im OSTEN),
  • mit zwei Mechanisierten Bataillonen nebeneinander, Mechanisiertes Bataillon 431 rechts (unser Angriffsstreifen) und Mechanisiertes Bataillon 432 links, hier Schwerpunkt, in Stellung 1, nördlich der Linie WIETZENDORF-FASSBERG, und zwei Bataillonen in der Tiefe, Mechanisiertes Bataillon 433 rechts in Stellung 2 und Panzer Bataillon 434 links, nördlich der Linie WILDE BERGE (ND 62 69) – SUROIDE (ND 65 68) – OERREL (ausserhalb der Karte im Osten),
  • ab 020600Z nov xx für mindestens 84h
  • um so Angriff Panzergrenadier-Brigade 13 (BLAU) zum Stehen zu bringen – als Voraussetzung für das Offenhalten der Übergänge ELBESEITENKANAL (weit im Nordosten).

Gegner im Verantwortungsbereich

Vermutete Absicht Mechanisiertes Bataillon 431 (Kampfkraft noch 35% mit insgesamt 8 Spz BMP-2):

  • verteidigt mit zwei verminderten Mechanisierten Kompanien, Schwerpunkt rechts, Stellung 1 Mechanisiertes Regiment 43 im Raum beiderseits WIETZENDORF, unter Gefechtssicherung durch Feldposten bei WROGE und HÄTELER BERG, um so den Angriff Panzergrenadier Brigade 13 zum Stehen zu bringen.

Eigene Mittel

Panzergrenadier-Kompanie 132

  • 3 x Panzergrenadier-Zug mit Schützenpanzer PUMA und MELLS (MELLS = Panzerabwehrlenkwaffe mit bis zu 5km Reichweite)
  • 24 Angehörige Absitzstärke pro Panzergrenadier-Zug (der absitzende Zugführer führt den gesamten Zug)

Die Kompanie ist vollständig einsatzbereit, aufmunitioniert und hat gerade erst vor kurzem die Ablauflinie überschritten.

Auftrag

Kompanie des Panzergrenadier Bataillon 132 (im Osten)

  • Anmarsch unter Nutzung Anmarschweg B,
  • greift vorn rechts im Schwerpunkt an,
  • durchstößt Sicherungskräfte im Raum HÄTELER BERG,
  • nimmt Übergänge WIETZE,
  • nimmt Zwischenziel 1 Bataillon ostwärts WIETZENDORF,
  • folgt danach 2. Panzer-Bataillon 133 rechts im Schwerpunkt auf der Linie HAUSMANNSHÖHE (69/69) – ILSTER (Nördlich ausserhalb Karte) – EHLBEK (Nördlich ausserhalb Karte) – REHLINGEN (Nördlich ausserhalb Karte),
  • stellt sich darauf ein, im Raum HAUSMANNS HÖHE Gegenangriff Mechanisiertes Regiment 43 im Zusammenwirken Steilfeuer und Wurfminensperre aufzufangen,
  • nimmt Angriffsziel Bataillon,
  • stellt sich darauf ein, im Angriffsziel Bataillon (AMELINGHAUSEN weit im Norden) Stellung 3.1 – 3.4 zu beziehen.

Umwelt

Der Raum südlich Wietzendorf ist durch das WIETZENDORFER MOOR und GROSSES MOOR zweigeteilt. Ein Angriff über befestigte Strassen ist im Westen nur über die B3 (Bundesstrasse 3) und im Osten nur über die K12 (Kreisstrasse 12) oder K43 (Kreisstrasse 43) möglich. Die leistungsfähigen Brücken existieren deren zwei Ostwärts WIETZENDORF (einmal über die Brücke der K12 und über die Brücke der K43, beide MLC 100 (militärische Lastenklasse 100 Tonnen). Der November in NIEDERSACHSEN bringt viel Regen und Nebel mit sich, der Boden ist aufgeweicht und die Wälder rund um den HÄRTELER BERG sind schlecht mit schwerem Gerät befahrbar.

Zeitverhältnisse

Der Bataillonskommandeur erwartet von Ihnen, dass Sie in den nächsten 90min die Übergänge über die WIETZE geschlagen haben und der Angriff ins Bataillonszwischenziel erfolgt.

Fragestellung

Wie lautet Ihr Entschluss als Kompaniekommandant?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #24

Das Decision Game #24 hat die Rekordzahl von acht Einsendungen ausgelöst – und das, obwohl die Aufgabe aufgrund der Terminologie und des Kartenmaterials der Bundeswehr vielen Leserinnen und Lesern etwas fremder war als sonst. Die Beurteilung der Einsendungen in der gegebenen Zeit wäre nicht möglich gewesen ohne Unterstützung des Autors, Maj i Gst Florian Schweizer – ihm gilt hier ein zusätzlicher Dank.

Wir liefern hier wie gewohnt keine Musterlösung, sondern eine Besprechung anhand der drei besten Einsendungen. Die Frage «Wie lautet Ihr Entschluss» haben wir dazu in drei Bereiche heruntergebrochen: Wurde die Lage richtig erfasst? Ist der Entschluss taktisch machbar? Lässt sich die formulierte Absicht in einen stimmigen Befehl überführen?

Den ersten Rang belegt Cap Damien Bordier. Seine Eingabe war insgesamt klar die stärkste. Ausschlaggebend waren nicht bloss Kürze und Präzision, sondern vor allem die taktische Beurteilung. Er erfasst das Kräfteverhältnis korrekt, berücksichtigt die Minenverlegefähigkeit des Gegners und denkt den dynamischen Kampf des Vorpostens konsequent mit. Seine Absicht ist machbar, nachvollziehbar und in sich stringent:
Ich will:

  • In einer ersten Phase mit einem Zug die Höhen von HÄTELER BERG einnehmen und Feuerunterstützung auf die Brücken 01 und 02 vorbereiten;
  • In einer zweiten Phase mit zwei Zügen gleichzeitig die Brücken 01 und 02 einnehmen;
  • In einer dritten Phase mit zwei Zügen das Zwischenziel WIETZENDORF von OSTEN her über die Brücke 02 angreifen;
  • In einer letzten Phase BRAVO passieren lassen, reorganisieren und mich darauf vorbereiten auf Höhe HAUSMANNSHÖHE zu sperren (neue Befehlsausgabe).

Besonders überzeugend ist, dass er nicht nur auf das Nehmen der Brücken fokussiert, sondern auch die Fortführung des Kampfes im Auge behält.

Auch sein Kompaniebefehl ist knapp und klar. Die Phasengliederung ist nachvollziehbar, Aufträge und Absicht sind stimmig, die taktische Sprache ist präzise. Verbesserungspotenzial sehen wir primär in zwei Punkten: Erstens hätte die Artillerie stärker in das eigene Denken integriert werden können. Zweitens gilt es zu beachten, dass mit zwei Zügen gleichzeitig zwei Brücken zu nehmen eine Herausforderung wird. Das ändert aber nichts daran, dass dies die überzeugendste Gesamtlösung war.

Auf dem zweiten Rang folgt Lt Maxime Rinderknecht. Seine Eingabe war sehr kurz, teilweise fast schon knapp, hat aber in mehreren Punkten überzeugt. Die Kernaussagen in der Beurteilung sind weitgehend richtig erkannt, und auch die Bereitschaft, verschiedene Varianten zu entwickeln, verdient Anerkennung. Positiv hervorzuheben sind zudem die Kreativität des Ansatzes, die Geländetaufe mit erkennbarem Mehrwert für Unterstellte, sowie der eingebaute taktische Dialog am Schluss.

Gleichzeitig zeigen sich hier auch deutliche Grenzen. Der gewählte Infiltrationsansatz mag auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, trägt jedoch dem Zeitdruck des Bataillonskommandanten zu wenig Rechnung. Wer für das Nehmen der Übergänge maximal rund 90 Minuten hat, kann sich keine langwierige abgesessene Infiltration leisten. Hinzu kommt eine ungenügende Geländeanalyse. Der vorgeschlagene abgesessene Kampf über offene Freiflächen ist in diesem Raum wenig zweckmässig, weshalb auch die Aufteilung der Kompanie in auf- und abgesessene Elemente kaum zielführend ist. Insgesamt ist dies ein interessanter, umfassender Beitrag mit guten Ansätzen, aber ohne die taktische Stringenz des Erstplatzierten.

Den dritten Rang erreicht Hptm Raphael Iselin. Seine Arbeit war sehr ausführlich und er hat sich die Mühe gemacht, gleich drei Varianten zu entwickeln und sich aktiv mit dem Gelände auseinanderzusetzen. Auch der gewählte Schwerpunkt ist grundsätzlich richtig gesetzt, und einzelne Elemente – etwa der Antrag an die Artillerie – sind für sich betrachtet zweckmässig gedacht.

Entscheidend für die tiefere Platzierung ist jedoch ein grundlegender Fehler in der Feindbeurteilung. Er überschätzt die gegnerischen Kräfte im Einsatzraum deutlich. Das mechanisierte Bataillon verteidigt WIETZENDORF nicht mehr mit vier Zügen, sondern nach den angenommenen Verlusten nur noch mit rund zweieinhalb. Auch der Vorposten wäre entsprechend kleiner zu beurteilen. Dieser Ausgangsfehler zieht sich durch den gesamten Lösungsansatz und lässt sich später nicht mehr auffangen. Hinzu kommt, dass die taktische Sprache wiederholt unpräzis bleibt und sich die Absicht nicht sauber zeichnen lässt. Sein Beitrag zeigt Denkarbeit, bleibt aber in der taktischen Verdichtung hinter den beiden Erstplatzierten klar zurück.

Knapp hinter dem Podest landete auf Rang vier übrigens ein Offizier der Bundeswehr, der stringent, sprachlich präzis und insgesamt sehr sauber gearbeitet hat. Nach unserer Einschätzung hat ihn wohl einzig der fehlende vollständige Befehl davon abgehalten, dieses Decision Game zu gewinnen.

Der Erstplatzierte gewinnt wie gewöhnlich das Buch des Monats, «Keine Regeln: Warum Netflix so erfolgreich ist» von Reed Hastings und Erin Meyer. Für den ersten Platz gibt es zudem zusätzlich ein Kompanieset (Panzergrenadierkompanie) an taktischen Symbolen. Die zweitplatzierte Einsendung wird mit einem Zugset (Panzergrenadierzug) an taktischen Symbolen honoriert, die drittplatzierte mit einem Fahrzeugset zur Lagedarstellung (Panzergrenadierzug blau). Die drei Zusatzpreise wurden von TACSYMBOLS.CH gesponsert – vielen Dank dafür.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #24 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #23

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #23

Ein europäisches Partnerland bittet die Schweiz kurzfristig um Unterstützung bei einer grossangelegten Übung zur Verteidigungsbereitschaft. Die sicherheitspolitische Lage ist angespannt, hybride Aktivitäten nehmen zu und die Öffentlichkeit beobachtet jede militärische Bewegung mit erhöhter Sensibilität. Die Armee verfügt über die nötigen Mittel und Kompetenzen, doch ein Engagement hätte mehrere Konsequenzen. Eine Teilnahme würde die internationale Kooperation stärken und das eigene Know-how verbessern. Gleichzeitig könnte sie innenpolitisch kontrovers wirken, weil Teile der Bevölkerung eine stärkere sicherheitspolitische Sichtbarkeit der Schweiz kritisch sehen.

Auf Stufe Armeeführung entsteht ein Dilemma. Soll die Armee die Übung unterstützen und damit ein klares Zeichen der Bereitschaft setzen, wie es Bauer in seinem Buch [If You Want Peace, Prepare for War: A Blueprint for Deterrence] fordert? Oder soll sie Zurückhaltung üben, um innenpolitische Spannungen zu vermeiden und das Neutralitätsverständnis nicht unnötig zu belasten?

Fragestellung

Wie begründest du deine Entscheidung gegenüber Politik, Truppe und Öffentlichkeit?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #23

Geschätzte Leserinnen und Leser,

Die Resonanz auf unser EDG #23 war sehr gut. Die Einsendungen zeigen, dass die Frage nach der Kooperationsbereitschaft in einem angespannten sicherheitspolitischen Umfeld den Kern unseres aktuellen Selbstverständnisses trifft. Das Dilemma zwischen dem Ruf nach Abschreckung (wie ihn etwa Admiral Bauer als wertvoller Impulsgeber skizziert) und der Rücksichtnahme auf innenpolitische Sensibilitäten wurde tiefgreifend analysiert und mehrere Lösungsvorschläge waren von hervorragender Qualität.

Dabei wurde eines deutlich: Führung in diesem Kontext bedeutet nicht, eine statische «Schablone» anzuwenden oder sich hinter starren Dogmen zu verstecken. Es ist vielmehr eine bleibende, hochdynamische Führungsaufgabe, die militärische Notwendigkeit, unsere staatspolitische Neutralität und die gesellschaftliche Akzeptanz in einer sich ständig verschärfenden Lage immer wieder neu auszutarieren. Wer heute führt, muss die Fähigkeit besitzen, harte operative Realitäten – etwa die grenzüberschreitende Reichweite moderner Waffensysteme – mit den sensiblen Erwartungen einer demokratischen Öffentlichkeit in Einklang zu bringen. Dies erfordert nicht nur taktische Kompetenz, sondern eine strategische Weitsicht, die begreift, dass militärische Glaubwürdigkeit nach aussen untrennbar mit der politischen Legitimation nach innen verbunden ist. Nur durch diese ständige, aktive Gestaltung des Handlungsspielraums lässt sich die Verteidigungsfähigkeit sichern, ohne den gesellschaftlichen Konsens und das Vertrauen in die Armee zu gefährden.

Der Gewinner: Hptm Raphael Iselin – Exzellenz durch Synthese

Nach sorgfältiger Evaluation hat der Beitrag von Hptm Raphael Iselin am meisten überzeugt. Die Qualität dieses Entwurfs liegt in der Synthese aus operativer Tiefe und institutioneller Reife. Iselin argumentiert, dass militärische Fachlichkeit und staatspolitisches Verantwortungsbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen, um in einer komplexen Bedrohungslage überhaupt erst handlungsfähig zu bleiben.

  • Sachlogische Herleitung der Kooperation: Iselin bricht mit oberflächlichen Schlagworten und begründet die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit konsequent aus der physikalischen Realität moderner Konflikte. In einer Zeit, in der Fernwirkungswaffen, Cyber-Operationen und hybride Bedrohungen keine Landesgrenzen im klassischen Sinne mehr kennen, ist die rein geografische Trennung operativ oft hinfällig. Iselin verdeutlicht, dass beispielsweise die moderne Luftverteidigung oder der Schutz kritischer Infrastruktur nur dann wirksam sind, wenn sie tief in den europäischen Raum hinein vernetzt gedacht und geübt werden. Eine totale militärische Isolation würde unter diesen Bedingungen nicht Souveränität bedeuten, sondern einen massiven Verlust an operativer Wirksamkeit, Aufklärungstiefe und Frühwarnzeit. Diese ehrliche Analyse der grenzüberschreitenden Sphären liefert die notwendige fachliche Basis, auf der die Politik tragfähige Entscheidungen aufbauen kann und soll.
  • Der Kommunikationsstandard der operativen Ehrlichkeit: Ein weiterer zentraler Aspekt ist Iselins Verständnis für das Zusammenspiel zwischen Armee und Politik. Der Beitrag macht deutlich, dass die Armee nicht autonom agiert, sondern ihre Expertise so aufbereiten muss, dass die politische Exekutive – in der Person des zuständigen Bundesrats – handlungs- und kommunikationsfähig wird. Iselin definiert hier einen neuen Standard der operativen Ehrlichkeit: Anstatt die Öffentlichkeit lediglich zu beruhigen oder militärische Handlungen als rein technokratische Akte darzustellen, setzt der Entwurf auf Transparenz und aktive Aufklärung. Indem militärische Experten der Politik die notwendigen Fakten und Szenarien liefern, kann diese der Bevölkerung den Sinn von Übungen und Kooperationen glaubwürdig vermitteln. Dieser Ansatz stärkt die demokratische Resilienz, da er das Vertrauen der Bürger auf einem fundierten Verständnis der Sicherheitslage aufbaut und die Armee als verlässlichen Partner der Gesellschaft positioniert.

Besondere Erwähnung: Strategische Stringenz und pragmatische Innovation

Zwei weitere Beiträge verdienen aufgrund ihrer spezifischen Perspektiven eine ausdrückliche Würdigung:

  1. Maj i Gst Florian Schweizer: Sein Stringenz-Argument ist ein wesentlicher Beitrag zur staatspolitischen Einbettung. Er weist darauf hin, dass es strategisch widersprüchlich wäre, wirtschaftliche Sanktionen mitzutragen, aber im Bereich der militärischen Ausbildung – dem Kern unserer Vorsorge – aus Neutralitätsangst in die Isolation zu flüchten. Die Armee wird hier als kohärenter Teil der schweizerischen Gesamtstrategie verstanden.
  2. Lt Maxime Rinderknecht: Er liefert mit dem Fokus auf die Miliztauglichkeit einen pragmatischen Ansatz. Der Vorschlag, die Teilnahme auf Basis der Freiwilligkeit zu organisieren (unter Bezugnahme auf Beispiele wie TRIAS-25), ist ein kluger Weg, um die Professionalität unserer Milizverbände zu steigern und gleichzeitig die innenpolitische Akzeptanz durch Motivation statt Zwang zu sichern.

Fazit und Reflexion

Dieses EDG war kein rein akademisches Gedankenspiel, sondern eine kleine, realitätsorientierte Übung in strategischer Kommunikation. Es fordert uns auf, die Rolle der Schweizer Armee im öffentlichen Diskurs zu reflektieren und vor allem die Verantwortung für die Deutungshoheit über sicherheitspolitische Notwendigkeiten zu thematisieren. Die Schweizer Armee darf sich nicht auf die Rolle der «Handwerker der Verteidigung» zurückziehen, die lediglich Befehle technisch umsetzen. Vielmehr fungiert sie als unverzichtbarer Lieferant von Expertise, der komplexe und oft unbequeme militärische Realitäten so übersetzt und aufbereitet, dass sie im politischen Raum faktisch korrekt kommuniziert und in der Gesellschaft breit in die Meinungsbildung einfliessen können.

Diese Aufgabe ist existenziell: Ohne ein tiefes Verständnis der Bevölkerung für die moderne Bedrohungslage – von hybriden Angriffen bis hin zu grenzüberschreitenden Waffensystemen – erodiert langfristig die Basis für jede Verteidigungsanstrengung. Es muss ein breit abgestütztes Verständnis dafür geben, dass Wehrhaftigkeit kein Widerspruch zur demokratischen Offenheit ist, sondern deren Schutzschild.

Es gibt keinen einfachen Königsweg, der alle Spannungsfelder zwischen Neutralitätstradition und operativer Kooperation mit einem Schlag auflöst. Doch gerade in dieser Ungewissheit liegt eine professionelle Pflicht: Wir schulden dem Staat und der Öffentlichkeit die ungeschönte, ehrliche Analyse der Lage und der Truppe die zeitgerechte, entschlossene Handlungsfähigkeit. Nur wer die Widersprüche unserer Zeit aushält und sie kommunikativ überwindet, kann in einer instabilen Welt Sicherheit garantieren.

Wir danken allen Teilnehmenden für die Einsendungen und gratulieren Hptm Raphael Iselin zu seinem hervorragenden Beitrag. Viel Freude bei der Lektüre von «If you want peace, prepare for war» von Admiral Rob Bauer.

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Leader's Digest Leader's Digest #23 Newsletter TDG

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #22

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, von der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #22

Gegner

GARONNIA verfügt über eine mechanisierte Division mit drei mechanisierten Brigaden, die jeweils aus zwei mechanisierten Bataillonen, einem Panzerbataillon und einem Infanteriebataillon bestehen.

Ihr Ziel ist es, GENF als Pfand zu nehmen, indem eine erste Brigade aus der Bereitstellung COLLONGE – PÉRON – THOIRY – SERGY über die Achse ST-GENIS-POUILLY in Richtung GENF stösst und ein Nebenstoss über die Achse CHANCY-BERNEX-LANCY-GENF erfolgt.

Eigene Mittel

Obwohl die Truppenkonzentrationen von GARONNIA an der Grenze seit mehreren Tagen das Schlimmste vermuten lassen, hat der Bundesrat den Grenzübertritt der eigenen Truppen noch immer nicht genehmigt. Es ist davon auszugehen, dass dies erst nach Beginn des gegnerischen Angriffs erfolgen wird.

Die Einsatzverband Infanterieregiment 8 verfügt über drei Infanteriebataillone, zwei mechanisierte Kompanien, eine Geniekompanie, eine Rettungskompanie, einen Drohnenzug, einen Drohnenabwehrzug und eine Stabskompanie.

Er hat den Auftrag, die Einnahme von GENF (FLUGHAFEN ausgenommen) durch GARONNIA zu verhindern.

Sie sind Kommandant der (verstärkten) Infanteriepanzerabwehrkompanie 19/3. Diese umfasst
• einen Infanteriezug mit RGW (Panzerabwehrwaffe, Reichweite 200 m);
• zwei Infanteriezüge mit NLAW (Panzerabwehrwaffe, Reichweite 600 m);
• einen 8,1-cm-Mörserzug (Reichweite 5 km);
• einen Späherzug (Reichweite des Scharfschützengewehrs: 1 km).

Ihr Bataillonskommandant hat soeben die Befehlsausgabe beendet. Seine Absicht ist einfach: Er will mit zwei Kompanien nebeneinander sperren und die Drehscheibe Ausfahrt Vernier / Ausfahrt Meyrin mit einer Kompanie halten (siehe Karte).

Auftrag

Sie haben den Auftrag erhalten, in BOURDIGNY nördlich von MEYRIN zu sperren.

Umwelt

Der Kanton Genf weist in seinem Zentrum eine hohe Bevölkerungsdichte auf, zu dem die Stadt Genf und die sie wie ein Kranz umgebenden Vororte (Carouge, Chêne-Bourg, Chêne-Bougeries, Lancy, Meyrin, Onex, Thônex, Vernier) gehören. Dieses Stadtzentrum umfasst ein bedeutendes Landwirtschafts- und Weinanbaugebiet, das Mandement im Nordwesten und die Champagne im Südwesten.

Analysieren Sie die Umgebung mit Hilfe des Tools www.geo.admin.ch oder einer Landkarte im Maßstab 1:25’000 oder 1:50’000.

Zeitverhältnisse

Sie müssen keinen endgültigen Entschluss, Absicht oder Befehle formulieren, um Ihre Antwort einzusenden. Beantworten Sie einfach die vier Fragen des taktischen Dialogs.

Analysieren Sie die Umwelt in 5 Minuten und versuchen Sie anschliessend, diese vier Fragen in 5 Minuten zu beantworten (dies wurde bei einer Generalstabsinspektion verlangt).

Fragestellung

Im Rahmen des taktischen Dialogs bittet Sie der Bataillonskommandant folgende Fragen zu beantworten:

  • Welche grundlegenden Varianten ziehen Sie für die Positionierung Ihrer fünf Züge in Betracht?
  • Was ist Ihrer Meinung nach das Schlüsselgelände ROT entlang der Achse ST-GENIS-POUILLY – GENF?
  • Welche Unterstützung benötigen Sie von den Stufen Bataillon und Regiment im Rahmen der Kampfvorbereitungen, um Ihren Auftrag erfüllen zu können?
  • Welche kritischen Infrastrukturen in Ihrem Sektor müssen Sie bei der Durchführung der Aktion unbedingt berücksichtigen?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #22

Das Tactical Decision Game #22 forderte für einmal nicht einen Entschluss, sondern die Beantwortung von vier Fragen im Rahmen des taktischen Dialogs. Diese Form des Austauschs ist für gelebte Auftragstaktik zentral: Taktische Aufträge sind keine einseitige Übermittlung. Der Einbezug der Unterstellten durch den Kommandanten erlaubt die Synchronisation der verschiedenen Stufen. Die Motivation hierzu ist weniger ein partizipativer Führungsansatz als die Notwendigkeit, in komplexen Situationen das wirkungsvolle Miteinander sicherzustellen. In der Befehlstaktik (international: detailed command) wird dies durch minuziös abgestimmte Planung versucht, in der Auftragstaktik (international: mission command) durch ein gemeinsames Verständnis der Lage und des Auftrags. Die Kriegsgeschichte ist voll von Beispielen, dass dieser Ansatz in den Unwägbarkeiten des Gefechts deutlich erfolgsversprechender ist.

Fünf Vorschläge sind eingegangen, von denen zwei herausstechen und sich dabei sehr ähnlich sind. Die Besprechung beschränkt sich auf diese beiden Eingaben, um also die Ausmarchung zwischen Maj i Gst Schweizer und Hptm Iselin nachzuzeichnen, auch wenn die übrigen drei zahlreiche Elemente ebenso aufweisen.

Die erste Frage – welches sind die grundsätzlichen Varianten – läuft darauf hinaus, wie das Schwergewicht der Truppe zu platzieren ist. Es ist noch vor der Frage nach der Reserve (ja/nein; wo/was) und der Organisation (Gliederung) das Hauptkriterium, das Varianten unterscheidet. Der für eine Kompanie sehr grosse Einsatzraum lässt sich grundsätzlich zweiteilen: das schmale, überbaute Gebiet entlang der Hauptstrasse 101 mit der Infrastruktur des CERN und der Genfer Vorortsgemeinde MEYRIN und das viel grössere, vom Rebbau geprägte Gebiet westlich davon. Entlang der Hauptstrasse 101 erwartet die vorgesetzte Stufe den Hauptstoss – und sie hat gute Gründe dafür: ein Stoss über die Rebberge ist zwar möglich, aber nur die Hauptstrasse 101 bietet eine leistungsfähige Achse zur späteren Versorgung eines erfolgten Stosses. Maj i Gst Schweizer bezeichnet die beiden Varianten wie folgt: «2 Züge vorne (CHOULLY und CERN) – 1 Zug hinten (MEYRIN)» oder «ein Stützpunkt im Raum CERN». Hptm Iselin sieht dieselben Varianten und zusätzlich noch die Variante «1 Zug vorne, zwei Züge hinten». Bei beiden und in allen Varianten ist aber das Schwergewicht mit mindestens 2 Zügen klar entlang der Hauptstrasse 101 – fraglich ist nur, ob überhaupt ein Kampfelement auf die Anhöhe CHOULLY platziert werden soll. Punktegleichstand für die beiden.

Die zweite Frage – welches ist das rote Schlüsselgelände – wird unterschiedlich beantwortet. Maj i Gst Schweizer nennt nur das CERN, was mit Blick auf die Position entlang der Hauptstrasse nachvollziehbar ist. Hptm Iselin sieht nicht nur das CERN, sondern auch die Anhöhe CHOULLY, und argumentiert «Beide, die Hauptstrasse oder die Anhöhe, erlauben ihm [dem Gegner] die erfolgreiche Aktion. Es reicht aber eines davon, weshalb es hier kein Schlüsselgelände ROT gibt.» Das ist in sich konsistent und misst sich wohl daran, welches Gewicht der vorgesetzte Kommandant dem westlichen Raum beimisst (deshalb ja auch Dialog). Ich neige hier zur Lesart Maj i Gst Schweizer: wenn der Gegner den Raum CERN in Besitzt nimmt, ist das für den Erfolg der Aktion entscheidend; damit ist für mich das Kriterium «Schlüsselgelände» erfüllt.

Die dritte Frage – beantragte Unterstützung von den vorgesetzten Stufen – wird von beiden umfassend beantwortet. Beide beantragen Geländeverstärkungen entlang der Hauptstrasse 101 und Unterstützung bei der Evakuation der Zivilisten im Raum MEYRIN. Maj i Gst Schweizer nennt zudem noch «Glasklare ROE» betreffend Kampfeinsatz im Raum CERN, Hptm Iselin Drohnenschutznetze entlang der Haupt- und Nebenstrassen zum Schutz der logistischen Versorgung sowie, falls verfügbar, Panzerabwehrminen (wir wollen hoffen, dass die Schweiz solche noch rechtzeitig beschaffen oder produzieren wird). Auch wenn ich beiden zustimme, geht dieser Punkt an Hptm Iselin.

Die vierte Frage schliesslich ist jene nach der Kritischen Infrastruktur: auch hier nennen beide Eingaben sowohl das CERN als auch das Spital De La Tour in MEYRIN (weitere Eingaben haben noch das Schloss CHOLLY genannt; hierbei handelt es sich tatsächlich um ein geschütztes Kulturgut, dem ich allerdings nicht den Status einer kritischen Infrastruktur beimessen würde). Damit bleibt es beim Gleichstand.

Man darf mir ruhig mangelnde «Entscheidungsfreude» vorwerfen, wenn ich also keinen klaren Sieger im TDG#22 erkenne. Mit Blick auf den OODA-Loop und John Boyd halte ich allerdings fest, dass die Orientierung (Orient) noch wichtiger ist als die Entscheidung (Decide); Boyd hat damit auch die Überlegenheit der Auftragstaktik gegenüber der Befehlstaktik begründet. Insofern übe ich mich heute in «Orientierungsfreude»: ich danke allen treuen Leserinnen und Lesern, aber auch den aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern und hoffe, dass der taktische Lerneffekt – das gemeinsame Verständnis – auch ohne expliziten Sieger erzielt wurde. Damit erhalten, passend zur Adventszeit, sowohl Maj i Gst Schweizer als auch Hptm Iselin das Buch «Qu’est-ce qu’un chef ?» von Général d’armée Pierre de Villiers als Bescherung. Ich wünsche gute Lektüre und fröhliche Weihnachten!

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #22 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #21

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #21

Szenario «Widerstand»

Niemand hätte damit gerechnet: Nach einem ersten Probing Russlands im Baltikum stellte sich die NATO als handlungsunfähig heraus. Europa zerfiel schockierend rasch in eine pro- und eine antirussische Seite. Der folgende wirtschaftliche und gesellschaftliche Niedergang führte zu zahlreichen kleineren Konflikten über den ganzen Kontinent verteilt. Die zunächst verschonte Schweiz weckte dabei Neider – und nachdem sie sich geweigert hatte, klar Position zu beziehen, wurde ein Teil ihres Territoriums im Sinne einer Pfandnahme besetzt.

Seither steht die Schweiz nordöstlich der Limmat unter fremder Kontrolle. In diesem Gebiet formieren sich nun irreguläre Kräfte, die nach dem Vorbild von Major Hans von Dachs Konzept des «Totalen Widerstands» gegen die Besatzer vorgehen.

Ihre Kompanie, ursprünglich aus Ostschweizern gebildet, ist im Wasserschloss eingesetzt – ein Gebiet, das nach wie vor zur freien Schweiz gehört. Doch Ihre Offiziere haben über ihre Familien- und Heimatkantonsbeziehungen direkte Verbindungslinien ins besetzte Gebiet. Damit steht im Raum, dass Lieferungen an die Widerstandsgruppen zumindest denkbar wären.

In einer abendlichen Lagebesprechung entbrennt zwischen Ihren Offizieren eine hitzige Diskussion:

  • Leutnant Ruckstuhl aus Bichelsee ist fest überzeugt: «Hundert Kilo Plastit sind in der Hand des Thurgauer Widerstands sicher wertvoller als bei uns im Munitionsmagazin. Meine Cousinen könnten den Transfer organisieren, wenn wir das zulassen.»
  • Oberleutnant Gmür aus Flawil hält vehement dagegen: «Wir haben ja selber kaum genug Sprengmittel, um unsere Sperren aufrechtzuerhalten. Wenn wir abgeben, gefährden wir unsere eigenen Aufträge. Abgesehen davon ist es verboten»
  • Leutnant Ziegler aus Hallau wirft ein: «Genau, und wer sagt uns, dass die Irregulären nicht auch Zivilisten ins Visier nehmen? Wenn wir sie versorgen, tragen wir Mitverantwortung für mögliche Kriegsverbrechen.»
  • Schliesslich warnt Oberleutnant Kellerhals aus Marbach: «Die Besatzer würden Vergeltung üben, vielleicht genau gegen die Dörfer, aus denen unsere Familien stammen. Wollen wir das riskieren?»
  • Da explodiert Leutnant Hohl aus Herisau, während ihm gleichzeitig Tränen in die Augen schiessen: «Ihr verdammten Feiglinge! Habt ihr eigentlich mitbekommen, was letzte Woche in Wil passiert ist? Ihr wisst genau, wer die Kriegsverbrechen begeht. Und jede Patrone im Magazin eines Schweizer Widerstandskämpfers hilft, solche Verbrechen zu verhindern.»

Der Streit wird zunehmend persönlicher, Emotionen steigen hoch – einige Offiziere pochen auf Solidarität mit den eigenen Leuten jenseits der Front, andere erinnern an die Pflicht, den Auftrag im freien Teil des Landes zu erfüllen.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund stellen sich Ihnen drei Fragen:

    1. Wie schlichten Sie den Streit als Kompaniekommandant?

    2. Welche inhaltliche Position nehmen Sie persönlich ein?

    3. Kommunizieren Sie diese Meinung im Kreise Ihrer Offiziere?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #21

Das Szenario «Widerstand» konfrontiert einen Kompaniekommandanten mit einer Problematik, in dem rechtliche Pflicht, institutionelle Verantwortung, persönliche Moral und die emotionale Notlage der Untergebenen miteinander verknüpft sind. Die eingereichte Lösung von Markus Heini wurde als die beste bewertet, weil sie dieses Spannungsfeld nicht nur erkennt, sondern einen prozedural, ethisch und führungstechnisch sinnvollen Weg zur Auflösung aufzeigt.

1. Einordnung des Szenarios: Das moderne ethische Schlachtfeld

Das Szenario wirft den Kommandanten in eine Situation, die einen Kernkonflikt der heutigen Militärethik und des humanitären Völkerrechts widerspiegelt. Traditionell basierte die Ethik des Soldaten auf klaren Hierarchien, Befehl und Gehorsam – die Verantwortung lag primär bei der politischen Führung, die den Krieg befahl, und weniger beim einzelnen Kombattanten. Dieses klassische Modell, das auf dem staatlichen Gewaltmonopol fusst, trennt scharf zwischen der politischen Entscheidungsebene (jus ad bellum) und der militärischen Handlungsebene (jus in bello). Für den einzelnen Soldaten bedeutete dies eine klare moralische Arbeitsteilung: Seine Pflicht war es, Befehle auszuführen und sich an die Kriegsregeln zu halten, während der Staat die moralische Last für den Krieg selbst trug. Ein wesentlicher Eckpfeiler ist die strikte Trennung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten im Krieg. Neuere, oft als «revisionistisch» bezeichnete Ansätze, die legitime Gewaltanwendung anhand von Notwehr und Notwehrhilfe im Zivilleben analysieren, stellen dieses Fundament in Frage und verlagern den Fokus zunehmend auf die moralische Verantwortung des Individuums. Begleitet durch die wachsende Bedeutung der Menschenrechte in völkerrechtlichen Bewertungen, argumentiert diese Perspektive, dass ein Soldat, der für einen ungerechten Aggressor kämpft, seinen moralischen Schutzschild verliert und selbst zu einem legitimen Ziel wird. Diese Perspektive untergräbt die traditionelle Gleichheit aller Kombattanten und fordert vom Einzelnen eine Gewissensprüfung, die weit über das blosse Befolgen von Befehlen hinausgeht.

Diese Spannung ist im Szenario präsent:

  • Die traditionelle Sicht: Oberleutnant Gmür pocht auf den Auftrag und die Vorschriften («es ist verboten»).
  • Die individualistische Sicht: Leutnant Hohl beruft sich auf sein Gewissen und die moralische Pflicht, angesichts von Kriegsverbrechen zu handeln («Ihr verdammten Feiglinge!»).

Kritiker könnten einwenden, das Szenario sei strategisch ungenau oder aus Sicht traditionell bewährter Praxis fragwürdig. Doch diese Kritik verkennt den didaktischen Zweck: Die strategische Unklarheit ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Werkzeug. Sie simuliert eine Form des «ethischen Nebels», der in modernen, hybriden Konflikten zur Realität werden kann. In solchen Lagen sind klare Frontlinien und eindeutige rechtliche Status (Freund, Feind, Zivilist) oft kaum zu erkennen. Die Isolation des Kommandanten zwingt ihn, ohne einen klaren Befehl von oben eine Entscheidung zu treffen, die sowohl seiner institutionellen Rolle als auch seinem moralischen Kompass gerecht werden muss. Es geht hier darum eine zeitlose Führungskompetenz zu schulen: Urteilsvermögen unter moralischem Druck.

Dieser «Test für Führung im ethischen Nebel» ist weit mehr als eine intellektuelle Übung. Er zwingt die Führungsperson, widersprüchliche Loyalitäten abzuwägen: die Loyalität zur Befehlskette, die Loyalität zu den eigenen Soldaten und deren emotionaler Not, die Loyalität zur leidenden Zivilbevölkerung und die Loyalität zum eigenen Gewissen. Ein Kommandant, der in dieser Lage besteht, beweist nicht nur Regelkenntnis, sondern moralischen Mut und charakterliche Widerstandsfähigkeit. Er muss einen Standpunkt der Verantwortung finden, wenn die Hierarchie schweigt. Militärische Führungspersonen müssen daher lernen, ihr Entscheiden und Handeln mit den aktuellen Entwicklungen in der Militärethik und im Völkerrecht in Einklang zu bringen. Nur so kann auf allen Ebenen die Glaubwürdigkeit und Legitimität nach aussen und nach innen gewahrt bleiben. In einer Zeit, in der jede taktische Handlung durch soziale Medien eine strategische Wirkung entfalten kann, ist dies keine Nebensächlichkeit, sondern eine Kernkompetenz. Eine ethisch fragwürdige, wenn auch vielleicht gut gemeinte Entscheidung auf Kompanieebene kann das Vertrauen der Bevölkerung in die gesamte Armee untergraben und damit einen strategischen Schaden anrichten, der weit über den unmittelbaren Nutzen hinausgeht. Gegenwärtige Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit diesen Themen in politischen und akademischen Diskursen belegen die Virulenz der Problematik.

2. Die Lösung von Markus Heini

Heinis Vorschlag überzeugt, weil er das Problem ganzheitlich erfasst und in vier Schritten löst: Prozess, Führung, Inhalt und Operation.

a) Der Prozess: Souveräne Deeskalation

Heini erkennt als Erstes die unmittelbare Gefahr: «Generell sind Emotionen schlechte Wegweiser.» Seine oberste Priorität ist es, die irrationale, eskalierende Debatte zu beenden und einen rationalen Entscheidungsfindungsprozess zu etablieren. Indem er die Entscheidung auf den nächsten Tag verschiebt, gewinnt er Zeit, kühlt die Gemüter ab und stellt seine Autorität als prozessführende Instanz wieder her. Dieser Schritt ist die unabdingbare Voraussetzung für jede tragfähige Lösung.

b) Die Führung: Die Kunst der Kommunikation

Der Kern von Heinis Ansatz liegt in der von ihm wörtlich ausformulierten Ansprache an seine Offiziere. Diese «Battle Speech» ist ein gutes Beispiel für ausbalancierte Führung:

  • Emotionale Verbindung: Er beginnt mit persönlicher Betroffenheit («Auch ich als gebürtiger Thurgauer leide mit euch»), schafft eine gemeinsame Basis und validiert die Emotionen seiner Untergebenen. Er zeigt, dass er sie versteht.
  • Unmissverständliche Autorität: Unmittelbar danach zieht er eine klare Linie und begründet seinen Befehl rational und nachvollziehbar: «Wir können keine Kampfmittel an den Widerstand senden.»

Er demonstriert damit den Grundsatz «Verstehen, ohne einverstanden zu sein». Er holt seine Leute emotional ab, ohne jedoch bei der Sache selbst einen Kompromiss einzugehen.

c) Der Inhalt: Der ethisch überlegene dritte Weg

Hier liegt die ethische Substanz seiner Lösung. Heini verfällt nicht in ein simples Ja/Nein-Schema. Er lehnt die Lieferung von Sprengstoff klar ab, aber nicht nur aus formaljuristischen Gründen. Seine ethische Hauptmotivation ist der Schutz der Zivilbevölkerung vor absehbaren, brutalen Repressalien – eine direkte Anwendung der Prinzipien der Verhältnismässigkeit und des Schutzes von Nichtkombattanten.

Seine «Option 3» – die Unterstützung mit Medikamenten, Aufklärungsdaten und Know-how – ist der entscheidende Schritt. Dieser dritte Weg löst die Problematik:

  • Er erfüllt die institutionelle Pflicht: Kein Verstoss gegen Vorschriften, keine Gefährdung des eigenen Auftrags.
  • Er erfüllt die moralische Pflicht: Er lässt seine Landsleute nicht im Stich und leistet Hilfe.
  • Er schützt die Zivilbevölkerung: Indem er die Widerstandskämpfer nicht zu vollwertigen Kombattanten macht, minimiert er die Eskalationsspirale der Gewalt.

d) Die Operation: Proaktive und verantwortungsvolle Autonomie

Heini begnügt sich nicht mit seinem Entscheid, sondern entwirft einen klaren Plan zur Umsetzung. Er wartet nicht passiv auf Befehle, sondern nutzt seine Autonomie als Kommandant. Sein «Schritt 6» – die proaktive Information des Stabes und der Antrag auf Umsetzung seines Plans – zeigt ein modernes Verständnis von «Auftragstaktik». Er handelt im Sinne der übergeordneten Führung, ergreift aber die Initiative, um das Problem vor Ort zu lösen. Dies unterscheidet einen Leader von einem blossen Verwalter.

3. Fazit

Der Lösungsvorschlag von Markus Heini ist die beste Einsendung, weil er eine umfassende Antwort auf ein komplexes Problem gibt. Er demonstriert nicht nur, was die richtige Entscheidung ist, sondern auch, wie ein Kommandant diese prozedural einleitet, führungstechnisch kommuniziert und operativ umsetzt. Er navigiert durch das Spannungsfeld von Recht, Moral und Emotion und liefert eine Blaupause für Führung im Angesicht eines modernen militärethischen Dilemmas. Wir gratulieren Markus Heini zum Gewinn des Buches Grunts: Inside the American Infantry Combat Experience von John McManus.