Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.
Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.
Decision Game aus Leader’s Digest #27
Ihr Infanteriezug ist seit Wochen im intensiven Häuser- und Ortskampf. Ein Trupp Schutzhundeführer ist fixer Bestandteil der Kampfeinheit. Der Schutzhund TRINITAS hat die Truppe schon bei drei Gefechten vor Verlusten geschützt. Er wurde vom Bataillonskommandanten dafür bereits zum Korporal befördert und ist für viele Soldaten, abgesehen von seinen Fähigkeiten, eine wichtige emotionale Stütze in dem rauen Gefecht und «Zuhörer» in allen Problemlagen.
Heute Morgen ist Ihre abgesetzte Patrouille, bestehend aus zwei Gruppen und verstärkt mit TRINITAS, in einen Hinterhalt geraten. Es gelang Ihnen als Zugführer, sich unter Feuer und Bewegung in eine Deckung zurückzuziehen und den Gegner zu fixieren. Dabei wurde TRINITAS jedoch durch die Explosion einer FPV-Drohne verletzt und er liegt nun verwundet etwa 100 Meter vor der Deckung auf offener Strasse und versucht mit aller Kraft, zur Gruppe zu kriechen. Hundeführer Matteo Huber ist ausser sich und zu allem bereit. Auch Gruppenführer Taner Demiri ist fest entschlossen, TRINITAS zu retten. In Anbetracht der gegnerischen Scharfschützen, der FPV-Drohnen in der Luft und der offenen Strasse schätzen Sie die Situation jedoch als äusserst riskant ein. Die Soldaten sind bereit, ihr Leben für TRINITAS zu riskieren: «er hat dasselbe für uns auch getan und dreien von uns das Leben gerettet» – «genau, wir lassen keinen von uns zurück.» Die Meinungen scheinen gesetzt, aber Sie als Zugführer haben mehr als nur Zweifel: Sie haben eine Verantwortung für Ihre Männer und Frauen. Wer will den Eheleuten und Kindern zuhause erklären, dass Ihre Liebsten für ein Tier gestorben sind? Andererseits: welche Rolle spielt die Truppenmoral? TRINITAS aufzugeben, würde diese ohne Zweifel erschüttern und vielleicht die Truppe voneinander entfremden. Welche Bedeutung für nächste Gefechte haben Zweifel in der Truppe wie «Und mich? Würdet ihr mich in einer ähnlichen Situation wie TRINITAS ebenfalls zurücklassen?» Sie haben jedoch auch gesehen, was die Todesfälle der Gefreiten Inês Fernandez und des Infanteristen Andrin Marti letzte Woche in der Nachbarkompanie ausgelöst hatten.
Fragestellung
- Wofür entscheidest Du Dich?
- Wie handelst Du?
- Was sind Deine Worte an die Truppe?
Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #27
Das Dilemma um “TRINITAS”
Der Sieger: Oblt Romain Berthod
Den ersten Platz in diesem EDG sichert sich Oblt Romain Berthod mit einer durchdachten und ausgewogenen Lösung. Seine Analyse stützt sich auf militärsoziologische Konzepte wie die horizontale Truppenkohäsion und die Gefahr von Moral Injury bei einem unreflektierten Zurücklassen des Tieres. Taktisch setzt Berthod eine konsequente Risikominimierung voraus, bevor er eine Bergung überhaupt in Betracht zieht.
Hervorzuheben ist insbesondere seine Führungskommunikation: Anstatt sich auf die reine Befehlsausgabe zu beschränken, greift er die emotionale Bindung der Truppe auf und kanalisiert diese in militärische Disziplin. In seiner Ansprache appelliert er an die Soldaten, TRINITAS dadurch zu ehren, dass sie in der unübersichtlichen Lage ebenso professionell und besonnen handeln, wie es der Hund stets vorgelebt hat. Er macht das Tier somit zum moralischen Vorbild für das Verhalten, das in dieser Krise von der Einheit gefordert ist.
Honorable Mentions: Oblt Lopez und Oblt Morales
Zwei weitere Einsendungen überzeugten durch ihre methodische Qualität und verdienen eine ehrenvolle Erwähnung:
- Oblt Arthur Martin Lopez zeichnet sich durch einen starken strukturellen Aufbau aus. Eine besondere Qualität seiner Arbeit liegt in seiner Entscheidungsmatrix, die eine allfällige Rettung klar an taktische Gegebenheiten koppelt. Zudem beweist er analytische Breite durch den Einbezug eines historischen Fallbeispiels – des 2015 getöteten französischen Polizeihundes DIESEL der Sondereinheit RAID. Damit zeigt er praxisnah auf, wie bewaffnete Einheiten den Verlust eines Tieres verarbeiten können, ohne dass die Kohäsion Schaden nimmt.
- Oblt Célia Morales liefert eine gut strukturierte Herleitung durch die Anwendung des OODA-Loops und ein konsequentes Festhalten an der Doktrin Care under Fire. Ein zentrales Element ihrer Lösung ist ein wirkungsvolles rhetorisches Mittel in der Führungskommunikation: Sie initiiert bei den Soldaten einen Perspektivenwechsel, indem sie diese bittet, sich vorzustellen, sie lägen selbst verwundet auf der Strasse. Die anschliessende Frage, ob sie in dieser Lage wirklich wollen würden, dass ihre Kameraden für eine Bergung das eigene Leben riskieren, dient der Versachlichung und Deeskalation.
Fazit: Abschliessend lässt sich festhalten, dass das Niveau der Einsendungen zu diesem EDG sehr erfreulich war. Das Spannungsfeld zwischen Auftragserfüllung, Fürsorgepflicht für Menschenleben, Fragen über den moralischen Status von Tieren, und Truppenmoral hat die Teilnehmenden zu mehreren fundierten, taktisch soliden und psychologisch differenzierten Lösungsansätzen bewogen. Wir danken allen, die sich dieser Herausforderung gestellt haben und gratulieren Oblt Berthod zum ersten Platz und wünschen ihm viel Spass bei der Lektüre von «Adaptation under Fire – How Militaries Change in Wartime» von David Barno und Nora Bensahel.

