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Buch des Monats: «About Face: Odyssey of An American Warrior» von David H. Hackworth

Was ist die Kernaussage des Buches?

Es handelt sich um die Memoiren des am höchsten dekorierten US-Infanteristen des 20. Jahrhunderts. Hackworth schildert seine militärische Laufbahn vom 15-Jährigen, der sich in die Post-WW2 US-Armee schlich, bis zum Militärberater der Südvietnamesischen Streitkräfte, der desillusioniert die militärische Pensionierung einer weiteren Karriere vorzog. Im Zentrum stehen seine Kommandierungen in verschiedenen Kommandantenfunktionen auf Zugs-, Kompanie- und Bataillonsebene im Korea- und Vietnamkrieg.

Was gefällt Ihnen an diesem Buch am besten?

Die ungeschminkte und realistische Schilderung von Gefechtssituationen habe ich in vergleichbarer Qualität bisher lediglich bei Ernst Jüngers «In Stahlgewittern» gefunden. Man fühlt mit dem verwegenen Protagonisten, welcher es schafft durch Härte, Führung durch Vorbild, Selbstaufopferung und Kreativität die ihm unterstellten Einheiten über sich hinaus wachsen zu lassen. Dabei kämpft er fortwährend mit der Militärbürokratie und eckt bei Vorgesetzten an.

Gibt es Punkte, in welchen Sie die Argumentation des Buches nicht unterstützen, oder Bereiche, die Ihrer Meinung nach zu kurz kommen?

Die jeweilige Klassifizierung von anderen Personen, seien es Vorgesetzte, Peers oder Unterstellte, welche David H. Hackworth in seiner militärischen Laufbahn erlebte, erfolgt äusserst dichotomisch. Er zollt entweder hohen Respekt oder er lässt keinen Zweifel über seine Verachtung aufkommen. Die Realität dürfte um einiges komplexer sein. Auch müssen seine kontroversen Führungsmethoden im historischen, militärischen und sozialen Kontext betrachtet werden. Hackworth lässt auch verschiedentlich eine Faszination für das militärisch-formelle erkennen, die ich nicht teile.

An wen richtet sich Ihre Empfehlung?

In erster Linie an die taktischen Führer der Zugs- bis Bataillonsstufe. Darüber hinaus dürfte das Buch auch Stabsoffizieren und Kadern in der militärischen Bürokratie zur Selbstreflexion verhelfen.

Wie hat Ihnen dieses Buch im militärischen Führungsalltag geholfen?

Das Buch dient der Entwicklung einer gewissen Demut. Man erkennt, dass man bei allem Selbstbewusstsein (glücklicherweise) nie einem Hackworth das Wasser reichen könnte. Darüber hinaus hilft es einem Kommandanten, der sich hie und da über Bürokratie, vorgesetzte Stäbe und nicht nachvollziehbare Entscheide von Vorgesetzen aufregt, seine Energie stattdessen lieber für seine Unterstellten einzusetzen. Zu guter Letzt hilft das Buch, wenn man sich im Rahmen seiner Laufbahn mal in einer Stabsfunktion wiederfindet, sich immer vor Augen zu führen, dass die eigene Daseinsberechtigung der Soldat da draussen ist, welcher den Auftrag «auch unter Einsatz seines Lebens» erfüllen muss.

Welchem Teilaspekt des Command-Leadership-Management-Modells ordnen Sie dieses Buch zu?

Das Buch deckt Aspekte des gesamten CLM-Modells ab. Im Zentrum stehen sicher die Interaktion von Command und Leadership. Hackworth wird mehrmals damit konfrontiert, neue taktische Ansätze zu entwickeln und gleichzeitig die entsprechende Einheit neu aufzustellen. («Out-Guerrilla the Guerrilla»).

Wo sehen Sie zukünftig die grössten Herausforderungen für die Führung in der Schweizer Armee?

Während die Schweizer Armee eine an sich gut funktionierende Friedensarmee ist, tun wir uns schwer damit, uns ernsthaft mit den Anforderungen des Krieges an die Führung auseinanderzusetzen. «Auftragstaktik» wird zwar oft zitiert, aber leider nicht konsequent gelebt. Darüber hinaus ist die Kaderausbildung zu stark auf Prozessschulung ausgerichtet. Hier muss der angestrebte Kulturwandel mit aller Konsequenz stattfinden.

Und wo sehen Sie diesbezüglich die grössten Chancen?

In der Agilität der Miliz. Unsere nach dem Milizprinzip organisierte Armee erlaubt es rascher einen Kulturwandel zu vollziehen, als dies in einer reinen Berufsarmee möglich wäre.


Über den Rezensenten

Oberstlt i Gst Olaf Niederberger ist seit 15 Jahren Berufsoffizier mit unterschiedlichen Kommandierungen im In- und Ausland. Er verfügt über einen BA in Staatswissenschaften der ETH Zürich und einen MA in Defence Studies des King’s College London. Er führt seit 2020 das Gebirgsinfanteriebataillon 48 und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nidwalden.

Über das «Buch des Monats»

Das «Buch des Monats» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.

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Buch des Monats: «The Mission, The Men, and Me» von Pete Blaber

Was ist die Kernaussage des Buches?

Pete Blaber arbeitete jahrelang als Führungsperson auf verschiedenen Ebenen der «Delta Force» und teilt in diesem Buch seine gesammelten persönlichen Lehren anhand von praktischen und konkreten Beispielen. Es geht um Auftragserfüllung, Vertrauen, Umgang mit Komplexität, Innovation und Lernen, Kommunikation und die Grenzen des Gehorsams.

Was gefällt Ihnen an diesem Buch am besten?

Man muss Blaber nicht mögen, um von seinen Beispielen inspiriert zu werden, um über häufige Probleme in hierarchischen Systemen nachzudenken. Dass er mit seinen Interpretationen diesen Denkprozess unterstützt und mit persönlichen Meinungen und Standpunkten in seinen eigenen Fallbeispielen nicht spart, ist grossartig.

Gibt es Punkte, in welchen Sie die Argumentation des Buches nicht unterstützen, oder Bereiche, die Ihrer Meinung nach zu kurz kommen?

Nein, das Buch ist in sich geschlossen. Natürlich ist es aber kein Geschichtsbuch. Die erwähnten Fallbeispiele bedürfen weiterer Recherche für Leser oder Leserinnen welche sich mehr für US Sonderoperationen (oder -einheiten) als für Führungslehren interessieren.

An wen richtet sich Ihre Empfehlung?

An alle, denen Prozesse alleine nicht genügen, und an alle, die schon immer dachten, dass persönliche Erkenntnisse nicht falsch sein müssen, nur weil sie der gängigen Lehre widersprechen.

Wie hat Ihnen dieses Buch im militärischen Führungsalltag geholfen?

Mehrmals. Beim Überschreiten von Grenzen, beim Ausrichten des persönlichen moralischen Kompasses, beim Umgang mit Komplexität und Ungewissheit, beim Entwickeln eines Produkts, bei zahlreichen anderen Problemstellungen.

Zu welchem Teilaspekt des Command-Leadership-Management-Modells ordnen Sie Ihr Buch zu?

Das Buch schlägt eine Brücke zwischen allen Bereichen. Es behandelt Vertrauen und Kommunikation (Leadership), Entscheidfindung und Entwicklung (Management) sowie inhaltlich-taktische Elemente wie Tarnung/Täuschung oder taktische Bewegungen (Command). Der Titel in sich symbolisiert quasi bereits das Command-Leadership-Management-Modell.

Wo sehen Sie zukünftig die grössten Herausforderungen für die Führung in der Schweizer Armee?

Dass wir nicht in der Lage sein werden, uns von lähmenden Ressourcen (zu grosse Stäbe und Verwaltungseinheiten) und lähmenden Prozessen (puristische Auffassungen von komplizierten Papiertigern mit unzähligen Kontrollparametern für die Ausbildung) zu trennen, weil wir eine oberflächliche Selbstwahrnehmung haben.

Und wo sehen Sie diesbezüglich die grössten Chancen?

Bei den Berufsformationen, die tagtäglich in Echteinsätzen stehen (LW, KSK, EOD/KAMIR etc.) und in der Miliz, weil sie in der Lage ist, eigene (auch zivile) Erfahrungen mit den Prozessen zu verknüpfen, ohne dabei dogmatisch zu werden.


Über den Rezensenten

Reto Wegmann hat Informatik, Internationale Beziehungen und Militärwissenschaften studiert und am Lehrstuhl für Human Resource Management der Uni Luzern zur Leistungsfähigkeit von temporären Organisationen doktoriert. Er ist Mitinhaber und Sicherheits- und Krisenberater bei der Swiss Ibex GmbH und hat Lehraufträge bei der Uni Luzern. Er lebt mit seiner Familie in der Zentralschweiz und hat nun 52 Monate das Infanteriebataillon 20 kommandiert.

Über das «Buch des Monats»

Das «Buch des Monats» ist eine wiederkehrende Rubrik des Newsletters Leader’s Digest. Dieser Newsletter entsteht in Kooperation des Leadership Campus der Schweizer Armee und der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich. Wenn Sie Leader’s Digest noch nicht abonniert haben, finden Sie unter folgendem Link weitere Informationen sowie das Formular zur Anmeldung.