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EDG Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #25

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #25

Inspiriert von eigenen Erlebnissen

Sie sind Offizier der Schweizer Armee mit Einsatzerfahrung im Ausland und wurden für ein Jahr nach Côte d’Ivoire entsandt. Sie sind gut bereist und können von sich behaupten, dass Sie sich in fremden Kulturkreisen sicher, freundlich und unaufgeregt bewegen können. Ihre berufliche Tätigkeit vor Ort findet an einem westafrikanischen Center für Frieden und Sicherheit statt. Sie dürfen sich im Land frei bewegen und geniessen zudem, durch Ihren Diplomatenstatus, einen gewissen Schutz. Nach ein paar Wochen im Land befinden Sie sich noch in der Angewöhnungsphase, aber Sie fühlen sich aufgrund der sehr freundlichen Menschen im Land sicher. Trotz allem helfen die diplomatischen Nummernschilder bei den täglich zu passierenden Checkpoints (ansonsten wird für eine Weiterfahrt oftmals illegal Geld verlangt). Korruption ist weitverbreitet und vonseiten der Botschaft gibt es bezüglich Rules of Behaviour (RoB; Verhaltensregeln) keine Vorgaben.

Sie entscheiden sich für eine Erkundungsreise im Gastland, um die Kultur und die lokalen Unterschiede im Land besser kennenzulernen. Sie bevorzugen, aufgrund der Einfachheit, der verkehrstechnischen Erreichbarkeit und der Flexibilität, mit dem persönlichen Fahrzeug zu reisen. Die vom EDA publizierten Reisebeschränkungen für kleine Teile des Landes haben Sie in Ihrer Reiseroute grosszügig berücksichtigt, sodass auch der Risikobeurteilung Rechnung getragen wird. Da Sie eng mit der Botschaft zusammenarbeiten, haben Sie diese im Sinne des «Blue Force Tracking» über die Reiseroute orientiert. Man war über die Reiseroute überrascht und etwas skeptisch. Ihre ivorianischen Arbeitskollegen am Center konnten Sie gut bezüglich Etappenzielen beraten, und einer von ihnen wird Sie auf der Erkundung sogar begleiten.

Aufgrund der wiederkehrenden Polizeikontrollen haben Sie sich mit Ihrem Kollegen (ziviler Mitarbeiter der ivorianischen Streitkräfte) öfter über das Verhalten von korrupten Beamten, Wertehaltung, Unbestechlichkeit und Vorbildwirkung unterhalten und dabei klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie aufgrund Ihrer Werte keine Bestechung oder Ähnliches tolerieren.

Als Sie nach einigen Reisetagen in eine im Norden gelegene, grössere Stadt einfahren, stellen sich Verkehrsführung und Navigation als Herausforderung dar. Das GPS funktioniert nicht zuverlässig und das Reiseziel kann nicht auf Anhieb angesteuert werden. Sie entscheiden sich Ihr Fahrzeug zu wenden um ins Zentrum der Stadt zu verschieben. Kurz nach Ihrem Wendemanöver stellen sich zwei vermutlich unbewaffnete, uniformierte Beamte vor Ihr Fahrzeug, und Sie werden an der Weiterfahrt gehindert. Die verbale Kommunikation ist streng, fordernd, laut und nervös. Sie haben noch Mühe, das nonverbale Verhalten der Lokalen korrekt einzuordnen. Sie überlegen sich, wie Sie vorgehen wollen, während sich die Ungeduld der Beamten sichtbar macht.

Besondere Anmerkungen:

  • Sie sind beide nicht in Uniform. Der Kollege im Fahrzeug bleibt ruhig und äussert sich nur dahingehend, dass mit etwas Bargeld die Situation rasch behoben sei.
  • Ihr Auto ist weiterhin blockiert, und es sind einige Männer in der Umgebung, die das Geschehen mitverfolgen.
  • Sie haben das Fenster leicht geöffnet und versuchen zu erklären, dass Sie für die Schweizer Botschaft arbeiten und einen Diplomatenpass besitzen. Sie weisen auf das diplomatische Fahrzeugkennzeichen hin. Die Sicherheitsleute verstehen nicht, was Sie damit sagen wollen.
  • Der Beamte will 300 USD als Bussgeld, oder der Vorgesetzte und weitere Beamte würden beigezogen. Die Gemüter scheinen sehr erhitzt.

Fragestellung

  • Wie gehen Sie vor?
  • Was sind Ihre Überlegungen bezüglich einer möglichen Eskalation?
  • Wie stehen Sie zur illegalen Bestechung als weitverbreitetem, lokalem Verhalten?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #25

Das vorliegende Szenario an einer ivorianischen Strassensperre stellt eine Aufgabe dar, die einen anspruchsvollen Spagat erfordert: Die Wahrung der eigenen moralischen Integrität (Prinzipientreue/Anti-Korruption) bei gleichzeitiger Gewährleistung der physischen Sicherheit in einem volatilen, interkulturellen Umfeld.

Die Auswertung der Rekordzahl von 12 Einsendungen zeigt, dass weder ein blinder moralischer Relativismus noch ein starrer ethischer Rigorismus zielführend sind. Gefragt sind situative Sensibilität, deeskalierendes Handeln und eine präzise moralphilosophische Reflexion.

Platz 1: Hauptmann Steven Senn

Herausragende ethische und taktische Synthese

Die Einsendung von Hptm Senn wird als die beste Lösung bewertet (18/20 Punkte). Er meistert das moralische Dilemma durch eine brillante konzeptionelle Differenzierung und verbindet dies mit klugem taktischem Verhalten.

Begründung und Stärken:

  • Exzellente moralphilosophische Präzision (Doppeleffekt): Hptm Senn löst das Dilemma um die «illegale Bestechung», indem er implizit die Lehre von der Doppelwirkung anwendet. Er trennt sprachlich und konzeptionell zwischen aktiver Bestechung (Geld zahlen, um sich proaktiv einen unrechtmässigen Vorteil zu erkaufen) und dem Zahlen eines Lösegelds (Zahlung unter Nötigung/Notstand, um einen unverhältnismässigen physischen Schaden abzuwenden). Durch diese Unterscheidung verrät er seine Prinzipien nicht, sondern passt sie der Realität einer Notwehrsituation an.
  • Taktische Deeskalation («Bürokratie als Schutzschild»): Anstatt einfach zu verweigern, verlangt er über seinen Kollegen eine offizielle Quittung. Dies ist ein bewährtes, gewaltfreies Mittel, um illegale Forderungen abzuwehren, ohne die Beamten direkt der Korruption zu bezichtigen.
  • Vorbildliche Führung und Delegation: Er nutzt seinen ivorianischen Kollegen aktiv als kulturellen Brückenbauer und Berater («Reality Check»), behält aber die klare Letztverantwortung für den moralischen Entscheid.
  • Transparenz: Die Einordnung des Vorfalls als meldepflichtiges «Blue Force Tracking»-Ereignis stellt die institutionelle Integrität im Nachgang sicher.

Besondere Erwähnung: Hauptmann Raphael Iselin

Sehr gute Leistung durch laterales Denken

Hptm Iselin liefert den kreativsten und intellektuell fesselndsten Lösungsansatz des Teilnehmerfeldes (16/20 Punkte). Seine Einsendung besticht durch eine tiefe Selbstreflexion über die Rolle des Schweizer Offiziers.

Stärken des Ansatzes:

  • Kreative Konflikttransformation: Hptm Iselin löst das Problem der Bestechung durch einen klugen interkulturellen Schachzug: Er schlägt vor, die korrupten Beamten spontan über den ivorianischen Kollegen als «Guides» anzuheuern, um den Weg ins Zentrum zu finden. Dadurch verwandelt er eine illegale Erpressung in ein legitimes Dienstleistungsgeschäft. Die Beamten erhalten ihr Geld und wahren ihr Gesicht vor den Zuschauern, während Iselin für eine tatsächliche Gegenleistung zahlt und seine Integrität wahrt.
  • Tiefgehende Eskalationsanalyse: Er beweist ein hervorragendes Gespür für die Dynamik der Strasse und erkennt präzise, dass das primäre Ziel der Beamten nicht Gewalt, sondern Einschüchterung als «Geschäftsmodell» ist.

(Anmerkung: Einziger Wermutstropfen ist seine hohe persönliche Risikobereitschaft, bei der er physische Gewalt bis zur Schwelle von lebensbedrohlichen Verletzungen in Kauf nehmen würde, um seine Prinzipien zu wahren).

Problematische Lösungsansätze

Bei den übrigen Einsendungen offenbarten sich verschiedene ethische, taktische und interkulturelle Defizite, die in einer realen Einsatzumgebung zu kritischen Eskalationen oder zum Verlust der Führungsglaubwürdigkeit führen würden.

Die schwächeren Lösungsansätze lassen sich in folgende problematische Muster kategorisieren:

1. Moralisches Outsourcing & Führungsschwäche

Einige Lösungsansätze übergeben die Verhandlungsführung völlig unstrukturiert an den ivorianischen Kollegen, mit der impliziten Akzeptanz, dass dieser vermutlich Schmiergeld zahlen wird. Der Offizier wäscht seine Hände in Unschuld («Ich habe ja nicht bestochen»). Dies ist keine kulturelle Arbeitsteilung, sondern das Abschieben der moralischen Verantwortung an einen Untergebenen.

2. Dogmatische Paragraphenreiterei & Arroganz

Auffällig war die Tendenz, sich in einer ausländischen Strassensperre hinter dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zu verstecken oder aggressiv die Namen der Beamten zu fordern, um sie «aus der Anonymität zu zwingen». Dies verkennt die realen Machtverhältnisse, treibt die Beamten vor Publikum in die Enge und erzwingt einen Gesichtsverlust, der fast zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss.

3. Arrogante Konfrontation («Wartespiel»)

Ein anderes konfrontatives Vorgehen bestand darin, den Beamten zu drohen, sofort den Botschafter anzurufen, und ihnen vorzuwerfen, sie würden die «Gastfreundschaft ihres Landes beschmutzen». Gepaart mit der Ankündigung, man habe Zeit und könne das Ganze vor der zuschauenden Menge aussitzen, ist dies ein gefährliches Machtspiel ohne interkulturelle Sensibilität.

4. Schönwetter-Ethik & Riskante Kurzschlusshandlungen

Einige Lösungswege offenbarten einen ethischen Opportunismus: Solange keine Gefahr droht, pocht man auf Prinzipien; sobald Druck aufkommt, wirft man diese kurzerhand über Bord. Besonders kritisch war in diesem Zusammenhang der Plan B, bei einer drohenden Eskalation in einem blockierten Fahrzeug mit Umstehenden «einfach aufs Gas zu drücken» und zu fliehen. Dies erfüllt den Tatbestand der leichtfertigen Sicherheitsgefährdung.

5. Intellektuelle Inkonsistenz

Es wurde der Versuch unternommen, das Szenario mit Vokabeln der Spieltheorie (Koordinationsspiel, Nutzenmaximierung) analytisch zu fassen und Eigenschutz zu priorisieren, nur um im Fazit in einen starren moralischen Absolutismus zu verfallen («ich könnte mit dem Zahlen persönlich nicht leben»). Wenn das theoretische Fundament das praktische Handeln nicht stützt, kollabiert die Handlungsfähigkeit unter Stress.

6. Naivität & Bunker-Mentalität

Zu den taktisch schwächeren Ansätzen zählten das Verriegeln der Fahrzeugtüren bei gleichzeitigem Drücken des Diplomatenpasses von innen an die Fensterscheibe. Dies signalisiert Angst und Überheblichkeit. Ebenso naiv war der (fehlende) Plan B bei der unrealistischen Annahme, korrupte Strassenbeamte würden sich freiwillig darauf einlassen, dem ausländischen Fahrzeug auf einen offiziellen Polizeiposten zu folgen, um dort die Busse abzuwickeln.

Wir danken allen für ihre Einsendungen und gratulieren Hptm Steven Senn zum Gewinn des Buch des Monats vom März, «Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA» von Takuma Melber.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #24 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #23

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #23

Ein europäisches Partnerland bittet die Schweiz kurzfristig um Unterstützung bei einer grossangelegten Übung zur Verteidigungsbereitschaft. Die sicherheitspolitische Lage ist angespannt, hybride Aktivitäten nehmen zu und die Öffentlichkeit beobachtet jede militärische Bewegung mit erhöhter Sensibilität. Die Armee verfügt über die nötigen Mittel und Kompetenzen, doch ein Engagement hätte mehrere Konsequenzen. Eine Teilnahme würde die internationale Kooperation stärken und das eigene Know-how verbessern. Gleichzeitig könnte sie innenpolitisch kontrovers wirken, weil Teile der Bevölkerung eine stärkere sicherheitspolitische Sichtbarkeit der Schweiz kritisch sehen.

Auf Stufe Armeeführung entsteht ein Dilemma. Soll die Armee die Übung unterstützen und damit ein klares Zeichen der Bereitschaft setzen, wie es Bauer in seinem Buch [If You Want Peace, Prepare for War: A Blueprint for Deterrence] fordert? Oder soll sie Zurückhaltung üben, um innenpolitische Spannungen zu vermeiden und das Neutralitätsverständnis nicht unnötig zu belasten?

Fragestellung

Wie begründest du deine Entscheidung gegenüber Politik, Truppe und Öffentlichkeit?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #23

Geschätzte Leserinnen und Leser,

Die Resonanz auf unser EDG #23 war sehr gut. Die Einsendungen zeigen, dass die Frage nach der Kooperationsbereitschaft in einem angespannten sicherheitspolitischen Umfeld den Kern unseres aktuellen Selbstverständnisses trifft. Das Dilemma zwischen dem Ruf nach Abschreckung (wie ihn etwa Admiral Bauer als wertvoller Impulsgeber skizziert) und der Rücksichtnahme auf innenpolitische Sensibilitäten wurde tiefgreifend analysiert und mehrere Lösungsvorschläge waren von hervorragender Qualität.

Dabei wurde eines deutlich: Führung in diesem Kontext bedeutet nicht, eine statische «Schablone» anzuwenden oder sich hinter starren Dogmen zu verstecken. Es ist vielmehr eine bleibende, hochdynamische Führungsaufgabe, die militärische Notwendigkeit, unsere staatspolitische Neutralität und die gesellschaftliche Akzeptanz in einer sich ständig verschärfenden Lage immer wieder neu auszutarieren. Wer heute führt, muss die Fähigkeit besitzen, harte operative Realitäten – etwa die grenzüberschreitende Reichweite moderner Waffensysteme – mit den sensiblen Erwartungen einer demokratischen Öffentlichkeit in Einklang zu bringen. Dies erfordert nicht nur taktische Kompetenz, sondern eine strategische Weitsicht, die begreift, dass militärische Glaubwürdigkeit nach aussen untrennbar mit der politischen Legitimation nach innen verbunden ist. Nur durch diese ständige, aktive Gestaltung des Handlungsspielraums lässt sich die Verteidigungsfähigkeit sichern, ohne den gesellschaftlichen Konsens und das Vertrauen in die Armee zu gefährden.

Der Gewinner: Hptm Raphael Iselin – Exzellenz durch Synthese

Nach sorgfältiger Evaluation hat der Beitrag von Hptm Raphael Iselin am meisten überzeugt. Die Qualität dieses Entwurfs liegt in der Synthese aus operativer Tiefe und institutioneller Reife. Iselin argumentiert, dass militärische Fachlichkeit und staatspolitisches Verantwortungsbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen, um in einer komplexen Bedrohungslage überhaupt erst handlungsfähig zu bleiben.

  • Sachlogische Herleitung der Kooperation: Iselin bricht mit oberflächlichen Schlagworten und begründet die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit konsequent aus der physikalischen Realität moderner Konflikte. In einer Zeit, in der Fernwirkungswaffen, Cyber-Operationen und hybride Bedrohungen keine Landesgrenzen im klassischen Sinne mehr kennen, ist die rein geografische Trennung operativ oft hinfällig. Iselin verdeutlicht, dass beispielsweise die moderne Luftverteidigung oder der Schutz kritischer Infrastruktur nur dann wirksam sind, wenn sie tief in den europäischen Raum hinein vernetzt gedacht und geübt werden. Eine totale militärische Isolation würde unter diesen Bedingungen nicht Souveränität bedeuten, sondern einen massiven Verlust an operativer Wirksamkeit, Aufklärungstiefe und Frühwarnzeit. Diese ehrliche Analyse der grenzüberschreitenden Sphären liefert die notwendige fachliche Basis, auf der die Politik tragfähige Entscheidungen aufbauen kann und soll.
  • Der Kommunikationsstandard der operativen Ehrlichkeit: Ein weiterer zentraler Aspekt ist Iselins Verständnis für das Zusammenspiel zwischen Armee und Politik. Der Beitrag macht deutlich, dass die Armee nicht autonom agiert, sondern ihre Expertise so aufbereiten muss, dass die politische Exekutive – in der Person des zuständigen Bundesrats – handlungs- und kommunikationsfähig wird. Iselin definiert hier einen neuen Standard der operativen Ehrlichkeit: Anstatt die Öffentlichkeit lediglich zu beruhigen oder militärische Handlungen als rein technokratische Akte darzustellen, setzt der Entwurf auf Transparenz und aktive Aufklärung. Indem militärische Experten der Politik die notwendigen Fakten und Szenarien liefern, kann diese der Bevölkerung den Sinn von Übungen und Kooperationen glaubwürdig vermitteln. Dieser Ansatz stärkt die demokratische Resilienz, da er das Vertrauen der Bürger auf einem fundierten Verständnis der Sicherheitslage aufbaut und die Armee als verlässlichen Partner der Gesellschaft positioniert.

Besondere Erwähnung: Strategische Stringenz und pragmatische Innovation

Zwei weitere Beiträge verdienen aufgrund ihrer spezifischen Perspektiven eine ausdrückliche Würdigung:

  1. Maj i Gst Florian Schweizer: Sein Stringenz-Argument ist ein wesentlicher Beitrag zur staatspolitischen Einbettung. Er weist darauf hin, dass es strategisch widersprüchlich wäre, wirtschaftliche Sanktionen mitzutragen, aber im Bereich der militärischen Ausbildung – dem Kern unserer Vorsorge – aus Neutralitätsangst in die Isolation zu flüchten. Die Armee wird hier als kohärenter Teil der schweizerischen Gesamtstrategie verstanden.
  2. Lt Maxime Rinderknecht: Er liefert mit dem Fokus auf die Miliztauglichkeit einen pragmatischen Ansatz. Der Vorschlag, die Teilnahme auf Basis der Freiwilligkeit zu organisieren (unter Bezugnahme auf Beispiele wie TRIAS-25), ist ein kluger Weg, um die Professionalität unserer Milizverbände zu steigern und gleichzeitig die innenpolitische Akzeptanz durch Motivation statt Zwang zu sichern.

Fazit und Reflexion

Dieses EDG war kein rein akademisches Gedankenspiel, sondern eine kleine, realitätsorientierte Übung in strategischer Kommunikation. Es fordert uns auf, die Rolle der Schweizer Armee im öffentlichen Diskurs zu reflektieren und vor allem die Verantwortung für die Deutungshoheit über sicherheitspolitische Notwendigkeiten zu thematisieren. Die Schweizer Armee darf sich nicht auf die Rolle der «Handwerker der Verteidigung» zurückziehen, die lediglich Befehle technisch umsetzen. Vielmehr fungiert sie als unverzichtbarer Lieferant von Expertise, der komplexe und oft unbequeme militärische Realitäten so übersetzt und aufbereitet, dass sie im politischen Raum faktisch korrekt kommuniziert und in der Gesellschaft breit in die Meinungsbildung einfliessen können.

Diese Aufgabe ist existenziell: Ohne ein tiefes Verständnis der Bevölkerung für die moderne Bedrohungslage – von hybriden Angriffen bis hin zu grenzüberschreitenden Waffensystemen – erodiert langfristig die Basis für jede Verteidigungsanstrengung. Es muss ein breit abgestütztes Verständnis dafür geben, dass Wehrhaftigkeit kein Widerspruch zur demokratischen Offenheit ist, sondern deren Schutzschild.

Es gibt keinen einfachen Königsweg, der alle Spannungsfelder zwischen Neutralitätstradition und operativer Kooperation mit einem Schlag auflöst. Doch gerade in dieser Ungewissheit liegt eine professionelle Pflicht: Wir schulden dem Staat und der Öffentlichkeit die ungeschönte, ehrliche Analyse der Lage und der Truppe die zeitgerechte, entschlossene Handlungsfähigkeit. Nur wer die Widersprüche unserer Zeit aushält und sie kommunikativ überwindet, kann in einer instabilen Welt Sicherheit garantieren.

Wir danken allen Teilnehmenden für die Einsendungen und gratulieren Hptm Raphael Iselin zu seinem hervorragenden Beitrag. Viel Freude bei der Lektüre von «If you want peace, prepare for war» von Admiral Rob Bauer.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #22 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #21

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #21

Szenario «Widerstand»

Niemand hätte damit gerechnet: Nach einem ersten Probing Russlands im Baltikum stellte sich die NATO als handlungsunfähig heraus. Europa zerfiel schockierend rasch in eine pro- und eine antirussische Seite. Der folgende wirtschaftliche und gesellschaftliche Niedergang führte zu zahlreichen kleineren Konflikten über den ganzen Kontinent verteilt. Die zunächst verschonte Schweiz weckte dabei Neider – und nachdem sie sich geweigert hatte, klar Position zu beziehen, wurde ein Teil ihres Territoriums im Sinne einer Pfandnahme besetzt.

Seither steht die Schweiz nordöstlich der Limmat unter fremder Kontrolle. In diesem Gebiet formieren sich nun irreguläre Kräfte, die nach dem Vorbild von Major Hans von Dachs Konzept des «Totalen Widerstands» gegen die Besatzer vorgehen.

Ihre Kompanie, ursprünglich aus Ostschweizern gebildet, ist im Wasserschloss eingesetzt – ein Gebiet, das nach wie vor zur freien Schweiz gehört. Doch Ihre Offiziere haben über ihre Familien- und Heimatkantonsbeziehungen direkte Verbindungslinien ins besetzte Gebiet. Damit steht im Raum, dass Lieferungen an die Widerstandsgruppen zumindest denkbar wären.

In einer abendlichen Lagebesprechung entbrennt zwischen Ihren Offizieren eine hitzige Diskussion:

  • Leutnant Ruckstuhl aus Bichelsee ist fest überzeugt: «Hundert Kilo Plastit sind in der Hand des Thurgauer Widerstands sicher wertvoller als bei uns im Munitionsmagazin. Meine Cousinen könnten den Transfer organisieren, wenn wir das zulassen.»
  • Oberleutnant Gmür aus Flawil hält vehement dagegen: «Wir haben ja selber kaum genug Sprengmittel, um unsere Sperren aufrechtzuerhalten. Wenn wir abgeben, gefährden wir unsere eigenen Aufträge. Abgesehen davon ist es verboten»
  • Leutnant Ziegler aus Hallau wirft ein: «Genau, und wer sagt uns, dass die Irregulären nicht auch Zivilisten ins Visier nehmen? Wenn wir sie versorgen, tragen wir Mitverantwortung für mögliche Kriegsverbrechen.»
  • Schliesslich warnt Oberleutnant Kellerhals aus Marbach: «Die Besatzer würden Vergeltung üben, vielleicht genau gegen die Dörfer, aus denen unsere Familien stammen. Wollen wir das riskieren?»
  • Da explodiert Leutnant Hohl aus Herisau, während ihm gleichzeitig Tränen in die Augen schiessen: «Ihr verdammten Feiglinge! Habt ihr eigentlich mitbekommen, was letzte Woche in Wil passiert ist? Ihr wisst genau, wer die Kriegsverbrechen begeht. Und jede Patrone im Magazin eines Schweizer Widerstandskämpfers hilft, solche Verbrechen zu verhindern.»

Der Streit wird zunehmend persönlicher, Emotionen steigen hoch – einige Offiziere pochen auf Solidarität mit den eigenen Leuten jenseits der Front, andere erinnern an die Pflicht, den Auftrag im freien Teil des Landes zu erfüllen.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund stellen sich Ihnen drei Fragen:

    1. Wie schlichten Sie den Streit als Kompaniekommandant?

    2. Welche inhaltliche Position nehmen Sie persönlich ein?

    3. Kommunizieren Sie diese Meinung im Kreise Ihrer Offiziere?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #21

Das Szenario «Widerstand» konfrontiert einen Kompaniekommandanten mit einer Problematik, in dem rechtliche Pflicht, institutionelle Verantwortung, persönliche Moral und die emotionale Notlage der Untergebenen miteinander verknüpft sind. Die eingereichte Lösung von Markus Heini wurde als die beste bewertet, weil sie dieses Spannungsfeld nicht nur erkennt, sondern einen prozedural, ethisch und führungstechnisch sinnvollen Weg zur Auflösung aufzeigt.

1. Einordnung des Szenarios: Das moderne ethische Schlachtfeld

Das Szenario wirft den Kommandanten in eine Situation, die einen Kernkonflikt der heutigen Militärethik und des humanitären Völkerrechts widerspiegelt. Traditionell basierte die Ethik des Soldaten auf klaren Hierarchien, Befehl und Gehorsam – die Verantwortung lag primär bei der politischen Führung, die den Krieg befahl, und weniger beim einzelnen Kombattanten. Dieses klassische Modell, das auf dem staatlichen Gewaltmonopol fusst, trennt scharf zwischen der politischen Entscheidungsebene (jus ad bellum) und der militärischen Handlungsebene (jus in bello). Für den einzelnen Soldaten bedeutete dies eine klare moralische Arbeitsteilung: Seine Pflicht war es, Befehle auszuführen und sich an die Kriegsregeln zu halten, während der Staat die moralische Last für den Krieg selbst trug. Ein wesentlicher Eckpfeiler ist die strikte Trennung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten im Krieg. Neuere, oft als «revisionistisch» bezeichnete Ansätze, die legitime Gewaltanwendung anhand von Notwehr und Notwehrhilfe im Zivilleben analysieren, stellen dieses Fundament in Frage und verlagern den Fokus zunehmend auf die moralische Verantwortung des Individuums. Begleitet durch die wachsende Bedeutung der Menschenrechte in völkerrechtlichen Bewertungen, argumentiert diese Perspektive, dass ein Soldat, der für einen ungerechten Aggressor kämpft, seinen moralischen Schutzschild verliert und selbst zu einem legitimen Ziel wird. Diese Perspektive untergräbt die traditionelle Gleichheit aller Kombattanten und fordert vom Einzelnen eine Gewissensprüfung, die weit über das blosse Befolgen von Befehlen hinausgeht.

Diese Spannung ist im Szenario präsent:

  • Die traditionelle Sicht: Oberleutnant Gmür pocht auf den Auftrag und die Vorschriften («es ist verboten»).
  • Die individualistische Sicht: Leutnant Hohl beruft sich auf sein Gewissen und die moralische Pflicht, angesichts von Kriegsverbrechen zu handeln («Ihr verdammten Feiglinge!»).

Kritiker könnten einwenden, das Szenario sei strategisch ungenau oder aus Sicht traditionell bewährter Praxis fragwürdig. Doch diese Kritik verkennt den didaktischen Zweck: Die strategische Unklarheit ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Werkzeug. Sie simuliert eine Form des «ethischen Nebels», der in modernen, hybriden Konflikten zur Realität werden kann. In solchen Lagen sind klare Frontlinien und eindeutige rechtliche Status (Freund, Feind, Zivilist) oft kaum zu erkennen. Die Isolation des Kommandanten zwingt ihn, ohne einen klaren Befehl von oben eine Entscheidung zu treffen, die sowohl seiner institutionellen Rolle als auch seinem moralischen Kompass gerecht werden muss. Es geht hier darum eine zeitlose Führungskompetenz zu schulen: Urteilsvermögen unter moralischem Druck.

Dieser «Test für Führung im ethischen Nebel» ist weit mehr als eine intellektuelle Übung. Er zwingt die Führungsperson, widersprüchliche Loyalitäten abzuwägen: die Loyalität zur Befehlskette, die Loyalität zu den eigenen Soldaten und deren emotionaler Not, die Loyalität zur leidenden Zivilbevölkerung und die Loyalität zum eigenen Gewissen. Ein Kommandant, der in dieser Lage besteht, beweist nicht nur Regelkenntnis, sondern moralischen Mut und charakterliche Widerstandsfähigkeit. Er muss einen Standpunkt der Verantwortung finden, wenn die Hierarchie schweigt. Militärische Führungspersonen müssen daher lernen, ihr Entscheiden und Handeln mit den aktuellen Entwicklungen in der Militärethik und im Völkerrecht in Einklang zu bringen. Nur so kann auf allen Ebenen die Glaubwürdigkeit und Legitimität nach aussen und nach innen gewahrt bleiben. In einer Zeit, in der jede taktische Handlung durch soziale Medien eine strategische Wirkung entfalten kann, ist dies keine Nebensächlichkeit, sondern eine Kernkompetenz. Eine ethisch fragwürdige, wenn auch vielleicht gut gemeinte Entscheidung auf Kompanieebene kann das Vertrauen der Bevölkerung in die gesamte Armee untergraben und damit einen strategischen Schaden anrichten, der weit über den unmittelbaren Nutzen hinausgeht. Gegenwärtige Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit diesen Themen in politischen und akademischen Diskursen belegen die Virulenz der Problematik.

2. Die Lösung von Markus Heini

Heinis Vorschlag überzeugt, weil er das Problem ganzheitlich erfasst und in vier Schritten löst: Prozess, Führung, Inhalt und Operation.

a) Der Prozess: Souveräne Deeskalation

Heini erkennt als Erstes die unmittelbare Gefahr: «Generell sind Emotionen schlechte Wegweiser.» Seine oberste Priorität ist es, die irrationale, eskalierende Debatte zu beenden und einen rationalen Entscheidungsfindungsprozess zu etablieren. Indem er die Entscheidung auf den nächsten Tag verschiebt, gewinnt er Zeit, kühlt die Gemüter ab und stellt seine Autorität als prozessführende Instanz wieder her. Dieser Schritt ist die unabdingbare Voraussetzung für jede tragfähige Lösung.

b) Die Führung: Die Kunst der Kommunikation

Der Kern von Heinis Ansatz liegt in der von ihm wörtlich ausformulierten Ansprache an seine Offiziere. Diese «Battle Speech» ist ein gutes Beispiel für ausbalancierte Führung:

  • Emotionale Verbindung: Er beginnt mit persönlicher Betroffenheit («Auch ich als gebürtiger Thurgauer leide mit euch»), schafft eine gemeinsame Basis und validiert die Emotionen seiner Untergebenen. Er zeigt, dass er sie versteht.
  • Unmissverständliche Autorität: Unmittelbar danach zieht er eine klare Linie und begründet seinen Befehl rational und nachvollziehbar: «Wir können keine Kampfmittel an den Widerstand senden.»

Er demonstriert damit den Grundsatz «Verstehen, ohne einverstanden zu sein». Er holt seine Leute emotional ab, ohne jedoch bei der Sache selbst einen Kompromiss einzugehen.

c) Der Inhalt: Der ethisch überlegene dritte Weg

Hier liegt die ethische Substanz seiner Lösung. Heini verfällt nicht in ein simples Ja/Nein-Schema. Er lehnt die Lieferung von Sprengstoff klar ab, aber nicht nur aus formaljuristischen Gründen. Seine ethische Hauptmotivation ist der Schutz der Zivilbevölkerung vor absehbaren, brutalen Repressalien – eine direkte Anwendung der Prinzipien der Verhältnismässigkeit und des Schutzes von Nichtkombattanten.

Seine «Option 3» – die Unterstützung mit Medikamenten, Aufklärungsdaten und Know-how – ist der entscheidende Schritt. Dieser dritte Weg löst die Problematik:

  • Er erfüllt die institutionelle Pflicht: Kein Verstoss gegen Vorschriften, keine Gefährdung des eigenen Auftrags.
  • Er erfüllt die moralische Pflicht: Er lässt seine Landsleute nicht im Stich und leistet Hilfe.
  • Er schützt die Zivilbevölkerung: Indem er die Widerstandskämpfer nicht zu vollwertigen Kombattanten macht, minimiert er die Eskalationsspirale der Gewalt.

d) Die Operation: Proaktive und verantwortungsvolle Autonomie

Heini begnügt sich nicht mit seinem Entscheid, sondern entwirft einen klaren Plan zur Umsetzung. Er wartet nicht passiv auf Befehle, sondern nutzt seine Autonomie als Kommandant. Sein «Schritt 6» – die proaktive Information des Stabes und der Antrag auf Umsetzung seines Plans – zeigt ein modernes Verständnis von «Auftragstaktik». Er handelt im Sinne der übergeordneten Führung, ergreift aber die Initiative, um das Problem vor Ort zu lösen. Dies unterscheidet einen Leader von einem blossen Verwalter.

3. Fazit

Der Lösungsvorschlag von Markus Heini ist die beste Einsendung, weil er eine umfassende Antwort auf ein komplexes Problem gibt. Er demonstriert nicht nur, was die richtige Entscheidung ist, sondern auch, wie ein Kommandant diese prozedural einleitet, führungstechnisch kommuniziert und operativ umsetzt. Er navigiert durch das Spannungsfeld von Recht, Moral und Emotion und liefert eine Blaupause für Führung im Angesicht eines modernen militärethischen Dilemmas. Wir gratulieren Markus Heini zum Gewinn des Buches Grunts: Inside the American Infantry Combat Experience von John McManus.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #19 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #18

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr Florian Demont, Militärethiker in der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #18

Szenario

(basierend auf wahren Begebenheiten)

Sie sind unbewaffneter UNO-Militärbeobachter im Range eines Hauptmanns und im Rahmen der Schweizerischen militärischen Friedensförderung an die United Nation Truce Supervision Organisation (UNTSO) im Nahen Osten abgeordnet. Ihre Aufgabe besteht darin, die Waffenruhe zwischen Israel und Syrien in der entmilitarisierten Zone (Area of Separation – AoS) in den Golanhöhen zu beobachten. Dazu sind sie auf einem der fix installierten Beobachtungsposten auf der syrischen Seite der AoS positioniert. In ihrem Einsatzraum befinden sich nebst zehn weiteren UNTSO-Beobachtungsposten und Patrouillen, auch noch die United Nation Disengagement Observer Force (UNDOF) mit zwei Infanterie- und einem Logistik-Bataillon.

Seit einiger Zeit wütet in Syrien ein Bürgerkrieg. Die Machtverhältnisse in den Golanhöhen sind dynamisch und in verschieden Ortschaften und Landstrichen in der AoS wechselt wöchentlich die Kontrolle zwischen Regierungskräften und oppositionellen Gruppierungen. Letztere lassen sich oftmals bis auf die Waffen nicht oder nur schlecht von der lokalen Bevölkerung unterscheiden. Durch den Konflikt sind nun permanent leichte und schwere Waffensysteme im Einsatz in der AoS, was das Abkommen zwischen Syrien und Israel gefährdet. Israel beobachtet die AoS eng von ihren eigenen Beobachtungsposten aus und jeder «spill-over» wird mit Luftangriffen auf Syrische Positionen beantwortet. Letzte Nacht kam es wieder zu starken Gefechten in der Nähe ihres Beobachtungspostens, auf dem Sie zu zweit mit einem Offizier eines anderen Landes stationiert sind. Im Morgengrauen hören sie Hilferufe ausserhalb des Tores ihres Postens. Mit einem Blick durch die Sprechklappe sehen sie zwei Männer in ziviler Kleidung, wobei einer ein Gewehr des Typ Kalaschnikow bei sich hat. Beide scheinen verletzt zu sein. In gebrochenem Englisch und Arabisch geben die Männer zu verstehen, dass sie dringend medizinische Versorgung benötigen.

Fragestellung

  • Ihr UNO-Mandat verpflichtet sie zur Neutralität und Unparteilichkeit. Was tun Sie in dieser Situation?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #18

Ein Plädoyer für analytische Tiefe und humanitären Pragmatismus

Das Szenario der beiden verletzten Männer vor dem UN-Posten hat die Teilnehmer vor eines der schwierigsten normativen Probleme gestellt, mit denen Militärpersonal in Friedensförderungseinsätzen konfrontiert werden kann: die Kollision zwischen dem humanitären Imperativ, dem strengen Mandat und der Notwendigkeit der Eigensicherung. Die eingegangenen Antworten haben die ganze Bandbreite möglicher Reaktionen aufgezeigt, von strikter Nicht-Einmischung bis hin zu hochriskanten Interventionen.

Nach sorgfältiger Prüfung aller Einsendungen freue ich mich, Hptm Nicolas Muzzetto zum Gewinner dieses Decision Games zu küren. Sein Lösungsvorschlag besticht durch eine ausserordentliche analytische Tiefe, die direkt in einen ebenso pragmatischen wie professionellen Handlungsplan mündet.

Was den Ansatz von Hptm Muzzetto auszeichnet

Viele Einsendungen haben korrekte Handlungspläne skizziert. Doch Hptm Muzzetto geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er liefert nicht nur eine Lösung, sondern eine Herleitung mit Tiefgang. Er beginnt damit, das Dilemma in seiner ganzen Komplexität zu «kartographieren» (sein eigenes Wort: cartographiée). Er identifiziert präzise die Spannungsfelder, die in dieser Situation wirken:

  1. Der persönliche Konflikt: Die eigene «moralische Kompassnadel» (boussole morale) und die humanistischen Werte, die zur Hilfe drängen.
  2. Der professionelle Konflikt: Die Loyalität gegenüber dem Auftrag, der Armee und dem Land, die eine Gefährdung der Mission verbietet.
  3. Der rechtliche Konflikt: Das Mandat der Neutralität und Unparteilichkeit gegenüber der allgemeinen Pflicht zur Hilfeleistung.

Diese tiefgründige Analyse ist der Grundstein seiner Lösung und hebt sie von anderen ab. Während einige Vorschläge sich auf eine prozedurale Checkliste konzentrierten, hat Hptm Muzzetto den Kern des ethischen Problems freigelegt. Er erkennt, dass eine gute Entscheidung hier nicht nur Regeln befolgen, sondern konkurrierende Werte abwägen muss.

Vom Denken zum Handeln: Die überlegene Lösung

Aus dieser klaren Analyse leitet er einen Handlungsplan ab, der in seiner Ausgewogenheit heraussticht. Seine Entscheidung, dass das Öffnen der Tür ein absolutes «NO GO» ist, wahrt den fundamentalen Grundsatz der Eigensicherung. Doch anstatt in Passivität zu verfallen, schlägt er ein aktives, kontrolliertes und humanitäres Vorgehen vor:

  • Verhandeln aus gesicherter Position: Die Bedingung, dass die Waffen niedergelegt und neutralisiert werden müssen.
  • Kalkulierte Hilfeleistung: Das Reichen eines Erste-Hilfe-Kits durch eine Öffnung, ohne die physische Integrität des Postens zu kompromittieren.
  • Professionelle Eskalation: Die gleichzeitige Alarmierung der UNDOF, um die Situation an die dafür zuständige und ausgerüstete Stelle zu übergeben.

Dieser Ansatz gewinnt, weil er das Beste aus verschiedenen Perspektiven vereint: Er ist menschlich, ohne naiv zu sein; er ist sicherheitsbewusst, ohne zynisch zu werden; und er ist mandatskonform, ohne die humanitäre Verantwortung zu ignorieren. Er vermeidet die Fehler anderer Vorschläge – sei es die gefährliche Mandatsüberschreitung, die Männer als Kriegsgefangene zu behandeln, oder die moralisch unbefriedigende Haltung, nur passiv auf Anweisungen zu warten.

Hptm Muzzetto zeigt, dass in der Militärethik die beste Handlung manchmal aus der tiefsten Analyse erwächst. Wir gratulieren ihm zu dieser Leistung und wünschen ihm eine spannende Lektüre von «My War Gone By, I Miss It So» von Anthony Loyd.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #17 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #16

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Dozent für Militärethik an der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #16

Szenario

Sie sitzen als abverdienender Kompaniekommandant in Ihrem Büro und arbeiten konzentriert an einem Übungskonzept, als das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich Ihr Vorgesetzter. Die Mutter eines Rekruten hat ihn kontaktiert und berichtet von Zuständen in der Kompanie, die sie als alarmierend erachtet. Ihr Sohn klagte über einen Unteroffizier, der die Rekruten während der Zimmerkontrolle bis zu einer halben Stunde in der Achtungsstellung verharren liess und Material durch die Kaserne warf. Der Rekrut leidet unter Schlafmangel und entwickelt Angstzustände.

Da Sie sich in der zweiten Woche der Rekrutenschule noch nicht alle Gesichter und Namen merken konnten, lassen Sie den betroffenen Rekruten in Ihr Büro rufen. Dieser bestätigt nicht nur die Aussagen seiner Mutter, sondern ergänzt sie um weitere Details. Bereits mehrfach seien Rekruten seines Zuges nach dem Lichterlöschen geweckt worden, um in Sportbekleidung um die Kaserne zu rennen. «Bestrafungen» dieser Art basierten angeblich auf Fehlverhalten wie mangelnder Schuhpflege, Unordnung in den Zimmern oder Verspätungen bei der Ausbildung.

Beim folgenden Kompanierapport bringen Sie das Thema zur Sprache und müssen feststellen, dass die Zugführer keinerlei Kenntnis von den Vorgängen haben. Eine mögliche Ursache ist schnell gefunden: Das höhere Kader ist nicht am gleichen Ort wie die Rekruten und Unteroffiziere untergebracht, was eine unmittelbare Kontrolle erschwert. Um den Vorfall umfassend aufzuarbeiten, ordnen Sie an, dass jeder Rekrut des betroffenen Zuges schriftlich Stellung nehmen soll. Parallel dazu befragen Sie mündlich die Unteroffiziere des Zuges, um deren Sicht der Dinge zu erfahren. Dabei kristallisiert sich rasch heraus, dass Wachtmeister Huber treibende Kraft hinter diesen Massnahmen ist. Seine charismatische Art hat zudem dazu geführt, dass andere Unteroffiziere ihm folgen und ähnliche Praktiken übernehmen.

Die schriftlichen Aussagen der Rekruten fallen jedoch ambivalent aus: Während einige Wachtmeister Huber direkt beschuldigen, verteidigt ihn eine Mehrheit indirekt. Viele befürworten die Massnahmen grundsätzlich und betrachten sie als berechtigte Konsequenzen für mangelnde Disziplin. Die Einhaltung von Ordnung und Sauberkeit sei schliesslich eine zentrale militärische Tugend und letztlich Teil der Ausbildung.

Um die Situation weiter zu ergründen, lassen Sie auch Wachtmeister Huber schriftlich Stellung nehmen. In seinem Bericht zitiert er das Dienstreglement und argumentiert, dass seine Massnahmen der Erziehung zum Soldaten, der Durchsetzung von Ordnung, der Förderung der Kameradschaft sowie dem nachhaltigen Aufbau von Respekt gegenüber den Vorgesetzten dienten. Er betrachtet sein Vorgehen als notwendige Härte, um den Rekruten Disziplin beizubringen, und verweist darauf, dass ähnliche Methoden auch in anderen Zügen Anwendung finden.

Tatsächlich ergibt eine weitere Untersuchung, dass ähnliche Praktiken in anderen Zügen existieren. Doch anders als in dem betroffenen Zug werden sie dort nicht negativ wahrgenommen. Vielmehr empfinden viele Rekruten sie als Teil der militärischen Erziehung und Ausbildung.

Ihr Vorgesetzter ordnet dennoch an, ein Disziplinarstrafverfahren gegen Wachtmeister Huber zu eröffnen, um den Fall offiziell zu untersuchen. Bei der Durchsicht der gesetzlichen Grundlagen und in Rücksprache mit einem Ihnen bekannten militärischen Untersuchungsrichter wird jedoch klar, dass es schwierig sein wird, eine wasserdichte juristische Grundlage für eine Verurteilung zu finden. Die Abgrenzung zwischen strenger militärischer Führung und unzulässiger Schikane ist komplex, insbesondere weil viele Rekruten die Massnahmen verteidigen.

Sie sind hin- und hergerissen. Mehrere Abgänge aus ihrer Kompanie haben Sie bereits gehabt, die möglicherweise auf den harten Umgang zurückzuführen sind, und noch stehen sechzehn Wochen Rekrutenschule bevor. Gleichzeitig anerkennen Sie die konsequente Dynamik im Unteroffizierskorps – das gegenteilige Problem hatte ihnen als Zugführer weitaus grössere Probleme bereitet. Es ist keine leichte Aufgabe, die militärische Härte mit der Fürsorgepflicht in Einklang zu bringen – Sie wollen die Rekruten zur Verteidigungsfähigkeit führen, erziehen und ausbilden, aber auch Schikane und Missbrauch verhindern und disziplinarische Führungsfehler konsequent ahnden. Zudem gilt es, das Vorgehen gegenüber Rekruten, Kadern, Vorgesetzten und Aussenstehenden zu erklären.

Fragestellung

  • Welche Sofortmassnahmen ergreifen Sie?
  • Wie bringen Sie Härte und Fürsorgepflicht in Einklang?
  • Was wollen Sie tun, um die Situation bis Ende der Rekrutenschule zu verbessern?
  • Was kommunizieren Sie wem?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #16

Das vorgelegte Szenario konfrontiert einen Kompaniekommandanten mit einer komplexen Führungssituation: Ein Rekrut beklagt sich über Schikanen durch einen Unteroffizier, Wachtmeister Huber, der für sein hartes Vorgehen bekannt ist, aber auch von vielen Kameraden und einigen Rekruten für seine Konsequenz geschätzt wird. Die Vorfälle reichen von langen Achtungsstellungen bis hin zu nächtlichen «Strafübungen». Gleichzeitig gibt es Hinweise auf systemische Probleme, da ähnliche Praktiken auch in anderen Zügen existieren und die Zugführer offenbar unzureichend informiert oder involviert sind. Der Vorgesetzte des Kompaniekommandanten hat bereits die Eröffnung eines Disziplinarstrafverfahrens gegen Wachtmeister Huber angeordnet, obwohl die juristische Grundlage dafür als schwierig eingeschätzt wird. Der Kompaniekommandant muss nun Sofortmassnahmen ergreifen, eine Balance zwischen notwendiger militärischer Härte und Fürsorgepflicht finden, die Situation langfristig verbessern und seine Entscheidungen verschiedenen Anspruchsgruppen kommunizieren.

Wir präsentieren hier nicht ein Kondensat aller Eingaben, sondern präsentieren den Lösungsvorschlag von Lt Ralph Meier und heben dabei hervor, weshalb sie die Auszeichnung des Monats Mai verdient.

Lt Meier legt eine detailliert ausgearbeitete Antwort vor, die sich durch eine klare Struktur und eine tiefgehende Analyse der Problematik auszeichnet. Seine Lagebeurteilung identifiziert präzise die Kernprobleme: ein Führungs- und Kontrolldefizit, die ambivalente Wahrnehmung der Massnahmen durch die Rekruten, die rechtliche Grauzone, das systemische Ausmass der Praktiken und die Gefahr weiterer Abgänge aus der Kompanie.

Als Sofortmassnahmen schlägt Lt Meier ein Bündel von Interventionen vor:

  • Eine sofortige Kaderbesprechung zur Klärung von Regeln und Grenzen (was ist erlaubt, was nicht?).
  • Die temporäre Anwesenheitspflicht von Zugführern bei Zimmerkontrollen und die Prüfung einer Aufhebung der räumlichen Trennung zwischen höherem Kader und der Truppe.
  • Ein niederschwelliges Gesprächsangebot für Rekruten, um Probleme frühzeitig ansprechen zu können.
  • Die Aussetzung aller fragwürdigen «Erziehungsmassnahmen» bis zur Klärung.

Um die Balance zwischen Härte und Fürsorgepflicht herzustellen, plant Lt Meier:

  • Die Erarbeitung klarer Kriterien für angemessene Härte gemeinsam mit den Zugführern.
  • Die Institutionalisierung von Reflexionsrunden mit den Unteroffizieren, um kritische Situationen zu besprechen und den Sinn von Erziehungsmassnahmen zu betonen.
  • Die Entwicklung eines internen Ausbildungsmoduls für Unteroffiziere.
  • Die Einführung von positiver Verstärkung und anonymisierten Befragungen der Rekruten.

Für die langfristige Verbesserung der Situation bis zum Ende der Rekrutenschule sieht sein Plan vor:

  • Die Einrichtung eines Mentorensystems für Unteroffiziere.
  • Regelmässige Kaderschulungen zu Führungsthemen.
  • Die Überarbeitung der Kontrollmechanismen, um eine regelmässige, auch unangekündigte Präsenz des höheren Kaders sicherzustellen.
  • Teambuilding-Massnahmen und eine konsequente Dokumentation und Evaluation aller Vorfälle und Massnahmen.

Seine Kommunikationsstrategie ist differenziert und adressiert alle relevanten Gruppen: die Rekruten, die Kader, seinen Vorgesetzten und sogar die Eltern des betroffenen Rekruten (nach dessen Zustimmung).

Besonders gelungen ist der detaillierte Plan zum Umgang mit Wachtmeister Huber. Lt Meier schlägt hier ein Einzelgespräch vor, um dessen Motive zu verstehen, aber auch klare Grenzen zu setzen. Er will Hubers Führungsstärke und Charisma positiv nutzen, ihn aber gleichzeitig kontrollieren und ihm sowohl Konsequenzen bei weiteren Verstössen als auch Perspektiven bei positiver Entwicklung aufzeigen.

Ein weiterer herausragender Punkt ist die proaktive Auseinandersetzung mit der Anweisung seines Vorgesetzten bezüglich des Disziplinarstrafverfahrens. Lt Meier argumentiert fundiert, warum er ein sofortiges Verfahren gegen Huber für unverhältnismässig und kontraproduktiv hält. Er plädiert für ein Überdenken dieser Anweisung und schlägt stattdessen eine formelle mündliche Verwarnung und enge Begleitung Hubers vor, betont aber seine Bereitschaft zu einem Disziplinarverfahren bei weiteren Verstössen. Er besteht hier auf seinem Beurteilungsspielraum als Kompaniekommandant im Rahmen der Auftragstaktik.

Die Stärken der Antwort von Lt Meier sind zahlreich:

  • Umfassend und detailliert: Die Antwort deckt nahezu alle Aspekte der komplexen Problematik ab und bietet eine Fülle von konkreten, durchdachten Massnahmen.
  • Systemischer Ansatz: Lt Meier erkennt, dass es sich nicht nur um ein Einzelproblem mit Wachtmeister Huber handelt, sondern um systemische Schwächen in Führung, Kontrolle und Kultur. Seine Lösungen zielen daher auf nachhaltige Veränderungen ab.
  • Ausgewogenheit: Er versucht, eine Balance zwischen notwendiger Konsequenz und der Anerkennung positiver Aspekte (z.B. Engagement von Huber, Dynamik im UO-Korps) zu finden.
  • Führungshaltung: Lt Meier zeigt eine klare und verantwortungsbewusste Führungshaltung, insbesondere im Umgang mit seinem Vorgesetzten, wo er seinen Standpunkt mutig und gut begründet vertritt.
  • Praxisnähe: Viele Vorschläge sind sehr praxisnah und zeugen von einem guten Verständnis für die Realitäten des Dienstalltags (z.B. anonymisierte Befragungen, Mentorensystem, Reflexionsrunden).
  • Starke Selbstreflexion: Das abschliessende Fazit mit persönlichen «Learnings» zeigt eine hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion und zum kontinuierlichen Lernen als Führungskraft.

Mögliche Schwächen:

  • Ressourcenintensität: Einige der vorgeschlagenen Massnahmen dürften ressourcenintensiv sein. Dies ist jedoch eher eine Herausforderung der Implementierung als der Konzeption.
  • Analyse vergangener Kommunikationsfehler: Während die Kommunikationsstrategie für die Zukunft sehr gut ist, könnte die explizite Analyse, warum die Kommunikation in der Vergangenheit versagt hat, pointierter sein – was auch der Begründung helfen könnte.

Schlussfolgerung

Die Antwort von Lt Ralph Meier stellt eine überzeugende Bearbeitung des komplexen Führungsszenarios dar. Sie zeichnet sich durch eine tiefgehende Analyse, eine klare Ausrichtung, eine Vielzahl konkreter und praxisnaher Massnahmen sowie eine gute Führungshaltung aus. Wie er die verschiedenen Facetten des Problems adressiert und miteinander verknüpft, ist vorbildlich.

Aus diesen Gründen wird die Antwort von Lt Ralph Meier als die beste der eingetroffenen Einsendungen gewürdigt. Sie bietet nicht nur eine Lösung für das spezifische Problem, sondern vermittelt darüber hinaus wertvolle Einblicke in eine moderne, reflektierte und verantwortungsbewusste militärische Führung. Wir gratulieren zu einem Exemplar von «Führung und das 3 Alpha Prinzip» von von Hans-Christian Witthauer und Thomas Saller.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #15 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #14

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario.; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #14

Szenario

Nachdem sich der lange schwelende Konflikt mit dem nördlichen Nachbarn immer mehr zu gespitzt hat, ist es vor sieben Jahren zu einem bewaffneten Angriff und Einmarsch gegnerischer Truppen in die Schweiz gekommen. Unsere Truppen konnten zwar mit Hilfe von Partnern und Verbündeten den Vormarsch in einer ersten Phase aufhalten – allerdings hat sich die Front zunehmend verhärtet und zu einem eigentlichen Schützengraben-Krieg entwickelt. Die gegnerischen Gebietsgewinne nehmen fast täglich zu. Dabei handelt es sich zwar nur um minimale Erfolge – aber auch viele kleine Schritte führen irgendwann einmal zum Sieg…

Nachdem in der Anfangsphase des Konflikts die Truppenmoral hoch war – alle waren bereit, sich für die Verteidigung des Landes einzusetzen – sind mittlerweile die Abnützungserscheinungen bei den Soldaten und Kadern unübersehbar. Müdigkeit und Desillusionierung greifen immer mehr um sich. Glaubte man anfänglich noch an einen Sieg und an die Möglichkeit, den Gegner bald wieder aus den eroberten Gebieten verdrängen zu können, schwindet der Glaube daran immer mehr.

Die Armeeführung sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, die Fähigkeiten ihrer Soldaten zu verbessern. Bereits lange vor Ausbruch des eigentlichen Krieges wurde schon aktiv im Bereich «Human Enhancement» geforscht. Nun zeichnet sich ein Durchbruch ab. Was sich nach Science-Fiction-anhört, liegt in greifbarer Nähe: Die genetische Verbesserung der eigenen Streitkräfte durch Verabreichung von Substanzen; die Einpflanzung von Kommunikationsmitteln direkt in den Körper der Soldaten sowie die Möglichkeit, durch chirurgische Eingriffe den Bewegungs- und Muskelapparat der eigenen Streitkräfte gezielt zu verbessern. Was sich nach «Captain America» und «Wolverine» anhört, ist plötzlich eine reelle Möglichkeit. Erste Versuche an und mit Freiwilligen zeigen: Würde man einen signifikanten Teil der Truppe mit diesen Fähigkeiten ausstatten, wäre ein Sieg innerhalb der nächsten 12 Monate möglich.

Natürlich stellen sich dabei diverse ethische Fragen. Wie weit darf der Staat in die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte des Einzelnen eingreifen, wenn es um das sogenannt «übergeordnet höhere Ziel» geht: Den Schutz der Zivilbevölkerung und die Weiterexistenz des eigenen Staates? Inwiefern darf man Soldaten dazu zwingen, diese neue Technologien an sich umsetzen zu lassen? Täglich sterben Hunderte. Und nun hätten wir die Möglichkeit, dem Töten ein Ende zu setzen… Was ist die ethisch richtige Entscheidung?

Fragestellung

Die Armeeführung hat entschieden, dass diese Mittel testweise bei Freiwilligen eingesetzt werden. Ihr Divisionskommandant hat Sie als Kompaniekommandant des Infanteriebataillons 26 persönlich angefragt, ob Sie bereit sind, dass dies in Ihrer Infanteriekompanie bei 2 Soldaten pro Gruppe (insgesamt 24 Armeeangehörigen) durchgeführt werden kann. Eine vorgängige Umfrage hatte ergeben, dass sich in Ihrer Kompanie die notwendige Anzahl Freiwilliger befinden. Ihr Bataillonskommandant unterstützt den Versuch, falls Sie sich mit Ihrer Kompanie melden.

Es gibt drei Programme, für die Sie sich entscheiden könnten:

  • Ein Medikament, das pro Dosis für 24h Ängste komplett unterdrückt und gemäss ersten Studien auch hilft, posttraumatische Störungen zu reduzieren.
  • Ein elektromagnetischer Stimulator, der in den Helm eingebaut wird und die Müdigkeit wirksam während Tagen unterdrücken kann (Nebenwirkungen sind noch nicht erforscht).
  • Eine genetische Modifikation, die das Sehvermögen in der Nacht permanent um 250% verbessert.

Ganz konkret:

  • Für welche der Experimente würden Sie die Zustimmung in Ihrer Kompanie geben?
  • Bei welchem der Experimente würden Sie als Kompaniekommandant persönlich mitmachen?
  • Wie begründen Sie Ihren Entscheid?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #14

Die Aufgabenstellung des EDG #14 basiert auf einer Thematik, welche die Militärethik gegenwärtig stark beschäftigt. Während sich doch einige der pharmakologischen Möglichkeiten zur Leistungssteigerung bewusst sind (mehrere Einsendungen nannten Pervitin als Beispiel), sind technisch anspruchsvollere Möglichkeiten wie Exoskelette, Gehirn-Computer-Schnittstellen oder Genmanipulationen weniger präsent. Tatsächlich sind das aber alles Möglichkeiten, die beispielsweise DARPA in den letzten Jahren erforscht hat. Es sind auch die Möglichkeiten, mit denen sich militärethische Diskurse in Frankreich, England, Norwegen, und in anderen Ländern im Detail auseinandergesetzt haben, und zu denen bereits erste Positionspapiere vorliegen.

Es ist davon auszugehen, dass auch Länder wie Russland und China entsprechende Möglichkeiten der Leistungssteigerung und -erweiterung erforschen und testen. Die politischen, rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen sind dort aber andere als in Ländern wie den USA oder Frankreich. Deshalb hat die ganze Thematik auch eine geopolitische Dimension, die sich nicht nur auf mögliche zukünftige Konflikte auswirken wird, sondern ganz konkret auch die Begründung, Auslegung und Weiterentwicklung völkerrechtlicher Rahmenbedingungen mitbestimmt.

Sowohl in rechtlicher wie auch in ethischer Hinsicht muss es darum gehen, militärische Notwendigkeit und Verhältnismässigkeit einerseits und Menschlichkeit als Grundwert andererseits in Einklang zu bringen. Hier gibt es aber oft Spannungen, die sowohl für politische wie auch für militärische Entscheidungsträger schwierig aufzulösen sind. Das fängt schon damit an, dass das Kriegsvölkerrecht das Verhältnis zwischen Staaten im Konflikt reguliert und menschenrechtliche Bestimmungen immer auf Individuen abzielen (und zwar unabhängig davon, ob ein bewaffneter Konflikt vorliegt oder nicht). Die vorliegende Aufgabe von Hptm Asg Rohner wirft also auch die absolut wichtige Frage auf, ob und inwiefern Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf verschiedenen Ebenen das Wissen und Können besitzen, um mit solchen komplexen Problematiken gut umzugehen – im Hinblick auf die globalen Entwicklungen und die damit verbundenen ethisch-rechtlichen Spannungsfelder.

Unter den sechs (ein neuer Rekord!) eingesandten Lösungsvorschlägen gab es bessere und schlechtere, wobei sich die besseren Vorschläge in Ansatz und Inhalt erstaunlich nahe waren. Unter dem Strich ist aber der Vorschlag von Oblt Ralph Meier der beste. Dieser Lösungsvorschlag überzeugt durch die fundierte ethische Auseinandersetzung mit dem Thema, die klare Fokussierung auf die Verantwortung des Kommandanten für seine Soldaten und die nachvollziehbare, gut strukturierte Argumentation. Die Berücksichtigung potenzieller langfristiger Folgen ist ebenfalls ein Grund für diese Bewertung.

Stärken:

  • Gut ethische Analyse: Oblt Meier identifiziert und diskutiert klar ethische Kernfragen wie Autonomie, körperliche Integrität und die Gefahr der Instrumentalisierung von Soldaten.
  • Berücksichtigung langfristiger Folgen: Die Ungewissheit über Langzeitfolgen bei zwei der Optionen wird als zentrales Argument gegen deren Einsatz angeführt. Die positive Auswirkung der Angstunterdrückung auf die langfristige psychische Gesundheit wird ebenfalls erwähnt.
  • Ausgeprägte Führungsverantwortung: Der Autor betont seine Verantwortung für das Wohl der Soldaten und begründet seine Entscheidungen stark aus dieser Perspektive.
  • Strukturierte und nachvollziehbare Begründung: Die Optionsanalyse ist klar strukturiert, benennt Vor- und Nachteile jeder Option und führt zu einer gut begründeten Entscheidung.
  • Bezug zu übergeordneten Prinzipien: Oblt Meier verweist auf die Wichtigkeit, die Menschenwürde auch in Kriegszeiten nicht zu opfern.

Kritikpunkte:

  • Die rechtlichen Aspekte werden nicht explizit im Detail behandelt, obwohl die ethischen Überlegungen die rechtlichen oft implizieren (und umgekehrt).

Wir danken allen Teilnehmern für Ihre Einsendungen und gratulieren Oblt Ralph Meier zum Gewinn des Buches «Communicating for a Change».

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #11 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #11

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #11

Szenario

Die Schweiz ist im Krieg. Der gross angelegte Einsatz von Drohnen zur Aufklärung und als Kampfmittel ist in jüngeren Konflikten Realität und auch in der Schweizer Armee angekommen. Erste Drohnenschwärme zur Abwehr gegnerischer Drohnenschwärme wurden erfolgreich getestet und eingeführt. Die Armee hat aber weiterhin den Man-in-the-Loop als Grundsatz für den Einsatz autonomer Systeme festgelegt und durchgesetzt.

Nach anhaltenden Cyberangriffen hat der Gegner mit Marschflugkörpern die Höhenradarstationen angegriffen und grösstenteils zerstört. Die Armee hat im Zürcher Oberland Verteidigungsstellungen bezogen und weitreichende akustische und optische Sensoren aufgestellt. Die frontnahen Bodentruppen haben erste Luftangriffe und Drohnenangriffe überstanden. Immer wieder gibt es Überflüge von Aufklärungsdrohnen, die weitreichendes Artilleriefeuer und den Einsatz gegnerischer Kampfdrohnen auf Truppenstandorte und Sensoren ermöglichen. Im Laufe der Kampfhandlungen wurden eigene Drohnen zur Abwehr von Aufklärungs- und Kampfdrohnen eingesetzt, zum Teil erfolgreich. Diese Massnahmen haben jedoch dazu geführt, dass eine grosse gegnerische Kampfdrohne über bewohntem Gebiet abgestürzt ist, was mehrere tote Zivilisten zur Folge hatte.

Die Situation ist nun folgende: Im Kommandoposten des Frontverbands geht der Alarm ein, dass ein Schwarm mittlerer Drohnen im Anflug ist. Der Flugweg ist stark zufällig, was auf eine autonome, auf KI gestützte Steuerung ohne vorgegebenen Kurs hindeutet. Der Soldat, der für den Einsatz der eigenen Drohnenschwärme mit autonomer Suchfunktion durch künstliche Intelligenz zuständig ist, meldet die Einsatzbereitschaft der Drohnen. Er weiss jedoch aus der Ausbildung, dass die Zielgenauigkeit der eigenen Drohnen manchmal stark abweicht. Zeitgleich meldet die drohnengestützte Aufklärung, dass sich gegnerische Bodentruppen auf einen Angriff vorbereiten.

Die Flugbewegungen des gegnerischen Drohnenschwarms sind so unvorhersehbar, dass die Sensoren nur ungenaue Flugvektoren und mögliche Ziele liefern. Der Einsatz der eigenen Flugabwehr ist gegen diese Drohnen problematisch, da sie zu tief und unberechenbar fliegen. Eine virtuelle rote Linie markiert den letzten Moment, ab dem Kollateralschäden und zivile Opfer in der eigenen Bevölkerung nicht mehr ausgeschlossen werden können – und diese rote Linie nähert sich rasch. Der Einsatz des eigenen Drohnenschwarms könnte Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung in grenznahen Gebieten verursachen.

Der Kommandant, der den Einsatz des eigenen Drohnenschwarms verantwortet, steht unter massivem Handlungsdruck. Es wäre der erste Einsatz eines autonomen Drohnenschwarms in diesem Konflikt durch die Schweizer Armee. Zudem muss der Kommandant sicherstellen, dass er mit seinen Truppen einen möglichen Bodenangriff abwehren kann.

Fragestellung

  • Wie würden Sie als Kommandant handeln?
  • Wer trägt für den Einsatz von Drohnenschwärmen die Verantwortung?
  • Wie soll mit dem Thema Künstliche Intelligenz umgegangen werden, vor dem Hintergrund, dass andere den Man-out-of-the-Loop genommen haben und auf volle Autonomie von Kampfsystemen setzen?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #10

Zum Decision Game vom November haben uns vier Einsendungen erreicht. Die eingereichten Lösungen zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit der taktischen, ethischen und auch technischen Fragestellung und verdeutlichen die vielschichtige Komplexität der hier vorliegenden Problematik.

Der Kommandant steht vor einer komplexen, vielschichtigen Entscheidung. Wie in den Einsendungen treffend erkannt wurde, umfasst die Situation drei Bedrohungen, die auf den ersten Blick unabhängig voneinander erscheinen: Zum einen der Schwarm mittelgrosser, KI-gesteuerter Drohnen mit unbekanntem Ziel, zum anderen der Angriff durch Bodentruppen. Hinzu kommt die dritte Gefahr, die in den potenziellen Kollateralschäden für die Zivilbevölkerung liegt.

Der Lösungsvorschlag von Hptm Raphael Iselin sticht dabei durch seine Tiefe und Weitsicht hervor. Er geht über die blosse Entscheidungsfindung hinaus und analysiert die Situation detailliert unter Berücksichtigung von technischen, taktischen und ethischen Gesichtspunkten. Besonders überzeugend ist seine klare Strukturierung verschiedener Szenarien und die sorgfältige Abwägung der Auswirkungen. Seine Überlegungen berücksichtigen nicht nur unmittelbare militärische Notwendigkeiten, sondern auch die längerfristigen Konsequenzen, die durch den Einsatz von Technologie entstehen können.

Hervorzuheben ist auch, wie Iselin die Flexibilität seiner Perspektive betont. Anstatt auf eine starre Entscheidung festgelegt zu sein, bietet er einen Ansatz, der sich an die technischen Möglichkeiten der Drohnen und die taktische Lage anpassen lässt. Die Kombination aus Zurückhaltung im Drohneneinsatz bis zum «last responsible moment» und der Option, Drohnen gezielt zur Verteidigung oder Bodenunterstützung einzusetzen, zeigt ein gutes Mass an Anpassungsfähigkeit. Seine differenzierte Betrachtung der Bedrohungen und seine Fähigkeit, potenzielle Folgen sowohl für Zivilisten als auch für die militärische Effizienz zu antizipieren, machen seinen Vorschlag nicht nur ethisch gerechtfertigt, sondern auch taktisch klug.

Schliesslich überzeugt Iselin durch seine Argumente zur Verantwortung und den ethischen Implikationen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz. Seine klare Position, dass Verantwortung entlang einer transparenten Befehlskette verteilt sein muss, zeigt ein Bewusstsein für die Bedeutung rechtlicher und moralischer Standards. Insgesamt bietet Iselin nicht nur eine Lösung, sondern ein vollständig durchdachtes Konzept, das den Herausforderungen moderner Kriegsführung mit Intelligenz und Integrität begegnet. Durch dieses Zusammenspiel aus Detailliertheit, innovativer Herangehensweise und moralischer Klarheit zeichnen wir ihn erneut mit einem Exemplar von Patrick Lencionis «The Five Dysfunctions of a Team» aus. Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern für ihre aktive Beteiligung und die angeregten Einsendungen.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #9 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #9

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss findet sich eine Würdigung der eingegangenen Handlungsempfehlung durch Dr. phil. Florian Demont, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich mit einem Schwerpunkt in Militärethik.

Decision Game aus Leader’s Digest #9

Szenario

Glauben und Wissen

Der Oberleutnant Güldenstern sass kurz vor Mittag geduckt auf dem staubigen Boden des Hinterhofs, eingeschlossen von der Fassade eines stillgelegten Cafés und der schlichten Mauer einer Bäckerei. Seit drei Monaten, seit die Kampfhandlungen das Dorf erreicht haben, lag das Viertel im Stillstand, gehüllt in die Schatten einer Vergangenheit, die der ausländische Besitzer des Cafés mit sich in seine Heimat genommen hatte. Der Oberleutnant, die Beine eng an sich gezogen, die Ellbogen schwer auf seinen Knien, verbarg sein Gesicht in den Händen. Sein Haar, obwohl noch halbwegs gekämmt, zeigte Spuren der Verwahrlosung – ein stilles Zeugnis der verlorenen Normalität.

In seiner Versunkenheit bemerkte er nicht, wie sich die junge Frau, eine Angestellte der Bäckerei, leise in den Hof schlich, eine Zigarette zwischen den Lippen. Das plötzliche Knacken eines Zippo-Feuerzeugs durchschnitt die Stille. Überrascht hob er den Kopf, sein Blick fiel auf die Frau, die mit einer unbeschwerten Geste ihm eine Zigarette anbot. «Willst du mit mir eins rauchen?», fragte sie, ihre Stimme ein sanfter Kontrast zu dem Gewicht seiner Gedanken. Müde, erschöpft winkte er ab, doch ihre nächste Frage, ob es ihn störe, wenn sie sich zu ihm setze, bejahte er mit einem müden Nicken.

Während sie sich neben ihn niederliess, entbrannte ein Gespräch über die Kriegslage, ihre Worte flossen mit einer Mischung aus Hoffnung und Resignation. «Nach fünf Tagen ohne Kämpfe, Bomben und Minenfeuer – vielleicht ist das Schlimmste vorbei. Ich glaube, dass das Schlimmste vorbei ist” sinnierte sie, während sie tief an ihrer Zigarette zog. «Ich überlege, ins Landesinnere zu fliehen, wie so viele andere. Doch mein Chef will die Bäckerei weiter betreiben. Ihr habt die letzten Angriffe abgewehrt, das gibt mir Hoffnung.»

Der Oberleutnant, seine Augen weit geöffnet in der Dunkelheit des Hofs, schüttelte langsam den Kopf. «Ich weiss es nicht», gestand er, seine Stimme rauh vor Sorge. «Ich befürchte, dass der nächste Schlag bevorsteht. Unsere Kampfkraft ist auf dreissig Prozent gesunken. Wir haben zu viele verloren… zu viele gefallen… und die Munition ist fast aufgebraucht.»

Die junge Frau zog nachdenklich an ihrer Zigarette, strich sich das Haar aus dem Gesicht und liess dann beiläufig fallen, dass Frau Leuzinger, die Kindergärtnerin, gestern nach fünf Tagen an ihren Verletzungen erlegen ist. «Sie wollte Material aus dem Kindergarten holen, als der Angriff kam. Eine Mörsergranate…» Ihre Stimme brach. «Es ist schlimm, was wir erleben.»

«Frau Leuzinger?», wiederholte der Oberleutnant leise. Als sie nickte, liess er den Kopf sinken. «Ja, es ist schlimm. Manchmal frage ich mich, ob das alles noch einen Sinn hat.»

Sie sah ihn direkt an, ihre Augen fest entschlossen. «Ihr habt bis jetzt tapfer gekämpft. Wir müssen an uns glauben.»

Er starrte ins Leere. «Je grösser der Glaube, desto geringer das Wissen», murmelte er schliesslich. «Und ich weiss wirklich nicht, ob wir den Feind noch aufhalten können.»

In diesem Hinterhof, umgeben von den Geistern eines ruhenden Cafés und der Düsternis des Krieges, schwelte nicht nur die Glut ihrer Zigaretten, sondern auch die letzte Glut der Hoffnung – düster und ungewiss.

Mensch sein

Oberleutnant Güldenstern sass in seinem düsteren Zimmer im Gasthof zum Weissen Kreuz, umgeben von verstreuten Papieren und dem zerbrochenen iPad, das ihm als letztes Bindeglied zur Aussenwelt diente. Das Display, durchzogen von Rissen, spiegelte die zersplitterte Realität seines Kommandos wider. Die Nachrichten, die er mühselig entzifferte, waren vom Chef Operationen des Bataillons, Major Kramer, der keine Milde in seiner Stimme kannte, als er Güldenstern in einem kürzlichen scharfen Telefonat zurechtwies.

«Güldenstern, hinterfrag jetzt nicht deinen Auftrag. Du hast einen Befehl und der Befehl ist, deine Kompanie sperrt die Achse. Und das bis zum letzten Mann. Verdammt nochmal! Keinen Schritt zurück!», hatte Kramer forsch befohlen, als wäre die Entschlossenheit seiner Worte allein genug, um die Wirklichkeit zu biegen. «Sei etwas kreativ, verdammt nochmal!» Dieser Befehl hallte nun in Güldensterns Gedanken wider, während er aus dem Fenster auf die verlassenen Strassen blickte.

Draussen ging das Leben weiter, auch wenn es für manche ein Leben auf der Flucht war. Ein Vater packte seinen Skoda mit Koffern, während ein kleines Mädchen einen grossen Teddybär herbeitrug, ein stummer Zeuge der Zerrissenheit, die diesen Ort beherrschte. Die Mutter, das Gesicht vom Weinen gezeichnet, trug ein weiteres Kind. Güldenstern beobachtete sie, wie sie schliesslich davonzogen, Richtung einer vermeintlich sichereren Umgebung im Landesinnern.

Zurück in der Einsamkeit seines Zimmers begann Güldenstern, den Sinn seiner Mission zu hinterfragen. Die Forderungen von Major Kramer, die Achse um jeden Preis zu halten, klangen in seinen Ohren nach, während er die letzte Korrespondenz nochmals durchging. Die Aussichten waren düster; der Feind schien sich zu verstärken, und die eigenen Ressourcen schwanden zusehends. «Alles andere ist mir scheissegal», hatte Kramer gesagt. Aber für Güldenstern war es das nicht. Die Opfer, die Kämpfe, die kleinen und grossen Tragödien – sie waren nicht egal.

In einem Moment der Stille, unterbrochen nur durch das Knistern des alten Holzbodens unter seinen Füssen, spürte Güldenstern die Last der Verantwortung. Er wusste, dass jeder Befehl, den er gab, das Potenzial hatte, Leben zu kosten oder zu retten. Die Zweifel, die langsam in ihm aufkeimten, waren subtil, doch in der Stille seines Zimmers wurden sie lauter. Wie lange noch konnte er einen sinnvollen Kampf führen, wenn die Bedingungen so hoffnungslos waren? Wann war der Punkt erreicht, an dem die Verteidigung nicht mehr nur eine militärische Aufgabe, sondern eine Frage der Menschlichkeit wurde?

Er griff nach dem Telefon, entschlossen, noch einmal mit Kramer zu sprechen, obwohl er wusste, dass es wenig ändern würde. Doch in diesem Moment zögerte er. Sein Blick fiel erneut auf das Fenster, durch das er die Familie hatte fortziehen sehen. Die Entscheidung, zu kämpfen oder nicht, war mehr als eine taktische Überlegung; es war eine ethische Frage, die tief in das Herz dessen schnitt, was es bedeutete, Befehle zu befolgen und zugleich Mensch zu sein.

Mit einem tiefen Atemzug legte Güldenstern den Hörer wieder auf. Die Nacht zog auf, und mit ihr kam die Ungewissheit. Aber in dieser Ungewissheit lag auch eine Art Klarheit. Vielleicht, dachte er, lag die wahre Herausforderung nicht darin, die Achse zu halten, sondern zu entscheiden, wann der Preis für die Verteidigung zu hoch wurde.

Wahrheit

Genau um 06.00 Uhr, wie jeden Morgen, sofern nicht die Umstände des Krieges es verhinderten, nahm Oberleutnant Güldenstern eine kalte Dusche. Vor dieser morgendlichen Erfrischung absolvierte er jedoch einen 45-minütigen Lauf und einige körperliche Übungen im Morgengrauen. Diese täglichen Rituale waren für ihn nicht nur eine Frage der Körperhygiene, sondern bildeten ein festes Bollwerk gegen das umgebende Chaos. Sie verliehen ihm das Gefühl einer gewissen Normalität, einer Ordnung, die er dringend benötigte, um die Zerrissenheit der Welt ausserhalb seines Kommandopostens zu bewältigen. Mit dieser Routine gab er sich die Kraft, dem Unvorhersehbaren des Tages entgegenzutreten.

Nach dem Laufen und den Übungen, noch unter der kalten Dusche stehend, überdachte Güldenstern, was er beim Kompanierapport, der in knapp zwei Stunde anstand, verkünden sollte. Er hoffte inständig auf gute Nachrichten von Major Kramer, darauf, dass endlich die versprochene Verstärkung unterwegs sei. Doch als er, nach dem Duschen, in sein Zimmer zurückkehrte, um dort sein spartanisches Frühstück zu sich zu nehmen – drei leicht gekochte Eier und eine Tasse Filterkaffee –, fand er auf seinem iPad nichts Ermutigendes. Keine neuen Nachrichten vom Bataillon, nur die düstere Bestätigung der Aufklärer und Nachrichtendienste, dass ein gegnerischer Angriff innerhalb der nächsten 36 Stunden erwartet wurde. Die Befehle waren unverändert, der Druck ungemindert.

Widerstrebend öffnete er einige Online-Zeitungen, ein Ritual, das er sich fast abgewöhnt hatte. Die Schlagzeilen sprachen von der Flucht der Zivilbevölkerung ins Landesinnere, von bevorstehenden Angriffen und mutmasslichen Kriegsverbrechen des Feindes. Politiker warfen Durchhalteparolen in den Raum, und es gab die üblichen heroischen Geschichten von tapfer kämpfenden Schweizer Soldaten – Erzählungen, die Güldenstern mittlerweile mehr zynisch als inspirierend empfand.

Er schloss das iPad mit einer fast resignierenden Geste. Die Nachrichten änderten nichts an der Realität seiner Kompanie, nichts an dem unmittelbaren Druck, den seine Männer spürten, und nichts an der schwindenden Hoffnung, die er täglich in ihren Augen sah. Güldenstern war klar geworden, dass seine Welt, der kleine Ausschnitt an Realität, für den er verantwortlich war, der einzige Bereich war, den er beeinflussen konnte. Alles andere war nur Rauschen, das ihn von seiner eigentlichen Aufgabe ablenkte.

Mit festem Schritt und einer schweren Last auf seinen Schultern machte er sich auf den Weg zum Rapport. Dort würde er seinen Männern gegenübertreten, die auf Führung und Hoffnung warteten, auch wenn beides immer schwerer zu vermitteln war. Güldenstern wusste, dass er ihnen die Wahrheit schuldete, so düster sie auch sein mochte.

Pflicht gegenüber wem?

Pünktlich um 8 Uhr begann der Rapport der Infanteriekompanie in dem behelfsmässig eingerichteten Kommandoposten, tief im Keller einer alten Giesserei. Der Besitzer, selbst ehemaliger Feldwebel, hatte diesen Ort zur Verfügung gestellt und unterstützte, wo er nur konnte. In den kalten, mit Echos gefüllten Hallen richtete Oberleutnant Güldenstern das Wort an seine Offiziere. «Nehmen Sie Platz, meine Herren», sagte er mit einer Stimme, die Stärke projizieren sollte, jedoch von der Last der Verantwortung gezeichnet war.

Er berichtete über die Lage, während die tristen Blicke seiner Zugführer ihm gegenübersassen. «Der Auftrag bleibt derselbe. Wir müssen die Achse sperren und einen gegnerischen Durchbruch hier verhindern», erklärte Güldenstern, doch die Skepsis in den Augen seiner Männer war unübersehbar.

Leutnant Rohner, sichtlich angespannt, brach das Schweigen. «Güldenstern, bekommen wir Munition? Bekommen wir Verstärkung? Wie sollen wir hier verteidigen, wie sollen wir hier sperren? Ich habe keine Männer mehr. Mein Zug besteht noch aus neun Soldaten.»

Güldenstern überlegte kurz, ein schwerer Seufzer entwich ihm. «Ja, wir werden die Soldaten etwas aufteilen. Wir müssen die Züge ausgleichen.» Doch als er begann, seine Pläne darzulegen, wie die verbliebenen Soldaten umverteilt werden sollten, erkannten alle die Absurdität der Situation. Steffen, einer der erfahreneren Offiziere, schüttelte resigniert den Kopf. «Das ist absurd, Güldenstern. Wir können noch so viel hin und her schieben. Wir könnten sogar die Küchenmannschaft bewaffnen, aber was bringt das?»

Leutnant Zysset fügte hinzu, halb im Scherz, halb in Verzweiflung: «Vielleicht finden wir ja noch ein paar Leute im Dorf, die uns helfen, sich zu verteidigen. Vielleicht hat noch jemand ein Sturmgewehr zu Hause.»

Güldenstern strich sich mit Daumen und Zeigfinger über die geschlossenen Augen und schwieg einen Moment. «Wir haben einen Befehl, einen Auftrag», sagte er schliesslich, die Worte schmeckten bitter in seinem Mund.

Steffen antwortete darauf, die Stimme voller Sorge: «Aber was bringt es, wenn wir den Auftrag nicht erfüllen können? Wenn wir wissen, dass wir den Auftrag nicht erfüllen können? Alles was wir tun, ist Leben zu vergeuden. Für was?”

In diesem Moment ergriff der jüngste der Offiziere, Leutnant Bregi, das Wort. Seine Stimme war fest, durchdrungen von einer fast naiven Entschlossenheit. «Meine Herren, wir haben eine Pflicht. Es ist unsere Pflicht, zu kämpfen. Was immer es heissen will. Bis zu jedem letzten Blutstropfen. Das sind wir unserem Vaterland schuldig.»

Die Stille, die darauffolgte, war erdrückend. Alle Augen richteten sich auf Güldenstern, der nach den richtigen Worten rang. Schliesslich stellte er eine Frage in den Raum, eine Frage, die mehr an sich selbst oder an eine höhere Macht gerichtet schien als an seine Männer. «Bis wann ist Verteidigung ethisch noch vertretbar? Bis wann ist der Kampf ethisch noch vertretbar? Bis wann ist es ethisch vertretbar Opfer zu erbringen? Wem sind wir verpflichtet? Unseren Vorgesetzten? Unseren Mitmenschen? Unserem Gewissen?»

Dann stand er auf, seine Gestalt etwas gebeugt unter der Last der unsichtbaren Bürde. «Meine Herren, ich muss mich zurückziehen. Lassen Sie uns in einer Stunde noch einmal zusammenkommen. Ich brauche Zeit für mich.» Mit diesen Worten verliess er den Raum, hinterliess seine Offiziere in einer Atmosphäre der Unsicherheit und des Zweifels.

Fragestellung

  • Bis wann ist Verteidigung ethisch noch vertretbar?
  • Bis wann ist der Kampf ethisch noch vertretbar?
  • Bis wann ist es ethisch vertretbar Opfer zu erbringen?
  • Wem sind wir verpflichtet? Unseren Vorgesetzten? Unseren Mitmenschen? Unserem Gewissen?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #9

Zum Decision Game vom September haben uns vier Einsendungen erreicht. Die eingereichten Lösungen zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit der moralischen und politischen Fragestellung und verdeutlichen die vielschichtige Komplexität der hier vorliegenden Problematik.

Oberleutnant Güldenstern steht vor einem klassischen moralischen Dilemma, bei dem er entscheiden muss, ob er einen militärischen Befehl ausführt, der das Leben seiner Soldaten aufs Spiel setzt, oder ob er den Befehl verweigert, was ihn persönlich (Kriegsgericht, Schande) sowie kollektiv (militärischer Misserfolg) in erhebliche Schwierigkeiten bringt. Es geht um die Abwägung von Gehorsam und moralischer Verantwortung, besonders im Hinblick auf die ethischen Prinzipien, die den Schutz des Lebens und die Pflicht zur Durchführung eines militärischen Auftrags betreffen.

Ethische Prinzipien und Theorien

Die ethische Analyse kann auf verschiedene theoretische Grundlagen zurückgreifen, wobei zwei Hauptansätze von Bedeutung sind:

  • Die traditionelle Theorie des gerechten Krieges und das darauf basierende Völkerrecht bieten klare normative Rahmenbedingungen für den Krieg, wobei Prinzipien wie Verhältnismässigkeit, letzte Möglichkeit und legitime Autorität eine zentrale Rolle spielen. Nach diesem Ansatz hat Güldenstern die Pflicht, den Befehl seiner Vorgesetzten zu befolgen, solange diese Prinzipien nicht offensichtlich verletzt werden.
  • Revisionistische Ansätze wie die von Jeff McMahan stellen diese herkömmlichen Annahmen in Frage und betonen, dass individuelle Soldaten die moralische Pflicht haben, Aufträge und Befehle zu hinterfragen und zu beurteilen, ob sie gerechtfertigt sind. Hier wird die individuelle moralische Verantwortung betont, selbst in hierarchischen Strukturen, was bedeutet, dass Güldenstern trotz seines Ranges und seiner Pflichten möglicherweise zu der Schlussfolgerung gelangen könnte, dass die Verweigerung ethisch geboten ist.

Moralische und politische Legitimität

Ein zentrales ethisches Spannungsfeld besteht zwischen moralischer und politischer Legitimität. Politische Legitimität verweist auf die Anerkennung von Befehlen und Strukturen, die von einem politischen Mandat abgeleitet werden, das nach legitimen demokratischen Prozessen ins Leben gerufen wurde. Moralische Legitimität stellt den Schutz grundlegender ethischer Werte wie Menschenwürde ins Zentrum. Für Güldenstern stellt sich die Frage, ob sein Befehl, die Achse um jeden Preis zu verteidigen, moralisch legitim ist, selbst wenn er politisch und institutionell gedeckt ist. Hat Güldenstern das moralische Recht oder sogar die Pflicht, seine eigene Autonomie über die Aufträge und Befehle der Institution zu stellen, um das Leben seiner Soldaten zu schützen?

Militärische Hierarchie und Disziplin

Die militärische Hierarchie stellt eine strukturelle Einschränkung der individuellen Autonomie dar. Güldenstern ist in einem System, das Disziplin und Auftragstreue verlangt. Er muss möglicherweise unmoralische Handlungen ausführen, weil das System sie von ihm verlangt. Doch eine bewusste Entscheidung, einen Befehl zu missachten, setzt ihn erheblichen persönlichen Konsequenzen aus, wie dem Risiko eines Kriegsgerichts.

Hypothetisch betrachtet: Was passiert, wenn Güldenstern den Befehl verweigert?

  • Szenario 1: Die Kompanie zieht sich zurück, was viele (Soldaten-) Leben retten könnte, aber dies könnte zu einem militärischen Misserfolg führen und Güldenstern könnte wegen Befehlsverweigerung verurteilt werden.
  • Szenario 2: Güldenstern folgt dem Befehl, was zu schweren Verlusten unter den Soldaten führt. Zudem wird der militärische Auftrag wahrscheinlich nicht erfüllt. Die Frage bleibt, ob so ein Himmelfahrtskommando moralisch vertretbar wäre.

Moralischer Mut

Eine weitere Dimension ist der Mut. Güldenstern könnte die Entscheidung treffen, aus moralischem Mut den Befehl zu verweigern, obwohl er weiss, dass dies schwerwiegende Konsequenzen für ihn haben könnte. Die Frage ist, ob es vertretbar ist, persönliches Risiko einzugehen, um das Richtige zu tun, wenn dies das Leben anderer schützen kann. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass das kein ethisches Dilemma ist, sondern schlicht eine Frage der Persönlichkeit und des Vorbilds.

Perspektive der Soldaten

Die Soldaten von Güldenstern, wie Leutnant Bregi, stehen vor ähnlichen ethischen Fragen. Sollen sie ihm folgen, auch wenn sie die Sinnhaftigkeit des Befehls von Güldenstern in Frage stellen? Die revisionistische Theorie des gerechten Krieges betont, dass auch niedrigere Ränge eine moralische Verantwortung haben, Befehle zu prüfen. Dies wirft die Frage auf, wie realistisch es ist, dass Soldaten in stressbeladenen Situationen diese ethischen Überlegungen tatsächlich umsetzen können. Ausserdem ist es fraglich, ob sich Soldaten an Befehle von Vorgesetzten halten werden, die sich selber nicht an Aufträge und Befehle halten.

Stress, Emotionen und Unsicherheit

Die praktischen Herausforderungen bei der Anwendung ethischer Prinzipien in extrem stressigen militärischen Situationen sind nicht zu unterschätzen. Emotionen, Stress und die Unsicherheit der Lage können die Fähigkeit zur rationalen ethischen Reflexion erheblich beeinträchtigen. In einem militärischen Kontext, in dem Entscheidungen in Extremsituationen getroffen werden müssen, kann die Umsetzung abstrakter ethischer Theorien wie der des gerechten Krieges schwierig bis unmöglich sein – und zwar selbst dann, wenn das bis zu einem gewissen Grad trainiert wurde.

Einfluss der öffentlichen Meinung

Güldenstern und seine Soldaten könnten durch zivile Medien und die öffentliche Meinung beeinflusst werden. Der Druck, als «Helden» wahrgenommen zu werden, oder die Erwartung, das Vaterland zu verteidigen, könnte die Entscheidungsfindung erheblich beeinflussen. Diese externen Einflüsse erschweren die Abgrenzung zwischen ethisch richtigen Entscheidungen und solchen, die durch soziale Erwartungen verzerrt werden. Ausserdem hat die öffentliche Meinung in einer Demokratie auch in Kriegszeiten Einfluss darauf, was als politisch legitim gelten darf und was nicht. Es muss bedacht werden, dass Güldenstern und seine Soldaten Bürger in Uniform sind.

Langfristige Konsequenzen: Moralische Verletzungen und Traumata

Unabhängig davon, wie Güldenstern entscheidet, könnte seine Wahl langfristige moralische Verletzungen (moral injuries) und Traumata sowohl für ihn selbst als auch für seine Soldaten mit sich bringen. Wenn er den Befehl befolgt und viele seiner Männer sterben, könnte dies zu tiefgreifenden Verletzungen führen. Aber auch die Entscheidung, den Befehl zu verweigern, könnte schwerwiegende Konsequenzen für die Möglichkeit einer psychologischen und sozialen Wiedereingliederung nach dem Krieg haben, da Soldaten oft mit Schuldgefühlen und inneren Konflikten zu kämpfen haben, wenn sie den Erwartungen nicht gerecht werden oder den Eindruck haben, von vorgesetzter Stufe verlassen worden zu sein.

Offene Schlussbetrachtung

Die ethische Analyse dieses Dilemmas führt zu keiner einfachen oder klaren Handlungsempfehlung. Güldensterns Entscheidung wird letztlich zwischen der Einhaltung militärischer Disziplin, der Wahrung seiner moralischen Integrität und dem Schutz des Lebens seiner Soldaten abgewogen. Die moralischen Theorien bieten Orientierung, doch ihre Anwendung in realen, stressbeladenen militärischen Kontexten wie diesem bleibt eine Herausforderung. Konkret müssen sich militärische Entscheidungsträger der Tatsache stellen, dass es Situationen gibt, in denen sie nur schlechte Optionen haben. Und in Extremsituationen zwischen schlechten Optionen entscheiden zu müssen, führt an die Grenzen des Menschseins.

Oblt Wehrles Handlungsempfehlung hebt sich dabei von den anderen Analysen ab, da er nicht nur die ethischen Dilemmata differenziert beleuchtet, sondern auch konkrete Handlungsanweisungen gibt, die sowohl ethisch als auch praktisch durchdacht sind. Während andere Analysen zwar fundierte ethische Überlegungen anstellen, bleibt Wehrle der Einzige, der eine klare Lösung präsentiert. Er schlägt vor, dass Güldenstern die Situation erneut analysiert, mit dem Bataillonskommandanten Kontakt aufnimmt und, wenn nötig, den Rückzug vorbereitet. Diese Handlungsanweisung berücksichtigt die übergeordneten ethischen Verpflichtungen gegenüber Vorgesetzten, Untergebenen und Zivilisten gleichermassen, was seine Lösung besonders überzeugend macht. Im Vergleich dazu bleiben die anderen Empfehlungen zu sehr auf die Analyse der Problematik beschränkt, ohne einen konkreten Ausweg zu bieten.

Wehrles Ansatz glänzt inhaltlich durch seine realistische Einschätzung der Lage und die klare Verknüpfung ethischer Prinzipien mit praktischer Machbarkeit. Besonders hervorzuheben ist, dass er die verschiedenen Verantwortlichkeiten Güldensterns – gegenüber den Vorgesetzten, der Kompanie und der Zivilbevölkerung – gleichwertig und verantwortungsbewusst in den Entscheidungsprozess einbindet. Seine Vorschläge zur Kommunikation mit den Vorgesetzten und zur Vorbereitung eines geordneten Rückzugs zeigen eine hohe Sensibilität gegenüber den möglichen Konsequenzen der Entscheidung. Dadurch ist Wehrles Lösung nicht nur ethisch fundiert, sondern auch realistisch und praktisch umsetzbar, was sie von den anderen Analysen unterscheidet. Gerne zeichnen wir ihn mit einem Exemplar «Xenophon’s Cyrus the Great – The Arts of Leadership and War» von Xenophon, mit Editor Larry Hedrick aus und möchten uns bei allen Teilnehmenden für ihre angeregten Einsendungen bedanken.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #5 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #5

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss findet sich eine Würdigung der diskussionswürdigsten Handlungsempfehlung durch Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, Dozent Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich.

Decision Game aus Leader’s Digest #5

Szenario

Während einer aussenpolitisch angespannten Lage zwischen zwei Staaten lancieren unabhängige Terroristen eine umfangreiche False-Flag-Cyber-Operation: Politisch motiviert manipulieren sie Wahldaten, fluten soziale Medien mit Bots und führen GPS-Spoofing-Attacken durch.

Die Terroristen handeln so, um die Sensoren und Frühwarnsysteme beider Staaten zu stören. In beiden Staaten werden auf diese Weise Warnmeldungen ausgelöst, die nicht richtig zugeordnet und fälschlicherweise dem jeweils anderen Staat zugeschrieben werden. Es gibt keine zuverlässigen Belege, welche die zwischenstaatlichen Anschuldigungen widerlegen und eine Deeskalation bewirken könnten. Beide Staaten weisen jegliche Verantwortung von sich und sehen die jeweils andere Seite in der Verantwortung.

Die Vorgänge werden beiderseits als Auftakt präemptiver militärischer Massnahmen bewertet, weshalb beide Seiten Cyberattacken auf konventionelle C3-Netzwerke (Command, Control & Communications) durchführen. Die militärstrategischen Planungsvorgänge nutzen KI-basierte Expertensysteme zur Unterstützung. Diese Expertensystem schlagen dann aufgrund der Datenlage und mittels Vergleiche mit früheren bewaffneten Konflikten in anderen Ländern eine Reihe konventioneller militärischer Vorgehensweisen vor, um als konventionelle Erstschläge Abwehreinrichtungen, Kommunikations- und Rechenzentren im jeweils anderen Land anzugreifen. Um die eigene Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen, werden eine Reihe von Abwehrmassnahmen und konventionellen Vergeltungsschlägen gegen kritische Infrastrukturen der Gegner einem KI-Algorithmus übertragen, der diese Massnahmen bei gegnerischem Angriff koordiniert und autonom umsetzt.

Sie sind Kompaniekommandant. Gemeinsam mit Ihren Truppen sind Sie an der Grenze stationiert und haben den Auftrag, eine kritische Infrastruktur im grenznahen Ausland zu beobachten, und Belege für verdächtige Vorgänge zu sammeln. Aufgrund Ihrer etwas erhöhten Position haben Sie und Ihre Truppen Einsicht auf die Kritische Infrastruktur ohne die Grenze überschreiten zu müssen.

Es häufen sich die Hinweise auf eine bevorstehende Sabotageaktion von unbekannten Akteuren. Zudem häufen sich die Gerüchte in den sozialen Kanälen, welche in der Truppe weit verbreitet sind, dass der Konflikt ursprünglich von unabhängigen Terroristen angezettelt wurde und diese die Eskalation nun weiter vorantreiben wollen. Unter den Offizieren im ganzen Bataillon macht sich die Vermutung breit, dass solche unabhängigen Terroristen die Kritische Infrastruktur sabotieren wollen, um die Eskalation hin zum Krieg zu bewirken.

Mitten in der Nacht werden Sie als Kompaniekommandant von dem nun sichtlich aufgeregten Leutnant Hauser, Zugführer BIVIO, informiert, dass eine Sabotageaktion auf die beobachtete Kritische Infrastruktur im Nachbarstaat vorbereitet wird. Leutnant Hauser informiert, dass er mit seinem Zug bereit ist und schlägt vor, mit seinem Zug jetzt einzugreifen und somit den Sabotageversuch zu verhindern zu versuchen.

Seit einigen Stunden ist der Kontakt zur vorgesetzten Stufe abgebrochen. Dies ist in den vergangenen Monaten regelmässig passiert und sehr wahrscheinlich auf gegnerische Operationen zurückzuführen, die bis anhin allerdings ebenso wenig nachgewiesen werden konnten. Jedenfalls scheinen Sie keine Möglichkeit zu haben, die Ansicht Ihres vorgesetzten Kommandanten oder gar eine rechtliche Einschätzung des Grossen Verbandes zu erhalten

Fragestellung

  • Welche Gründe sprechen für und welche gegen ein Eingreifen von Ihnen als Kompaniekommandant?
  • Schätzen Sie, dass Ihr Eingreifen als regulärer Kriegseintritt gewertet werden könnte?
  • Wann wurde bzw. wird Ihrer Einschätzung nach die Schwelle hin zum regulären Krieg überschritten?
  • Wie handeln Sie im Anbetracht dieser Überlegungen?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #5

Zum Ethical Decision Game vom Mai haben uns wiederum erfreuliche sechs Einsendungen erreicht, welche auf das Dilemma mit verschiedenen Herangehensweisen reagieren.

Kern des ethischen Dilemmas ist die Frage, ob von einem Auftrag und erhaltenen Auflagen abgewichen darf, um mutmasslich Schlimmeres zu verhindern. Verschärft wird die Situation einerseits durch die beschriebenen Automatismen aufgrund der Verwendung von Künstlicher Intelligenz und andererseits durch eine regelrechte Verschachtelung von Ungewissheiten: greifen die Terroristen die Kritische Infrastruktur im Nachbarland an, um zum Krieg zu eskalieren? Ist es das Nachbarland selbst, das mit einer False Flag Operation einen Vorwand zur Eskalation schaffen will? Handelt es sich um eine Falle, um uns zur Intervention zu verleiten, die wiederum als Vorwand zur Eskalation genutzt werden kann – oder verhindern wir durch unser Eingreifen gerade die Eskalation?

Der betroffene Kompaniekommandant muss aufgrund der unterbrochenen Verbindung zur vorgesetzten Stufe (ist das ein Hinweis für oder gegen eine False Flag-Operation?) auf Basis unvollständiger Informationen entscheiden. Die Ethik lehrt, dass er nicht nur für seine Handlungen, sondern auch für seine Unterlassungen verantwortlich ist. Aus dieser Perspektive ist das Argument «ich habe keinen Auftrag zur Intervention erhalten» nicht hinreichend. Dass solche Situationen keineswegs nur fiktiv sind, zeigt die Geschichte des sowjetischen Oberstleutnants Stanislaw Petrow, der 1983 möglicherweise einen Nuklearkrieg verhinderte.

Die Einsendungen listen gewissenhaft die Gründe für und gegen die Intervention auf: Eine solche könnte zum Spannungsabbau beitragen, als guter Wille gedeutet werden, vertrauensbildend wirken und gar – je nach Art der Infrastruktur – Schaden von der Zivilbevölkerung abwehren und schliesslich einen Krieg verhindern. Andererseits ist die kinetische Grenzüberschreitung als Verstoss gegen die territoriale Integrität des Nachbarstaates eine Provokation an sich, die eigene Truppe wird gefährdet, die eigenen Mittel sind womöglich nicht ausreichend, es besteht eine Irrtumswahrscheinlichkeit und, wie bereits erwähnt, ist die Intervention nicht Teil des Auftrags.

Entsprechend divers sind die Vorschläge: Ein Leser will sich nicht festlegen, einer greift ein, zwei greifen nicht ein, ein weiterer greift nicht ein, will aber einen Grenzposten im Nachbarland informieren. Was wollen wir daraus als Führungskräfte lernen – abwarten und auf die richtige Intuition hoffen?

Mehrere haben den Hinweis integriert, dass mittels Wargaming und Eventualplanungen vergleichbare Situationen durchaus antizipiert werden könnten und man solche Entwicklungen mit der vorgesetzten Stufe hätte besprechen müssen. Das ist sicher eine wichtige Lektion zum Mitnehmen, doch ein Konjunktiv reicht noch nicht für den ersten Platz.

Deshalb geht dieser an den Leser, der in kreativer Weise eingreift, indem er mit Beleuchtungsgranaten – «am besten Infrarot» – auf die drohende Sabotage aufmerksam macht. Für diesen Vorschlag mit der schlüssigen Begründung «Wenn meine Kompanie in solcher Grenznähe, nahe einer gegnerischen Kritischen Infrastruktur zur Überwachung eingesetzt wird, wird das auch der Gegner bereits wissen und beobachten, was wir tun.» gebührt Hptm Thierry Widmer der Sieg. Der Preis, das Buch «The AI Commander» von James Johnson, wird ihm persönlich überreicht.

Weiterführende Links

Falls Sie sich noch mit mehr Decision Games beschäftigen wollen, so finden Sie unter folgendem Link eine ausgiebige Sammlung von Tactical Decison Games: https://www.mca-marines.org/wp-content/uploads/Mastering-Tactics.pdf.

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EDG Leader's Digest Leader's Digest #3 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #3

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das von Oberst i Gst Dieter Baumann erstellte Szenario; im Anschluss findet sich eine Würdigung der eingegangenen Handlungsempfehlung durch Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, Dozent Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich.

Decision Game aus Leader’s Digest #3

Die Armee befindet sich im Aktivdienst in einer Verteidigungsoperation. Die gegnerischen Truppen haben zahlreiche Gebiete vermint.

Eine Ihrer Gruppen gerät in ein solches Minenfeld. Mehrere Minen explodieren; zwei Ihrer Soldaten sind auf der Stelle tot, ein Soldat und eine Soldatin werden schwer verletzt. Ohne sofortige Hilfe werden die beiden Verwundeten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben. Sie stellen ein Rettungsteam zusammen, um die Verwundeten zu bergen und die medizinische Erstversorgung sicherzustellen.

Als Sie Ihre Befehlsausgabe an das Team vorbereiten, sehen Sie einen gegnerischen Soldaten, der das Minenfeld durchquert. Offensichtlich weiss dieser Soldat, wo die Minen verlegt sind.

Es gelingt Ihnen, diesen Soldaten gefangenzunehmen. Der gefangene Soldat weigert sich jedoch, Ihnen den Weg zu zeigen.

Fragestellung

Was für Handlungsoptionen haben Sie in dieser Situation? Wie gewichten bzw. beurteilen Sie Ihre Handlungsoptionen? Wie entscheiden Sie sich und wie begründen Sie diese Entscheidung?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #3

Zum Decision Game vom März haben uns wiederum volle zehn Einsendungen erreicht. Es handelte sich um ein eigentliches Schulbuchszenario, welches auf das ethische Dilemma im Umgang mit dem Kriegsgefangenen fokussierte und dabei vieles zur taktischen Lage offenliess. Dies gestaltete nicht nur die Beurteilung der Lage durch die Teilnehmer, sondern auch die Beurteilung der Antworten durch den Redaktor als anspruchsvoll.

Kern der Aufgabenstellung ist das ethische Dilemma, dass gemäss Kriegsvölkerrecht die Androhung oder Anwendung von Gewalt an Kriegsgefangenen absolut verboten ist. Dieser kennt gemäss Szenario jedoch sichere Passagen durch ein Minenfeld, was das Leben eigener Soldaten retten könnte. Ihn zur Herausgabe dieser Information zu zwingen oder zu nötigen, die Gruppe sicher aus dem Feld zu führen, wäre jedoch ein Kriegsverbrechen.

Sämtliche Einsendungen haben dies erkannt und gehen unterschiedlich damit um. Viele sprechen sich für eine strikte Einhaltung aus und loten Alternativen aus. Konkret weist etwa jemand darauf hin, dass eine Befragung und Durchsuchung sehr wohl erlaubt ist – möglicherweise trägt der gegnerische Soldat Pläne auf sich. Andere hoffen auf die Kraft des Argumentes oder darauf, dass eine humane Behandlung mit einem Appell an die Menschlichkeit fruchten mag. Wiederum andere sind bereit, im Interesse ihrer Truppe bewusst widerrechtlichen Zwang auszuüben und sich in der Konsequenz auch dem Kriegsgericht zu stellen. Nicht zu Unrecht weist eine Antwort darauf hin, dass «tactical intelligence» auf Stufe Gruppe kaum Aussicht auf Erfolg hat und schon nur deshalb zu unterlassen sei; auch die negative Vorbildwirkung bei der künftigen Behandlung von Kriegsgefangenen oder Konsequenzen in der internationalen Wahrnehmung werden angesprochen. Zu urteilen, wie ein Individuum in so einer Situation tatsächlich handeln würde und welche Konsequenzen es zu tragen bereit wäre, kann wohl nur abschätzen, wer Vergleichbares im Krieg erlebt hat. Rechtlich ist die rote Linie jedenfalls gegeben und es wäre nicht statthaft, diese von einem friedlichen Redaktionssessel aus aufzuweichen.

Besonders erfreulich ist aber, dass eine Mehrheit der Einsendungen das ethische Dilemma nicht isoliert betrachtet. Vielmehr sollen Führungsentscheide ganzheitlich, d.h. auftragszentriert, menschenorientiert und organisationsbasiert, getroffen werden. So weisen die Einsendungen denn auch eine erfreuliche Breite an weitergehenden Überlegungen aus. Mehrere berücksichtigen, etwa mit Blick auf die Zeitverhältnisse, die im Tactical Combat Casualty Care (TCCC) vermittelten Grundkenntnisse zu von Minen verursachten Verwundungen (blast injuries). Eine Mehrheit der Einsendungen berücksichtigt auch gefechtstechnische Aspekte, von verschiedenen Sofortmassnahmen bis zur Notwendigkeit einer Windenrettung. Mehrere Antworten schliessen trotz spärlichen Informationen auch auf die taktischen Rahmenbedingungen («keine Sperre ohne Feuer») und treffen geeignete Annahmen über die eigenen Mittel, um daraus ein Vorgehen abzuleiten.

In Breite und Prägnanz hervorzuheben ist dabei die Einsendung von Oblt André Von Flüe. Er beurteilt aus medizinischer, gefechtstechnischer, taktischer und strategischer Perspektive, weist ein Spektrum von drei Handlungsvarianten aus und begründet sein gewähltes Vorgehen im ethischen Spannungsfeld. Damit unterstreicht er den Anspruch des Newsletters, dass gute Führung gleichermassen Command, Leadership und Management umfasst. Wir gratulieren ihm zu seiner durchdachten Eingabe und wünschen ihm viel Spass bei der Lektüre von «Team of Teams» von General (ret) Stanley McChrystal.