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Leader's Digest Leader's Digest #26 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #25

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #25

Inspiriert von eigenen Erlebnissen

Sie sind Offizier der Schweizer Armee mit Einsatzerfahrung im Ausland und wurden für ein Jahr nach Côte d’Ivoire entsandt. Sie sind gut bereist und können von sich behaupten, dass Sie sich in fremden Kulturkreisen sicher, freundlich und unaufgeregt bewegen können. Ihre berufliche Tätigkeit vor Ort findet an einem westafrikanischen Center für Frieden und Sicherheit statt. Sie dürfen sich im Land frei bewegen und geniessen zudem, durch Ihren Diplomatenstatus, einen gewissen Schutz. Nach ein paar Wochen im Land befinden Sie sich noch in der Angewöhnungsphase, aber Sie fühlen sich aufgrund der sehr freundlichen Menschen im Land sicher. Trotz allem helfen die diplomatischen Nummernschilder bei den täglich zu passierenden Checkpoints (ansonsten wird für eine Weiterfahrt oftmals illegal Geld verlangt). Korruption ist weitverbreitet und vonseiten der Botschaft gibt es bezüglich Rules of Behaviour (RoB; Verhaltensregeln) keine Vorgaben.

Sie entscheiden sich für eine Erkundungsreise im Gastland, um die Kultur und die lokalen Unterschiede im Land besser kennenzulernen. Sie bevorzugen, aufgrund der Einfachheit, der verkehrstechnischen Erreichbarkeit und der Flexibilität, mit dem persönlichen Fahrzeug zu reisen. Die vom EDA publizierten Reisebeschränkungen für kleine Teile des Landes haben Sie in Ihrer Reiseroute grosszügig berücksichtigt, sodass auch der Risikobeurteilung Rechnung getragen wird. Da Sie eng mit der Botschaft zusammenarbeiten, haben Sie diese im Sinne des «Blue Force Tracking» über die Reiseroute orientiert. Man war über die Reiseroute überrascht und etwas skeptisch. Ihre ivorianischen Arbeitskollegen am Center konnten Sie gut bezüglich Etappenzielen beraten, und einer von ihnen wird Sie auf der Erkundung sogar begleiten.

Aufgrund der wiederkehrenden Polizeikontrollen haben Sie sich mit Ihrem Kollegen (ziviler Mitarbeiter der ivorianischen Streitkräfte) öfter über das Verhalten von korrupten Beamten, Wertehaltung, Unbestechlichkeit und Vorbildwirkung unterhalten und dabei klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie aufgrund Ihrer Werte keine Bestechung oder Ähnliches tolerieren.

Als Sie nach einigen Reisetagen in eine im Norden gelegene, grössere Stadt einfahren, stellen sich Verkehrsführung und Navigation als Herausforderung dar. Das GPS funktioniert nicht zuverlässig und das Reiseziel kann nicht auf Anhieb angesteuert werden. Sie entscheiden sich Ihr Fahrzeug zu wenden um ins Zentrum der Stadt zu verschieben. Kurz nach Ihrem Wendemanöver stellen sich zwei vermutlich unbewaffnete, uniformierte Beamte vor Ihr Fahrzeug, und Sie werden an der Weiterfahrt gehindert. Die verbale Kommunikation ist streng, fordernd, laut und nervös. Sie haben noch Mühe, das nonverbale Verhalten der Lokalen korrekt einzuordnen. Sie überlegen sich, wie Sie vorgehen wollen, während sich die Ungeduld der Beamten sichtbar macht.

Besondere Anmerkungen:

  • Sie sind beide nicht in Uniform. Der Kollege im Fahrzeug bleibt ruhig und äussert sich nur dahingehend, dass mit etwas Bargeld die Situation rasch behoben sei.
  • Ihr Auto ist weiterhin blockiert, und es sind einige Männer in der Umgebung, die das Geschehen mitverfolgen.
  • Sie haben das Fenster leicht geöffnet und versuchen zu erklären, dass Sie für die Schweizer Botschaft arbeiten und einen Diplomatenpass besitzen. Sie weisen auf das diplomatische Fahrzeugkennzeichen hin. Die Sicherheitsleute verstehen nicht, was Sie damit sagen wollen.
  • Der Beamte will 300 USD als Bussgeld, oder der Vorgesetzte und weitere Beamte würden beigezogen. Die Gemüter scheinen sehr erhitzt.

Fragestellung

  • Wie gehen Sie vor?
  • Was sind Ihre Überlegungen bezüglich einer möglichen Eskalation?
  • Wie stehen Sie zur illegalen Bestechung als weitverbreitetem, lokalem Verhalten?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #25

Das vorliegende Szenario an einer ivorianischen Strassensperre stellt eine Aufgabe dar, die einen anspruchsvollen Spagat erfordert: Die Wahrung der eigenen moralischen Integrität (Prinzipientreue/Anti-Korruption) bei gleichzeitiger Gewährleistung der physischen Sicherheit in einem volatilen, interkulturellen Umfeld.

Die Auswertung der Rekordzahl von 12 Einsendungen zeigt, dass weder ein blinder moralischer Relativismus noch ein starrer ethischer Rigorismus zielführend sind. Gefragt sind situative Sensibilität, deeskalierendes Handeln und eine präzise moralphilosophische Reflexion.

Platz 1: Hauptmann Steven Senn

Herausragende ethische und taktische Synthese

Die Einsendung von Hptm Senn wird als die beste Lösung bewertet (18/20 Punkte). Er meistert das moralische Dilemma durch eine brillante konzeptionelle Differenzierung und verbindet dies mit klugem taktischem Verhalten.

Begründung und Stärken:

  • Exzellente moralphilosophische Präzision (Doppeleffekt): Hptm Senn löst das Dilemma um die «illegale Bestechung», indem er implizit die Lehre von der Doppelwirkung anwendet. Er trennt sprachlich und konzeptionell zwischen aktiver Bestechung (Geld zahlen, um sich proaktiv einen unrechtmässigen Vorteil zu erkaufen) und dem Zahlen eines Lösegelds (Zahlung unter Nötigung/Notstand, um einen unverhältnismässigen physischen Schaden abzuwenden). Durch diese Unterscheidung verrät er seine Prinzipien nicht, sondern passt sie der Realität einer Notwehrsituation an.
  • Taktische Deeskalation («Bürokratie als Schutzschild»): Anstatt einfach zu verweigern, verlangt er über seinen Kollegen eine offizielle Quittung. Dies ist ein bewährtes, gewaltfreies Mittel, um illegale Forderungen abzuwehren, ohne die Beamten direkt der Korruption zu bezichtigen.
  • Vorbildliche Führung und Delegation: Er nutzt seinen ivorianischen Kollegen aktiv als kulturellen Brückenbauer und Berater («Reality Check»), behält aber die klare Letztverantwortung für den moralischen Entscheid.
  • Transparenz: Die Einordnung des Vorfalls als meldepflichtiges «Blue Force Tracking»-Ereignis stellt die institutionelle Integrität im Nachgang sicher.

Besondere Erwähnung: Hauptmann Raphael Iselin

Sehr gute Leistung durch laterales Denken

Hptm Iselin liefert den kreativsten und intellektuell fesselndsten Lösungsansatz des Teilnehmerfeldes (16/20 Punkte). Seine Einsendung besticht durch eine tiefe Selbstreflexion über die Rolle des Schweizer Offiziers.

Stärken des Ansatzes:

  • Kreative Konflikttransformation: Hptm Iselin löst das Problem der Bestechung durch einen klugen interkulturellen Schachzug: Er schlägt vor, die korrupten Beamten spontan über den ivorianischen Kollegen als «Guides» anzuheuern, um den Weg ins Zentrum zu finden. Dadurch verwandelt er eine illegale Erpressung in ein legitimes Dienstleistungsgeschäft. Die Beamten erhalten ihr Geld und wahren ihr Gesicht vor den Zuschauern, während Iselin für eine tatsächliche Gegenleistung zahlt und seine Integrität wahrt.
  • Tiefgehende Eskalationsanalyse: Er beweist ein hervorragendes Gespür für die Dynamik der Strasse und erkennt präzise, dass das primäre Ziel der Beamten nicht Gewalt, sondern Einschüchterung als «Geschäftsmodell» ist.

(Anmerkung: Einziger Wermutstropfen ist seine hohe persönliche Risikobereitschaft, bei der er physische Gewalt bis zur Schwelle von lebensbedrohlichen Verletzungen in Kauf nehmen würde, um seine Prinzipien zu wahren).

Problematische Lösungsansätze

Bei den übrigen Einsendungen offenbarten sich verschiedene ethische, taktische und interkulturelle Defizite, die in einer realen Einsatzumgebung zu kritischen Eskalationen oder zum Verlust der Führungsglaubwürdigkeit führen würden.

Die schwächeren Lösungsansätze lassen sich in folgende problematische Muster kategorisieren:

1. Moralisches Outsourcing & Führungsschwäche

Einige Lösungsansätze übergeben die Verhandlungsführung völlig unstrukturiert an den ivorianischen Kollegen, mit der impliziten Akzeptanz, dass dieser vermutlich Schmiergeld zahlen wird. Der Offizier wäscht seine Hände in Unschuld («Ich habe ja nicht bestochen»). Dies ist keine kulturelle Arbeitsteilung, sondern das Abschieben der moralischen Verantwortung an einen Untergebenen.

2. Dogmatische Paragraphenreiterei & Arroganz

Auffällig war die Tendenz, sich in einer ausländischen Strassensperre hinter dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zu verstecken oder aggressiv die Namen der Beamten zu fordern, um sie «aus der Anonymität zu zwingen». Dies verkennt die realen Machtverhältnisse, treibt die Beamten vor Publikum in die Enge und erzwingt einen Gesichtsverlust, der fast zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss.

3. Arrogante Konfrontation («Wartespiel»)

Ein anderes konfrontatives Vorgehen bestand darin, den Beamten zu drohen, sofort den Botschafter anzurufen, und ihnen vorzuwerfen, sie würden die «Gastfreundschaft ihres Landes beschmutzen». Gepaart mit der Ankündigung, man habe Zeit und könne das Ganze vor der zuschauenden Menge aussitzen, ist dies ein gefährliches Machtspiel ohne interkulturelle Sensibilität.

4. Schönwetter-Ethik & Riskante Kurzschlusshandlungen

Einige Lösungswege offenbarten einen ethischen Opportunismus: Solange keine Gefahr droht, pocht man auf Prinzipien; sobald Druck aufkommt, wirft man diese kurzerhand über Bord. Besonders kritisch war in diesem Zusammenhang der Plan B, bei einer drohenden Eskalation in einem blockierten Fahrzeug mit Umstehenden «einfach aufs Gas zu drücken» und zu fliehen. Dies erfüllt den Tatbestand der leichtfertigen Sicherheitsgefährdung.

5. Intellektuelle Inkonsistenz

Es wurde der Versuch unternommen, das Szenario mit Vokabeln der Spieltheorie (Koordinationsspiel, Nutzenmaximierung) analytisch zu fassen und Eigenschutz zu priorisieren, nur um im Fazit in einen starren moralischen Absolutismus zu verfallen («ich könnte mit dem Zahlen persönlich nicht leben»). Wenn das theoretische Fundament das praktische Handeln nicht stützt, kollabiert die Handlungsfähigkeit unter Stress.

6. Naivität & Bunker-Mentalität

Zu den taktisch schwächeren Ansätzen zählten das Verriegeln der Fahrzeugtüren bei gleichzeitigem Drücken des Diplomatenpasses von innen an die Fensterscheibe. Dies signalisiert Angst und Überheblichkeit. Ebenso naiv war der (fehlende) Plan B bei der unrealistischen Annahme, korrupte Strassenbeamte würden sich freiwillig darauf einlassen, dem ausländischen Fahrzeug auf einen offiziellen Polizeiposten zu folgen, um dort die Busse abzuwickeln.

Wir danken allen für ihre Einsendungen und gratulieren Hptm Steven Senn zum Gewinn des Buch des Monats vom März, «Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA» von Takuma Melber.

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Leader's Digest Leader's Digest #25 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #24

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigen Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter und Maj i Gst Florian Schweizer gemeinsam die herausragenden Handlungsempfehlungen.

Decision Game aus Leader’s Digest #24

Gegner im Interessenbereich

Vermutete Absicht Mechanisiertes Regiment 43 (ROT):

  • Verteidigt, unter Gefechtssicherung mit Feldposten in Zugstärke auf der Linie WROGE (ND 61 61) – HÄTELER BERG (ND 67 62) – MÜDEN (ND 75 59 ausserhalb der Karte im OSTEN),
  • mit zwei Mechanisierten Bataillonen nebeneinander, Mechanisiertes Bataillon 431 rechts (unser Angriffsstreifen) und Mechanisiertes Bataillon 432 links, hier Schwerpunkt, in Stellung 1, nördlich der Linie WIETZENDORF-FASSBERG, und zwei Bataillonen in der Tiefe, Mechanisiertes Bataillon 433 rechts in Stellung 2 und Panzer Bataillon 434 links, nördlich der Linie WILDE BERGE (ND 62 69) – SUROIDE (ND 65 68) – OERREL (ausserhalb der Karte im Osten),
  • ab 020600Z nov xx für mindestens 84h
  • um so Angriff Panzergrenadier-Brigade 13 (BLAU) zum Stehen zu bringen – als Voraussetzung für das Offenhalten der Übergänge ELBESEITENKANAL (weit im Nordosten).

Gegner im Verantwortungsbereich

Vermutete Absicht Mechanisiertes Bataillon 431 (Kampfkraft noch 35% mit insgesamt 8 Spz BMP-2):

  • verteidigt mit zwei verminderten Mechanisierten Kompanien, Schwerpunkt rechts, Stellung 1 Mechanisiertes Regiment 43 im Raum beiderseits WIETZENDORF, unter Gefechtssicherung durch Feldposten bei WROGE und HÄTELER BERG, um so den Angriff Panzergrenadier Brigade 13 zum Stehen zu bringen.

Eigene Mittel

Panzergrenadier-Kompanie 132

  • 3 x Panzergrenadier-Zug mit Schützenpanzer PUMA und MELLS (MELLS = Panzerabwehrlenkwaffe mit bis zu 5km Reichweite)
  • 24 Angehörige Absitzstärke pro Panzergrenadier-Zug (der absitzende Zugführer führt den gesamten Zug)

Die Kompanie ist vollständig einsatzbereit, aufmunitioniert und hat gerade erst vor kurzem die Ablauflinie überschritten.

Auftrag

Kompanie des Panzergrenadier Bataillon 132 (im Osten)

  • Anmarsch unter Nutzung Anmarschweg B,
  • greift vorn rechts im Schwerpunkt an,
  • durchstößt Sicherungskräfte im Raum HÄTELER BERG,
  • nimmt Übergänge WIETZE,
  • nimmt Zwischenziel 1 Bataillon ostwärts WIETZENDORF,
  • folgt danach 2. Panzer-Bataillon 133 rechts im Schwerpunkt auf der Linie HAUSMANNSHÖHE (69/69) – ILSTER (Nördlich ausserhalb Karte) – EHLBEK (Nördlich ausserhalb Karte) – REHLINGEN (Nördlich ausserhalb Karte),
  • stellt sich darauf ein, im Raum HAUSMANNS HÖHE Gegenangriff Mechanisiertes Regiment 43 im Zusammenwirken Steilfeuer und Wurfminensperre aufzufangen,
  • nimmt Angriffsziel Bataillon,
  • stellt sich darauf ein, im Angriffsziel Bataillon (AMELINGHAUSEN weit im Norden) Stellung 3.1 – 3.4 zu beziehen.

Umwelt

Der Raum südlich Wietzendorf ist durch das WIETZENDORFER MOOR und GROSSES MOOR zweigeteilt. Ein Angriff über befestigte Strassen ist im Westen nur über die B3 (Bundesstrasse 3) und im Osten nur über die K12 (Kreisstrasse 12) oder K43 (Kreisstrasse 43) möglich. Die leistungsfähigen Brücken existieren deren zwei Ostwärts WIETZENDORF (einmal über die Brücke der K12 und über die Brücke der K43, beide MLC 100 (militärische Lastenklasse 100 Tonnen). Der November in NIEDERSACHSEN bringt viel Regen und Nebel mit sich, der Boden ist aufgeweicht und die Wälder rund um den HÄRTELER BERG sind schlecht mit schwerem Gerät befahrbar.

Zeitverhältnisse

Der Bataillonskommandeur erwartet von Ihnen, dass Sie in den nächsten 90min die Übergänge über die WIETZE geschlagen haben und der Angriff ins Bataillonszwischenziel erfolgt.

Fragestellung

Wie lautet Ihr Entschluss als Kompaniekommandant?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #24

Das Decision Game #24 hat die Rekordzahl von acht Einsendungen ausgelöst – und das, obwohl die Aufgabe aufgrund der Terminologie und des Kartenmaterials der Bundeswehr vielen Leserinnen und Lesern etwas fremder war als sonst. Die Beurteilung der Einsendungen in der gegebenen Zeit wäre nicht möglich gewesen ohne Unterstützung des Autors, Maj i Gst Florian Schweizer – ihm gilt hier ein zusätzlicher Dank.

Wir liefern hier wie gewohnt keine Musterlösung, sondern eine Besprechung anhand der drei besten Einsendungen. Die Frage «Wie lautet Ihr Entschluss» haben wir dazu in drei Bereiche heruntergebrochen: Wurde die Lage richtig erfasst? Ist der Entschluss taktisch machbar? Lässt sich die formulierte Absicht in einen stimmigen Befehl überführen?

Den ersten Rang belegt Cap Damien Bordier. Seine Eingabe war insgesamt klar die stärkste. Ausschlaggebend waren nicht bloss Kürze und Präzision, sondern vor allem die taktische Beurteilung. Er erfasst das Kräfteverhältnis korrekt, berücksichtigt die Minenverlegefähigkeit des Gegners und denkt den dynamischen Kampf des Vorpostens konsequent mit. Seine Absicht ist machbar, nachvollziehbar und in sich stringent:
Ich will:

  • In einer ersten Phase mit einem Zug die Höhen von HÄTELER BERG einnehmen und Feuerunterstützung auf die Brücken 01 und 02 vorbereiten;
  • In einer zweiten Phase mit zwei Zügen gleichzeitig die Brücken 01 und 02 einnehmen;
  • In einer dritten Phase mit zwei Zügen das Zwischenziel WIETZENDORF von OSTEN her über die Brücke 02 angreifen;
  • In einer letzten Phase BRAVO passieren lassen, reorganisieren und mich darauf vorbereiten auf Höhe HAUSMANNSHÖHE zu sperren (neue Befehlsausgabe).

Besonders überzeugend ist, dass er nicht nur auf das Nehmen der Brücken fokussiert, sondern auch die Fortführung des Kampfes im Auge behält.

Auch sein Kompaniebefehl ist knapp und klar. Die Phasengliederung ist nachvollziehbar, Aufträge und Absicht sind stimmig, die taktische Sprache ist präzise. Verbesserungspotenzial sehen wir primär in zwei Punkten: Erstens hätte die Artillerie stärker in das eigene Denken integriert werden können. Zweitens gilt es zu beachten, dass mit zwei Zügen gleichzeitig zwei Brücken zu nehmen eine Herausforderung wird. Das ändert aber nichts daran, dass dies die überzeugendste Gesamtlösung war.

Auf dem zweiten Rang folgt Lt Maxime Rinderknecht. Seine Eingabe war sehr kurz, teilweise fast schon knapp, hat aber in mehreren Punkten überzeugt. Die Kernaussagen in der Beurteilung sind weitgehend richtig erkannt, und auch die Bereitschaft, verschiedene Varianten zu entwickeln, verdient Anerkennung. Positiv hervorzuheben sind zudem die Kreativität des Ansatzes, die Geländetaufe mit erkennbarem Mehrwert für Unterstellte, sowie der eingebaute taktische Dialog am Schluss.

Gleichzeitig zeigen sich hier auch deutliche Grenzen. Der gewählte Infiltrationsansatz mag auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, trägt jedoch dem Zeitdruck des Bataillonskommandanten zu wenig Rechnung. Wer für das Nehmen der Übergänge maximal rund 90 Minuten hat, kann sich keine langwierige abgesessene Infiltration leisten. Hinzu kommt eine ungenügende Geländeanalyse. Der vorgeschlagene abgesessene Kampf über offene Freiflächen ist in diesem Raum wenig zweckmässig, weshalb auch die Aufteilung der Kompanie in auf- und abgesessene Elemente kaum zielführend ist. Insgesamt ist dies ein interessanter, umfassender Beitrag mit guten Ansätzen, aber ohne die taktische Stringenz des Erstplatzierten.

Den dritten Rang erreicht Hptm Raphael Iselin. Seine Arbeit war sehr ausführlich und er hat sich die Mühe gemacht, gleich drei Varianten zu entwickeln und sich aktiv mit dem Gelände auseinanderzusetzen. Auch der gewählte Schwerpunkt ist grundsätzlich richtig gesetzt, und einzelne Elemente – etwa der Antrag an die Artillerie – sind für sich betrachtet zweckmässig gedacht.

Entscheidend für die tiefere Platzierung ist jedoch ein grundlegender Fehler in der Feindbeurteilung. Er überschätzt die gegnerischen Kräfte im Einsatzraum deutlich. Das mechanisierte Bataillon verteidigt WIETZENDORF nicht mehr mit vier Zügen, sondern nach den angenommenen Verlusten nur noch mit rund zweieinhalb. Auch der Vorposten wäre entsprechend kleiner zu beurteilen. Dieser Ausgangsfehler zieht sich durch den gesamten Lösungsansatz und lässt sich später nicht mehr auffangen. Hinzu kommt, dass die taktische Sprache wiederholt unpräzis bleibt und sich die Absicht nicht sauber zeichnen lässt. Sein Beitrag zeigt Denkarbeit, bleibt aber in der taktischen Verdichtung hinter den beiden Erstplatzierten klar zurück.

Knapp hinter dem Podest landete auf Rang vier übrigens ein Offizier der Bundeswehr, der stringent, sprachlich präzis und insgesamt sehr sauber gearbeitet hat. Nach unserer Einschätzung hat ihn wohl einzig der fehlende vollständige Befehl davon abgehalten, dieses Decision Game zu gewinnen.

Der Erstplatzierte gewinnt wie gewöhnlich das Buch des Monats, «Keine Regeln: Warum Netflix so erfolgreich ist» von Reed Hastings und Erin Meyer. Für den ersten Platz gibt es zudem zusätzlich ein Kompanieset (Panzergrenadierkompanie) an taktischen Symbolen. Die zweitplatzierte Einsendung wird mit einem Zugset (Panzergrenadierzug) an taktischen Symbolen honoriert, die drittplatzierte mit einem Fahrzeugset zur Lagedarstellung (Panzergrenadierzug blau). Die drei Zusatzpreise wurden von TACSYMBOLS.CH gesponsert – vielen Dank dafür.

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Leader's Digest Leader's Digest #24 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #23

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #23

Ein europäisches Partnerland bittet die Schweiz kurzfristig um Unterstützung bei einer grossangelegten Übung zur Verteidigungsbereitschaft. Die sicherheitspolitische Lage ist angespannt, hybride Aktivitäten nehmen zu und die Öffentlichkeit beobachtet jede militärische Bewegung mit erhöhter Sensibilität. Die Armee verfügt über die nötigen Mittel und Kompetenzen, doch ein Engagement hätte mehrere Konsequenzen. Eine Teilnahme würde die internationale Kooperation stärken und das eigene Know-how verbessern. Gleichzeitig könnte sie innenpolitisch kontrovers wirken, weil Teile der Bevölkerung eine stärkere sicherheitspolitische Sichtbarkeit der Schweiz kritisch sehen.

Auf Stufe Armeeführung entsteht ein Dilemma. Soll die Armee die Übung unterstützen und damit ein klares Zeichen der Bereitschaft setzen, wie es Bauer in seinem Buch [If You Want Peace, Prepare for War: A Blueprint for Deterrence] fordert? Oder soll sie Zurückhaltung üben, um innenpolitische Spannungen zu vermeiden und das Neutralitätsverständnis nicht unnötig zu belasten?

Fragestellung

Wie begründest du deine Entscheidung gegenüber Politik, Truppe und Öffentlichkeit?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #23

Geschätzte Leserinnen und Leser,

Die Resonanz auf unser EDG #23 war sehr gut. Die Einsendungen zeigen, dass die Frage nach der Kooperationsbereitschaft in einem angespannten sicherheitspolitischen Umfeld den Kern unseres aktuellen Selbstverständnisses trifft. Das Dilemma zwischen dem Ruf nach Abschreckung (wie ihn etwa Admiral Bauer als wertvoller Impulsgeber skizziert) und der Rücksichtnahme auf innenpolitische Sensibilitäten wurde tiefgreifend analysiert und mehrere Lösungsvorschläge waren von hervorragender Qualität.

Dabei wurde eines deutlich: Führung in diesem Kontext bedeutet nicht, eine statische «Schablone» anzuwenden oder sich hinter starren Dogmen zu verstecken. Es ist vielmehr eine bleibende, hochdynamische Führungsaufgabe, die militärische Notwendigkeit, unsere staatspolitische Neutralität und die gesellschaftliche Akzeptanz in einer sich ständig verschärfenden Lage immer wieder neu auszutarieren. Wer heute führt, muss die Fähigkeit besitzen, harte operative Realitäten – etwa die grenzüberschreitende Reichweite moderner Waffensysteme – mit den sensiblen Erwartungen einer demokratischen Öffentlichkeit in Einklang zu bringen. Dies erfordert nicht nur taktische Kompetenz, sondern eine strategische Weitsicht, die begreift, dass militärische Glaubwürdigkeit nach aussen untrennbar mit der politischen Legitimation nach innen verbunden ist. Nur durch diese ständige, aktive Gestaltung des Handlungsspielraums lässt sich die Verteidigungsfähigkeit sichern, ohne den gesellschaftlichen Konsens und das Vertrauen in die Armee zu gefährden.

Der Gewinner: Hptm Raphael Iselin – Exzellenz durch Synthese

Nach sorgfältiger Evaluation hat der Beitrag von Hptm Raphael Iselin am meisten überzeugt. Die Qualität dieses Entwurfs liegt in der Synthese aus operativer Tiefe und institutioneller Reife. Iselin argumentiert, dass militärische Fachlichkeit und staatspolitisches Verantwortungsbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen, um in einer komplexen Bedrohungslage überhaupt erst handlungsfähig zu bleiben.

  • Sachlogische Herleitung der Kooperation: Iselin bricht mit oberflächlichen Schlagworten und begründet die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit konsequent aus der physikalischen Realität moderner Konflikte. In einer Zeit, in der Fernwirkungswaffen, Cyber-Operationen und hybride Bedrohungen keine Landesgrenzen im klassischen Sinne mehr kennen, ist die rein geografische Trennung operativ oft hinfällig. Iselin verdeutlicht, dass beispielsweise die moderne Luftverteidigung oder der Schutz kritischer Infrastruktur nur dann wirksam sind, wenn sie tief in den europäischen Raum hinein vernetzt gedacht und geübt werden. Eine totale militärische Isolation würde unter diesen Bedingungen nicht Souveränität bedeuten, sondern einen massiven Verlust an operativer Wirksamkeit, Aufklärungstiefe und Frühwarnzeit. Diese ehrliche Analyse der grenzüberschreitenden Sphären liefert die notwendige fachliche Basis, auf der die Politik tragfähige Entscheidungen aufbauen kann und soll.
  • Der Kommunikationsstandard der operativen Ehrlichkeit: Ein weiterer zentraler Aspekt ist Iselins Verständnis für das Zusammenspiel zwischen Armee und Politik. Der Beitrag macht deutlich, dass die Armee nicht autonom agiert, sondern ihre Expertise so aufbereiten muss, dass die politische Exekutive – in der Person des zuständigen Bundesrats – handlungs- und kommunikationsfähig wird. Iselin definiert hier einen neuen Standard der operativen Ehrlichkeit: Anstatt die Öffentlichkeit lediglich zu beruhigen oder militärische Handlungen als rein technokratische Akte darzustellen, setzt der Entwurf auf Transparenz und aktive Aufklärung. Indem militärische Experten der Politik die notwendigen Fakten und Szenarien liefern, kann diese der Bevölkerung den Sinn von Übungen und Kooperationen glaubwürdig vermitteln. Dieser Ansatz stärkt die demokratische Resilienz, da er das Vertrauen der Bürger auf einem fundierten Verständnis der Sicherheitslage aufbaut und die Armee als verlässlichen Partner der Gesellschaft positioniert.

Besondere Erwähnung: Strategische Stringenz und pragmatische Innovation

Zwei weitere Beiträge verdienen aufgrund ihrer spezifischen Perspektiven eine ausdrückliche Würdigung:

  1. Maj i Gst Florian Schweizer: Sein Stringenz-Argument ist ein wesentlicher Beitrag zur staatspolitischen Einbettung. Er weist darauf hin, dass es strategisch widersprüchlich wäre, wirtschaftliche Sanktionen mitzutragen, aber im Bereich der militärischen Ausbildung – dem Kern unserer Vorsorge – aus Neutralitätsangst in die Isolation zu flüchten. Die Armee wird hier als kohärenter Teil der schweizerischen Gesamtstrategie verstanden.
  2. Lt Maxime Rinderknecht: Er liefert mit dem Fokus auf die Miliztauglichkeit einen pragmatischen Ansatz. Der Vorschlag, die Teilnahme auf Basis der Freiwilligkeit zu organisieren (unter Bezugnahme auf Beispiele wie TRIAS-25), ist ein kluger Weg, um die Professionalität unserer Milizverbände zu steigern und gleichzeitig die innenpolitische Akzeptanz durch Motivation statt Zwang zu sichern.

Fazit und Reflexion

Dieses EDG war kein rein akademisches Gedankenspiel, sondern eine kleine, realitätsorientierte Übung in strategischer Kommunikation. Es fordert uns auf, die Rolle der Schweizer Armee im öffentlichen Diskurs zu reflektieren und vor allem die Verantwortung für die Deutungshoheit über sicherheitspolitische Notwendigkeiten zu thematisieren. Die Schweizer Armee darf sich nicht auf die Rolle der «Handwerker der Verteidigung» zurückziehen, die lediglich Befehle technisch umsetzen. Vielmehr fungiert sie als unverzichtbarer Lieferant von Expertise, der komplexe und oft unbequeme militärische Realitäten so übersetzt und aufbereitet, dass sie im politischen Raum faktisch korrekt kommuniziert und in der Gesellschaft breit in die Meinungsbildung einfliessen können.

Diese Aufgabe ist existenziell: Ohne ein tiefes Verständnis der Bevölkerung für die moderne Bedrohungslage – von hybriden Angriffen bis hin zu grenzüberschreitenden Waffensystemen – erodiert langfristig die Basis für jede Verteidigungsanstrengung. Es muss ein breit abgestütztes Verständnis dafür geben, dass Wehrhaftigkeit kein Widerspruch zur demokratischen Offenheit ist, sondern deren Schutzschild.

Es gibt keinen einfachen Königsweg, der alle Spannungsfelder zwischen Neutralitätstradition und operativer Kooperation mit einem Schlag auflöst. Doch gerade in dieser Ungewissheit liegt eine professionelle Pflicht: Wir schulden dem Staat und der Öffentlichkeit die ungeschönte, ehrliche Analyse der Lage und der Truppe die zeitgerechte, entschlossene Handlungsfähigkeit. Nur wer die Widersprüche unserer Zeit aushält und sie kommunikativ überwindet, kann in einer instabilen Welt Sicherheit garantieren.

Wir danken allen Teilnehmenden für die Einsendungen und gratulieren Hptm Raphael Iselin zu seinem hervorragenden Beitrag. Viel Freude bei der Lektüre von «If you want peace, prepare for war» von Admiral Rob Bauer.

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Leader's Digest Leader's Digest #23 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #22

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, von der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #22

Gegner

GARONNIA verfügt über eine mechanisierte Division mit drei mechanisierten Brigaden, die jeweils aus zwei mechanisierten Bataillonen, einem Panzerbataillon und einem Infanteriebataillon bestehen.

Ihr Ziel ist es, GENF als Pfand zu nehmen, indem eine erste Brigade aus der Bereitstellung COLLONGE – PÉRON – THOIRY – SERGY über die Achse ST-GENIS-POUILLY in Richtung GENF stösst und ein Nebenstoss über die Achse CHANCY-BERNEX-LANCY-GENF erfolgt.

Eigene Mittel

Obwohl die Truppenkonzentrationen von GARONNIA an der Grenze seit mehreren Tagen das Schlimmste vermuten lassen, hat der Bundesrat den Grenzübertritt der eigenen Truppen noch immer nicht genehmigt. Es ist davon auszugehen, dass dies erst nach Beginn des gegnerischen Angriffs erfolgen wird.

Die Einsatzverband Infanterieregiment 8 verfügt über drei Infanteriebataillone, zwei mechanisierte Kompanien, eine Geniekompanie, eine Rettungskompanie, einen Drohnenzug, einen Drohnenabwehrzug und eine Stabskompanie.

Er hat den Auftrag, die Einnahme von GENF (FLUGHAFEN ausgenommen) durch GARONNIA zu verhindern.

Sie sind Kommandant der (verstärkten) Infanteriepanzerabwehrkompanie 19/3. Diese umfasst
• einen Infanteriezug mit RGW (Panzerabwehrwaffe, Reichweite 200 m);
• zwei Infanteriezüge mit NLAW (Panzerabwehrwaffe, Reichweite 600 m);
• einen 8,1-cm-Mörserzug (Reichweite 5 km);
• einen Späherzug (Reichweite des Scharfschützengewehrs: 1 km).

Ihr Bataillonskommandant hat soeben die Befehlsausgabe beendet. Seine Absicht ist einfach: Er will mit zwei Kompanien nebeneinander sperren und die Drehscheibe Ausfahrt Vernier / Ausfahrt Meyrin mit einer Kompanie halten (siehe Karte).

Auftrag

Sie haben den Auftrag erhalten, in BOURDIGNY nördlich von MEYRIN zu sperren.

Umwelt

Der Kanton Genf weist in seinem Zentrum eine hohe Bevölkerungsdichte auf, zu dem die Stadt Genf und die sie wie ein Kranz umgebenden Vororte (Carouge, Chêne-Bourg, Chêne-Bougeries, Lancy, Meyrin, Onex, Thônex, Vernier) gehören. Dieses Stadtzentrum umfasst ein bedeutendes Landwirtschafts- und Weinanbaugebiet, das Mandement im Nordwesten und die Champagne im Südwesten.

Analysieren Sie die Umgebung mit Hilfe des Tools www.geo.admin.ch oder einer Landkarte im Maßstab 1:25’000 oder 1:50’000.

Zeitverhältnisse

Sie müssen keinen endgültigen Entschluss, Absicht oder Befehle formulieren, um Ihre Antwort einzusenden. Beantworten Sie einfach die vier Fragen des taktischen Dialogs.

Analysieren Sie die Umwelt in 5 Minuten und versuchen Sie anschliessend, diese vier Fragen in 5 Minuten zu beantworten (dies wurde bei einer Generalstabsinspektion verlangt).

Fragestellung

Im Rahmen des taktischen Dialogs bittet Sie der Bataillonskommandant folgende Fragen zu beantworten:

  • Welche grundlegenden Varianten ziehen Sie für die Positionierung Ihrer fünf Züge in Betracht?
  • Was ist Ihrer Meinung nach das Schlüsselgelände ROT entlang der Achse ST-GENIS-POUILLY – GENF?
  • Welche Unterstützung benötigen Sie von den Stufen Bataillon und Regiment im Rahmen der Kampfvorbereitungen, um Ihren Auftrag erfüllen zu können?
  • Welche kritischen Infrastrukturen in Ihrem Sektor müssen Sie bei der Durchführung der Aktion unbedingt berücksichtigen?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #22

Das Tactical Decision Game #22 forderte für einmal nicht einen Entschluss, sondern die Beantwortung von vier Fragen im Rahmen des taktischen Dialogs. Diese Form des Austauschs ist für gelebte Auftragstaktik zentral: Taktische Aufträge sind keine einseitige Übermittlung. Der Einbezug der Unterstellten durch den Kommandanten erlaubt die Synchronisation der verschiedenen Stufen. Die Motivation hierzu ist weniger ein partizipativer Führungsansatz als die Notwendigkeit, in komplexen Situationen das wirkungsvolle Miteinander sicherzustellen. In der Befehlstaktik (international: detailed command) wird dies durch minuziös abgestimmte Planung versucht, in der Auftragstaktik (international: mission command) durch ein gemeinsames Verständnis der Lage und des Auftrags. Die Kriegsgeschichte ist voll von Beispielen, dass dieser Ansatz in den Unwägbarkeiten des Gefechts deutlich erfolgsversprechender ist.

Fünf Vorschläge sind eingegangen, von denen zwei herausstechen und sich dabei sehr ähnlich sind. Die Besprechung beschränkt sich auf diese beiden Eingaben, um also die Ausmarchung zwischen Maj i Gst Schweizer und Hptm Iselin nachzuzeichnen, auch wenn die übrigen drei zahlreiche Elemente ebenso aufweisen.

Die erste Frage – welches sind die grundsätzlichen Varianten – läuft darauf hinaus, wie das Schwergewicht der Truppe zu platzieren ist. Es ist noch vor der Frage nach der Reserve (ja/nein; wo/was) und der Organisation (Gliederung) das Hauptkriterium, das Varianten unterscheidet. Der für eine Kompanie sehr grosse Einsatzraum lässt sich grundsätzlich zweiteilen: das schmale, überbaute Gebiet entlang der Hauptstrasse 101 mit der Infrastruktur des CERN und der Genfer Vorortsgemeinde MEYRIN und das viel grössere, vom Rebbau geprägte Gebiet westlich davon. Entlang der Hauptstrasse 101 erwartet die vorgesetzte Stufe den Hauptstoss – und sie hat gute Gründe dafür: ein Stoss über die Rebberge ist zwar möglich, aber nur die Hauptstrasse 101 bietet eine leistungsfähige Achse zur späteren Versorgung eines erfolgten Stosses. Maj i Gst Schweizer bezeichnet die beiden Varianten wie folgt: «2 Züge vorne (CHOULLY und CERN) – 1 Zug hinten (MEYRIN)» oder «ein Stützpunkt im Raum CERN». Hptm Iselin sieht dieselben Varianten und zusätzlich noch die Variante «1 Zug vorne, zwei Züge hinten». Bei beiden und in allen Varianten ist aber das Schwergewicht mit mindestens 2 Zügen klar entlang der Hauptstrasse 101 – fraglich ist nur, ob überhaupt ein Kampfelement auf die Anhöhe CHOULLY platziert werden soll. Punktegleichstand für die beiden.

Die zweite Frage – welches ist das rote Schlüsselgelände – wird unterschiedlich beantwortet. Maj i Gst Schweizer nennt nur das CERN, was mit Blick auf die Position entlang der Hauptstrasse nachvollziehbar ist. Hptm Iselin sieht nicht nur das CERN, sondern auch die Anhöhe CHOULLY, und argumentiert «Beide, die Hauptstrasse oder die Anhöhe, erlauben ihm [dem Gegner] die erfolgreiche Aktion. Es reicht aber eines davon, weshalb es hier kein Schlüsselgelände ROT gibt.» Das ist in sich konsistent und misst sich wohl daran, welches Gewicht der vorgesetzte Kommandant dem westlichen Raum beimisst (deshalb ja auch Dialog). Ich neige hier zur Lesart Maj i Gst Schweizer: wenn der Gegner den Raum CERN in Besitzt nimmt, ist das für den Erfolg der Aktion entscheidend; damit ist für mich das Kriterium «Schlüsselgelände» erfüllt.

Die dritte Frage – beantragte Unterstützung von den vorgesetzten Stufen – wird von beiden umfassend beantwortet. Beide beantragen Geländeverstärkungen entlang der Hauptstrasse 101 und Unterstützung bei der Evakuation der Zivilisten im Raum MEYRIN. Maj i Gst Schweizer nennt zudem noch «Glasklare ROE» betreffend Kampfeinsatz im Raum CERN, Hptm Iselin Drohnenschutznetze entlang der Haupt- und Nebenstrassen zum Schutz der logistischen Versorgung sowie, falls verfügbar, Panzerabwehrminen (wir wollen hoffen, dass die Schweiz solche noch rechtzeitig beschaffen oder produzieren wird). Auch wenn ich beiden zustimme, geht dieser Punkt an Hptm Iselin.

Die vierte Frage schliesslich ist jene nach der Kritischen Infrastruktur: auch hier nennen beide Eingaben sowohl das CERN als auch das Spital De La Tour in MEYRIN (weitere Eingaben haben noch das Schloss CHOLLY genannt; hierbei handelt es sich tatsächlich um ein geschütztes Kulturgut, dem ich allerdings nicht den Status einer kritischen Infrastruktur beimessen würde). Damit bleibt es beim Gleichstand.

Man darf mir ruhig mangelnde «Entscheidungsfreude» vorwerfen, wenn ich also keinen klaren Sieger im TDG#22 erkenne. Mit Blick auf den OODA-Loop und John Boyd halte ich allerdings fest, dass die Orientierung (Orient) noch wichtiger ist als die Entscheidung (Decide); Boyd hat damit auch die Überlegenheit der Auftragstaktik gegenüber der Befehlstaktik begründet. Insofern übe ich mich heute in «Orientierungsfreude»: ich danke allen treuen Leserinnen und Lesern, aber auch den aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern und hoffe, dass der taktische Lerneffekt – das gemeinsame Verständnis – auch ohne expliziten Sieger erzielt wurde. Damit erhalten, passend zur Adventszeit, sowohl Maj i Gst Schweizer als auch Hptm Iselin das Buch «Qu’est-ce qu’un chef ?» von Général d’armée Pierre de Villiers als Bescherung. Ich wünsche gute Lektüre und fröhliche Weihnachten!

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Leader's Digest Leader's Digest #22 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #21

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #21

Szenario «Widerstand»

Niemand hätte damit gerechnet: Nach einem ersten Probing Russlands im Baltikum stellte sich die NATO als handlungsunfähig heraus. Europa zerfiel schockierend rasch in eine pro- und eine antirussische Seite. Der folgende wirtschaftliche und gesellschaftliche Niedergang führte zu zahlreichen kleineren Konflikten über den ganzen Kontinent verteilt. Die zunächst verschonte Schweiz weckte dabei Neider – und nachdem sie sich geweigert hatte, klar Position zu beziehen, wurde ein Teil ihres Territoriums im Sinne einer Pfandnahme besetzt.

Seither steht die Schweiz nordöstlich der Limmat unter fremder Kontrolle. In diesem Gebiet formieren sich nun irreguläre Kräfte, die nach dem Vorbild von Major Hans von Dachs Konzept des «Totalen Widerstands» gegen die Besatzer vorgehen.

Ihre Kompanie, ursprünglich aus Ostschweizern gebildet, ist im Wasserschloss eingesetzt – ein Gebiet, das nach wie vor zur freien Schweiz gehört. Doch Ihre Offiziere haben über ihre Familien- und Heimatkantonsbeziehungen direkte Verbindungslinien ins besetzte Gebiet. Damit steht im Raum, dass Lieferungen an die Widerstandsgruppen zumindest denkbar wären.

In einer abendlichen Lagebesprechung entbrennt zwischen Ihren Offizieren eine hitzige Diskussion:

  • Leutnant Ruckstuhl aus Bichelsee ist fest überzeugt: «Hundert Kilo Plastit sind in der Hand des Thurgauer Widerstands sicher wertvoller als bei uns im Munitionsmagazin. Meine Cousinen könnten den Transfer organisieren, wenn wir das zulassen.»
  • Oberleutnant Gmür aus Flawil hält vehement dagegen: «Wir haben ja selber kaum genug Sprengmittel, um unsere Sperren aufrechtzuerhalten. Wenn wir abgeben, gefährden wir unsere eigenen Aufträge. Abgesehen davon ist es verboten»
  • Leutnant Ziegler aus Hallau wirft ein: «Genau, und wer sagt uns, dass die Irregulären nicht auch Zivilisten ins Visier nehmen? Wenn wir sie versorgen, tragen wir Mitverantwortung für mögliche Kriegsverbrechen.»
  • Schliesslich warnt Oberleutnant Kellerhals aus Marbach: «Die Besatzer würden Vergeltung üben, vielleicht genau gegen die Dörfer, aus denen unsere Familien stammen. Wollen wir das riskieren?»
  • Da explodiert Leutnant Hohl aus Herisau, während ihm gleichzeitig Tränen in die Augen schiessen: «Ihr verdammten Feiglinge! Habt ihr eigentlich mitbekommen, was letzte Woche in Wil passiert ist? Ihr wisst genau, wer die Kriegsverbrechen begeht. Und jede Patrone im Magazin eines Schweizer Widerstandskämpfers hilft, solche Verbrechen zu verhindern.»

Der Streit wird zunehmend persönlicher, Emotionen steigen hoch – einige Offiziere pochen auf Solidarität mit den eigenen Leuten jenseits der Front, andere erinnern an die Pflicht, den Auftrag im freien Teil des Landes zu erfüllen.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund stellen sich Ihnen drei Fragen:

    1. Wie schlichten Sie den Streit als Kompaniekommandant?

    2. Welche inhaltliche Position nehmen Sie persönlich ein?

    3. Kommunizieren Sie diese Meinung im Kreise Ihrer Offiziere?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #21

Das Szenario «Widerstand» konfrontiert einen Kompaniekommandanten mit einer Problematik, in dem rechtliche Pflicht, institutionelle Verantwortung, persönliche Moral und die emotionale Notlage der Untergebenen miteinander verknüpft sind. Die eingereichte Lösung von Markus Heini wurde als die beste bewertet, weil sie dieses Spannungsfeld nicht nur erkennt, sondern einen prozedural, ethisch und führungstechnisch sinnvollen Weg zur Auflösung aufzeigt.

1. Einordnung des Szenarios: Das moderne ethische Schlachtfeld

Das Szenario wirft den Kommandanten in eine Situation, die einen Kernkonflikt der heutigen Militärethik und des humanitären Völkerrechts widerspiegelt. Traditionell basierte die Ethik des Soldaten auf klaren Hierarchien, Befehl und Gehorsam – die Verantwortung lag primär bei der politischen Führung, die den Krieg befahl, und weniger beim einzelnen Kombattanten. Dieses klassische Modell, das auf dem staatlichen Gewaltmonopol fusst, trennt scharf zwischen der politischen Entscheidungsebene (jus ad bellum) und der militärischen Handlungsebene (jus in bello). Für den einzelnen Soldaten bedeutete dies eine klare moralische Arbeitsteilung: Seine Pflicht war es, Befehle auszuführen und sich an die Kriegsregeln zu halten, während der Staat die moralische Last für den Krieg selbst trug. Ein wesentlicher Eckpfeiler ist die strikte Trennung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten im Krieg. Neuere, oft als «revisionistisch» bezeichnete Ansätze, die legitime Gewaltanwendung anhand von Notwehr und Notwehrhilfe im Zivilleben analysieren, stellen dieses Fundament in Frage und verlagern den Fokus zunehmend auf die moralische Verantwortung des Individuums. Begleitet durch die wachsende Bedeutung der Menschenrechte in völkerrechtlichen Bewertungen, argumentiert diese Perspektive, dass ein Soldat, der für einen ungerechten Aggressor kämpft, seinen moralischen Schutzschild verliert und selbst zu einem legitimen Ziel wird. Diese Perspektive untergräbt die traditionelle Gleichheit aller Kombattanten und fordert vom Einzelnen eine Gewissensprüfung, die weit über das blosse Befolgen von Befehlen hinausgeht.

Diese Spannung ist im Szenario präsent:

  • Die traditionelle Sicht: Oberleutnant Gmür pocht auf den Auftrag und die Vorschriften («es ist verboten»).
  • Die individualistische Sicht: Leutnant Hohl beruft sich auf sein Gewissen und die moralische Pflicht, angesichts von Kriegsverbrechen zu handeln («Ihr verdammten Feiglinge!»).

Kritiker könnten einwenden, das Szenario sei strategisch ungenau oder aus Sicht traditionell bewährter Praxis fragwürdig. Doch diese Kritik verkennt den didaktischen Zweck: Die strategische Unklarheit ist kein Mangel, sondern ein bewusst eingesetztes Werkzeug. Sie simuliert eine Form des «ethischen Nebels», der in modernen, hybriden Konflikten zur Realität werden kann. In solchen Lagen sind klare Frontlinien und eindeutige rechtliche Status (Freund, Feind, Zivilist) oft kaum zu erkennen. Die Isolation des Kommandanten zwingt ihn, ohne einen klaren Befehl von oben eine Entscheidung zu treffen, die sowohl seiner institutionellen Rolle als auch seinem moralischen Kompass gerecht werden muss. Es geht hier darum eine zeitlose Führungskompetenz zu schulen: Urteilsvermögen unter moralischem Druck.

Dieser «Test für Führung im ethischen Nebel» ist weit mehr als eine intellektuelle Übung. Er zwingt die Führungsperson, widersprüchliche Loyalitäten abzuwägen: die Loyalität zur Befehlskette, die Loyalität zu den eigenen Soldaten und deren emotionaler Not, die Loyalität zur leidenden Zivilbevölkerung und die Loyalität zum eigenen Gewissen. Ein Kommandant, der in dieser Lage besteht, beweist nicht nur Regelkenntnis, sondern moralischen Mut und charakterliche Widerstandsfähigkeit. Er muss einen Standpunkt der Verantwortung finden, wenn die Hierarchie schweigt. Militärische Führungspersonen müssen daher lernen, ihr Entscheiden und Handeln mit den aktuellen Entwicklungen in der Militärethik und im Völkerrecht in Einklang zu bringen. Nur so kann auf allen Ebenen die Glaubwürdigkeit und Legitimität nach aussen und nach innen gewahrt bleiben. In einer Zeit, in der jede taktische Handlung durch soziale Medien eine strategische Wirkung entfalten kann, ist dies keine Nebensächlichkeit, sondern eine Kernkompetenz. Eine ethisch fragwürdige, wenn auch vielleicht gut gemeinte Entscheidung auf Kompanieebene kann das Vertrauen der Bevölkerung in die gesamte Armee untergraben und damit einen strategischen Schaden anrichten, der weit über den unmittelbaren Nutzen hinausgeht. Gegenwärtige Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit diesen Themen in politischen und akademischen Diskursen belegen die Virulenz der Problematik.

2. Die Lösung von Markus Heini

Heinis Vorschlag überzeugt, weil er das Problem ganzheitlich erfasst und in vier Schritten löst: Prozess, Führung, Inhalt und Operation.

a) Der Prozess: Souveräne Deeskalation

Heini erkennt als Erstes die unmittelbare Gefahr: «Generell sind Emotionen schlechte Wegweiser.» Seine oberste Priorität ist es, die irrationale, eskalierende Debatte zu beenden und einen rationalen Entscheidungsfindungsprozess zu etablieren. Indem er die Entscheidung auf den nächsten Tag verschiebt, gewinnt er Zeit, kühlt die Gemüter ab und stellt seine Autorität als prozessführende Instanz wieder her. Dieser Schritt ist die unabdingbare Voraussetzung für jede tragfähige Lösung.

b) Die Führung: Die Kunst der Kommunikation

Der Kern von Heinis Ansatz liegt in der von ihm wörtlich ausformulierten Ansprache an seine Offiziere. Diese «Battle Speech» ist ein gutes Beispiel für ausbalancierte Führung:

  • Emotionale Verbindung: Er beginnt mit persönlicher Betroffenheit («Auch ich als gebürtiger Thurgauer leide mit euch»), schafft eine gemeinsame Basis und validiert die Emotionen seiner Untergebenen. Er zeigt, dass er sie versteht.
  • Unmissverständliche Autorität: Unmittelbar danach zieht er eine klare Linie und begründet seinen Befehl rational und nachvollziehbar: «Wir können keine Kampfmittel an den Widerstand senden.»

Er demonstriert damit den Grundsatz «Verstehen, ohne einverstanden zu sein». Er holt seine Leute emotional ab, ohne jedoch bei der Sache selbst einen Kompromiss einzugehen.

c) Der Inhalt: Der ethisch überlegene dritte Weg

Hier liegt die ethische Substanz seiner Lösung. Heini verfällt nicht in ein simples Ja/Nein-Schema. Er lehnt die Lieferung von Sprengstoff klar ab, aber nicht nur aus formaljuristischen Gründen. Seine ethische Hauptmotivation ist der Schutz der Zivilbevölkerung vor absehbaren, brutalen Repressalien – eine direkte Anwendung der Prinzipien der Verhältnismässigkeit und des Schutzes von Nichtkombattanten.

Seine «Option 3» – die Unterstützung mit Medikamenten, Aufklärungsdaten und Know-how – ist der entscheidende Schritt. Dieser dritte Weg löst die Problematik:

  • Er erfüllt die institutionelle Pflicht: Kein Verstoss gegen Vorschriften, keine Gefährdung des eigenen Auftrags.
  • Er erfüllt die moralische Pflicht: Er lässt seine Landsleute nicht im Stich und leistet Hilfe.
  • Er schützt die Zivilbevölkerung: Indem er die Widerstandskämpfer nicht zu vollwertigen Kombattanten macht, minimiert er die Eskalationsspirale der Gewalt.

d) Die Operation: Proaktive und verantwortungsvolle Autonomie

Heini begnügt sich nicht mit seinem Entscheid, sondern entwirft einen klaren Plan zur Umsetzung. Er wartet nicht passiv auf Befehle, sondern nutzt seine Autonomie als Kommandant. Sein «Schritt 6» – die proaktive Information des Stabes und der Antrag auf Umsetzung seines Plans – zeigt ein modernes Verständnis von «Auftragstaktik». Er handelt im Sinne der übergeordneten Führung, ergreift aber die Initiative, um das Problem vor Ort zu lösen. Dies unterscheidet einen Leader von einem blossen Verwalter.

3. Fazit

Der Lösungsvorschlag von Markus Heini ist die beste Einsendung, weil er eine umfassende Antwort auf ein komplexes Problem gibt. Er demonstriert nicht nur, was die richtige Entscheidung ist, sondern auch, wie ein Kommandant diese prozedural einleitet, führungstechnisch kommuniziert und operativ umsetzt. Er navigiert durch das Spannungsfeld von Recht, Moral und Emotion und liefert eine Blaupause für Führung im Angesicht eines modernen militärethischen Dilemmas. Wir gratulieren Markus Heini zum Gewinn des Buches Grunts: Inside the American Infantry Combat Experience von John McManus.

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Leader's Digest Leader's Digest #20 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #19

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, Dozent für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #19

Kontext

Ihre Einheit ist Teil einer grösseren Operation, die darauf abzielt, eine strategisch wichtige Stadt zurückzuerobern, die von einem gut befestigten gegnerischen Truppenkontingent besetzt ist. Der zu sichernde Stadtteil ist entscheidend für die Kontrolle der Kommunikationswege in der Stadt. Der Gegner, bestehend aus irregulären Kämpfern und Spezialeinheiten, nutzt Taktiken der städtischen Guerilla, einschliesslich Hinterhalte und Sprengfallen. Darüber hinaus ist der Stadtteil dicht besiedelt, und Zivilisten sind in vielen Gebäuden noch anwesend, wobei einige als menschliche Schutzschilde von den gegnerischen Kräften genutzt werden.

Missionsziel

Sichern Sie den städtischen Stadtteil, während Sie zivile Verluste und Schäden an kritischen Infrastrukturen minimieren.

Briefing

  • Standort: Urbaner Stadtteil mit einer Mischung aus Wohn-, Geschäfts- und Industriegebäuden.
  • Gegnerische Kräfte: Geschätzt etwa 200 Kämpfer, bewaffnet mit leichten Waffen, Raketenwerfern und Mörsern. Der Gegner hat auch Minen und IEDs (Improvised Explosive Devices) in mehreren wichtigen Strassen verlegt.
  • Eigene Kräfte: Ihre Einheit besteht aus 150 Infanteriesoldaten, unterstützt von zwei leichten Panzerfahrzeugen und einem Minenräumteam.
  • Zivilisten: Etwa 500 Zivilisten sind noch anwesend, wobei einige Gebäude Familien, provisorische Spitäler und Flüchtlinge beherbergen.
  • Ressourcen: Begrenzte Munition. Artillerieunterstützung verfügbar.
  • Logistische Einschränkungen: Hauptstrassen sind vermint oder durch Trümmer blockiert, was die Versorgung und den schnellen Truppentransport erschwert.

Zusätzliche Überlegungen

  • Einsatzregeln und Ethik: Beachtung der Einsatzregeln, die absichtliche Angriffe auf Zivilisten oder zivile Infrastrukturen verbieten, und ständige Bewertung der Entscheidungen im Hinblick auf ethische und humanitäre Überlegungen.
  • Langfristige Konsequenzen: Die Entscheidungen werden nicht nur die unmittelbare taktische Situation beeinflussen, sondern auch die Beziehungen zur lokalen Bevölkerung, die internationale Wahrnehmung und die globale strategische Dynamik.

Entscheidungsoptionen

Option A: Schneller Frontalangriff

Starten Sie einen sofortigen Frontalangriff mit allen verfügbaren Kräften, indem Sie die Panzerfahrzeuge nutzen, um die gegnerischen Verteidigungen zu durchbrechen. Die Minenräumer entsenden Teams, um die Hauptstrassen unter Feuerschutz zu räumen.
Vorteile: Der schnelle Angriff könnte den Gegner überraschen und es ermöglichen, den Stadtteil schnell zu sichern, wodurch die Exposition gegen gegnerisches Feuer begrenzt wird.
Nachteile: Hohes Verlustrisiko für Truppen und Zivilisten. Potenzielle massive Zerstörung von Infrastrukturen aufgrund intensiver Kämpfe. Nicht neutralisierte Sprengfallen könnten zusätzliche Verluste verursachen.
Mögliche Konsequenzen: Schnelle Eroberung des Stadtteils, aber mit erheblichen zivilen und militärischen Verlusten sowie erheblichen Schäden an Infrastrukturen. Möglichkeit, Hass unter den Zivilisten zu erzeugen, was zu erhöhtem Widerstand oder Verlust der Unterstützung der Bevölkerung führen könnte.

Option B: Gezielte Artillerieangriffe

Sie nutzen gezielte Artillerieangriffe, um bekannte gegnerische Stellungen zu neutralisieren und die Hauptansatzgebiete zu räumen, bevor Sie einen Bodenvorstoss lancieren.
Vorteile: Reduziert das Risiko für die Bodentruppen. Kann den Gegner desorganisieren und Schlüsselpositionen ohne direkte Beteiligung der Bodentruppen eliminieren.
Nachteile: Hohes Verlustrisiko für Zivilisten, wenn der Gegner menschliche Schutzschilde nutzt. Potenzielle Zerstörung kritischer Gebäude wie Spitäler oder Schulen. Risiko, die Mobilität der Truppen zu verringern, wenn Trümmer die Strassen blockieren.
Mögliche Konsequenzen: Anfängliche Neutralisierung der gegnerischen Verteidigungsstellungen, aber potenziell verstärkter Hass der Zivilisten gegen unsere Kräfte, was zu politischen Spannungen und humanitären Komplikationen führen könnte.

Option C: Diskreter Ansatz und Infiltration

Nutzen Sie einzelne Formationen, um den Stadtteil zu infiltrieren, gegnerische Stellungen zu identifizieren und gezielte Angriffe mit kleinen Elementen durchzuführen, um zivile Verluste und Schäden zu minimieren.
Vorteile: Minimierung der zivilen Verluste und der Schäden an Infrastrukturen. Möglichkeit, gegnerische Kämpfer gefangenzunehmen und wertvolle Informationen zu sammeln.
Nachteile: Langsames Vorgehen, das dem Gegner Zeit gibt, sich zu verstärken oder Zivilisten als Geiseln zu nehmen. Erhöhtes Risiko für kleine Trupps im Falle einer Entdeckung durch den Gegner.
Mögliche Konsequenzen: Allmähliche Eroberung des Stadtteils mit begrenzten Verlusten, aber Risiko einer Verlängerung der Operation und einer Eskalation der Situation, was den Stadtteil langfristig schwieriger zu kontrollieren macht.

Fragestellung

  • Analysieren Sie die drei Optionen und wählen Sie dann eine davon, indem Sie diese rechtfertigen.

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #19

Dieses Decision Game war in gewisser Weise ungewöhnlich: Die Aufgabenstellung blieb generisch, weder der Auftrag war präzise formuliert noch die taktische Lage im Detail bekannt. Doch gerade diese Ungewissheit entspricht oft der Realität militärischer Führung – Entscheidungen müssen unter Zeitdruck und mit lückenhaften Informationen gefällt werden. Deshalb konnten die drei vorgelegten Optionen dennoch gut beurteilt werden.

Option A – Frontalangriff wurde von allen Einsendungen verworfen. Ein solcher Ansatz erschien im urbanen Gelände gegen einen vorbereiteten, zahlenmässig überlegenen Gegner als selbstmörderisch, mit hohem Risiko für Truppe, Zivilbevölkerung und Infrastruktur.

Option B – Artillerieeinsatz wurde nur von einer Einsendung als primäres Vorgehen erwogen. Zwar könnte so die eigene Truppe geschützt werden, doch das Risiko massiver ziviler Verluste und die politisch wie ethisch fragliche Tragbarkeit wurden wiederholt als entscheidende Gegenargumente genannt.

Option C – Infiltration erwies sich schliesslich als die überzeugendste Wahl. Vier von fünf Einsendungen sprachen sich dafür aus – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten: von einem methodischen «Bite and Hold», bis zu einem vorsichtigen, etappenweisen Vorgehen mit klarer Beachtung der Zivilbevölkerung.

Auffällig war, dass alle Beiträge eine gute bis sehr gute analytische Tiefe aufwiesen: Die Einsender berücksichtigten taktische, ethische und politisch-strategische Dimensionen – ein erfreuliches Zeichen für das Niveau der Auseinandersetzung.

Besonders herausgestochen ist jedoch die Lösung von Oberleutnant Damien Bordier. Seine Empfehlung lautete: das eine tun, ohne das andere zu lassen. Er hat sich der Aufgabenstellung nicht entzogen, sondern sich klar für Option C entschieden – allerdings mit Ergänzungen aus A und B. Mit dem Einbezug von A folgte er dem taktischen Grundsatz des «offenen und diskreten Vorgehens» (Taktische Führung 17, Ziff. 5069), der die Sicherheit einer Aktion erhöht. Mit dem gezielten Einsatz von B wiederum berücksichtigte er den Grundsatz «Feuer und Bewegung» (Ziff. 5057–5059), der im Angriff den Schlüssel zum Erfolg darstellt.

Wir gratulieren Oblt Damien Bordier herzlich und wünschen viel Freude bei der Lektüre von Urban Warfare in the 21st Century von Anthony King.

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Leader's Digest Leader's Digest #19 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #18

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr Florian Demont, Militärethiker in der Dozentur Führung und Kommunikation der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #18

Szenario

(basierend auf wahren Begebenheiten)

Sie sind unbewaffneter UNO-Militärbeobachter im Range eines Hauptmanns und im Rahmen der Schweizerischen militärischen Friedensförderung an die United Nation Truce Supervision Organisation (UNTSO) im Nahen Osten abgeordnet. Ihre Aufgabe besteht darin, die Waffenruhe zwischen Israel und Syrien in der entmilitarisierten Zone (Area of Separation – AoS) in den Golanhöhen zu beobachten. Dazu sind sie auf einem der fix installierten Beobachtungsposten auf der syrischen Seite der AoS positioniert. In ihrem Einsatzraum befinden sich nebst zehn weiteren UNTSO-Beobachtungsposten und Patrouillen, auch noch die United Nation Disengagement Observer Force (UNDOF) mit zwei Infanterie- und einem Logistik-Bataillon.

Seit einiger Zeit wütet in Syrien ein Bürgerkrieg. Die Machtverhältnisse in den Golanhöhen sind dynamisch und in verschieden Ortschaften und Landstrichen in der AoS wechselt wöchentlich die Kontrolle zwischen Regierungskräften und oppositionellen Gruppierungen. Letztere lassen sich oftmals bis auf die Waffen nicht oder nur schlecht von der lokalen Bevölkerung unterscheiden. Durch den Konflikt sind nun permanent leichte und schwere Waffensysteme im Einsatz in der AoS, was das Abkommen zwischen Syrien und Israel gefährdet. Israel beobachtet die AoS eng von ihren eigenen Beobachtungsposten aus und jeder «spill-over» wird mit Luftangriffen auf Syrische Positionen beantwortet. Letzte Nacht kam es wieder zu starken Gefechten in der Nähe ihres Beobachtungspostens, auf dem Sie zu zweit mit einem Offizier eines anderen Landes stationiert sind. Im Morgengrauen hören sie Hilferufe ausserhalb des Tores ihres Postens. Mit einem Blick durch die Sprechklappe sehen sie zwei Männer in ziviler Kleidung, wobei einer ein Gewehr des Typ Kalaschnikow bei sich hat. Beide scheinen verletzt zu sein. In gebrochenem Englisch und Arabisch geben die Männer zu verstehen, dass sie dringend medizinische Versorgung benötigen.

Fragestellung

  • Ihr UNO-Mandat verpflichtet sie zur Neutralität und Unparteilichkeit. Was tun Sie in dieser Situation?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #18

Ein Plädoyer für analytische Tiefe und humanitären Pragmatismus

Das Szenario der beiden verletzten Männer vor dem UN-Posten hat die Teilnehmer vor eines der schwierigsten normativen Probleme gestellt, mit denen Militärpersonal in Friedensförderungseinsätzen konfrontiert werden kann: die Kollision zwischen dem humanitären Imperativ, dem strengen Mandat und der Notwendigkeit der Eigensicherung. Die eingegangenen Antworten haben die ganze Bandbreite möglicher Reaktionen aufgezeigt, von strikter Nicht-Einmischung bis hin zu hochriskanten Interventionen.

Nach sorgfältiger Prüfung aller Einsendungen freue ich mich, Hptm Nicolas Muzzetto zum Gewinner dieses Decision Games zu küren. Sein Lösungsvorschlag besticht durch eine ausserordentliche analytische Tiefe, die direkt in einen ebenso pragmatischen wie professionellen Handlungsplan mündet.

Was den Ansatz von Hptm Muzzetto auszeichnet

Viele Einsendungen haben korrekte Handlungspläne skizziert. Doch Hptm Muzzetto geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er liefert nicht nur eine Lösung, sondern eine Herleitung mit Tiefgang. Er beginnt damit, das Dilemma in seiner ganzen Komplexität zu «kartographieren» (sein eigenes Wort: cartographiée). Er identifiziert präzise die Spannungsfelder, die in dieser Situation wirken:

  1. Der persönliche Konflikt: Die eigene «moralische Kompassnadel» (boussole morale) und die humanistischen Werte, die zur Hilfe drängen.
  2. Der professionelle Konflikt: Die Loyalität gegenüber dem Auftrag, der Armee und dem Land, die eine Gefährdung der Mission verbietet.
  3. Der rechtliche Konflikt: Das Mandat der Neutralität und Unparteilichkeit gegenüber der allgemeinen Pflicht zur Hilfeleistung.

Diese tiefgründige Analyse ist der Grundstein seiner Lösung und hebt sie von anderen ab. Während einige Vorschläge sich auf eine prozedurale Checkliste konzentrierten, hat Hptm Muzzetto den Kern des ethischen Problems freigelegt. Er erkennt, dass eine gute Entscheidung hier nicht nur Regeln befolgen, sondern konkurrierende Werte abwägen muss.

Vom Denken zum Handeln: Die überlegene Lösung

Aus dieser klaren Analyse leitet er einen Handlungsplan ab, der in seiner Ausgewogenheit heraussticht. Seine Entscheidung, dass das Öffnen der Tür ein absolutes «NO GO» ist, wahrt den fundamentalen Grundsatz der Eigensicherung. Doch anstatt in Passivität zu verfallen, schlägt er ein aktives, kontrolliertes und humanitäres Vorgehen vor:

  • Verhandeln aus gesicherter Position: Die Bedingung, dass die Waffen niedergelegt und neutralisiert werden müssen.
  • Kalkulierte Hilfeleistung: Das Reichen eines Erste-Hilfe-Kits durch eine Öffnung, ohne die physische Integrität des Postens zu kompromittieren.
  • Professionelle Eskalation: Die gleichzeitige Alarmierung der UNDOF, um die Situation an die dafür zuständige und ausgerüstete Stelle zu übergeben.

Dieser Ansatz gewinnt, weil er das Beste aus verschiedenen Perspektiven vereint: Er ist menschlich, ohne naiv zu sein; er ist sicherheitsbewusst, ohne zynisch zu werden; und er ist mandatskonform, ohne die humanitäre Verantwortung zu ignorieren. Er vermeidet die Fehler anderer Vorschläge – sei es die gefährliche Mandatsüberschreitung, die Männer als Kriegsgefangene zu behandeln, oder die moralisch unbefriedigende Haltung, nur passiv auf Anweisungen zu warten.

Hptm Muzzetto zeigt, dass in der Militärethik die beste Handlung manchmal aus der tiefsten Analyse erwächst. Wir gratulieren ihm zu dieser Leistung und wünschen ihm eine spannende Lektüre von «My War Gone By, I Miss It So» von Anthony Loyd.

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Leader's Digest Leader's Digest #18 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #17

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberstlt i Gst Patrick Hofstetter, Dozent für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #17

Szenario

Gegner

Bei der Annäherung an Checkpoint 37 hatten Sie (1) Kontakt mit einem gegnerischen Beobachtungsposten, der sofort in nordwestlicher Richtung flüchtete.

Kurz nach dieser Begegnung wird klar, dass der Grossteil Ihres Bataillons östlich von Ihnen (2) in den Kampf verwickelt ist und in seinem Vormarsch auf NARROW PASS gestoppt wurde. Von Ihrer Position aus können Sie mehrere gegnerische Maschinengewehrstellungen im Nordosten beobachten. Die Übertragungen auf dem Bataillons-Führungsnetz sind jedoch unklar und erlauben Ihnen keine vollständige Information über den Gegner. Sie gehen jedoch davon aus, dass sich das Hauptgefecht in Richtung der Brücke über den Fluss abspielt.

In Ihrem Sektor haben Sie keine weiteren gegnerischen Kontakte.

Eigene Mittel

Sie sind der Zugführer des 1. Zuges, 1. Kompanie des 3. Marineinfanterie-Bataillons. (1) Zusätzlich zu Ihren 3 Infanteriegruppen haben Sie 2 Maschinengewehrgruppen und 3 Panzerabwehr-Lenkwaffengruppen von der Unterstützungskompanie des Bataillons erhalten.

Auftrag

Ihr Bataillon soll die gegnerischen Streitkräfte in SANCTUARY PLAIN, der Ebene vor SANCTUARY CITY vernichten und hat bereits eine Kompanie per Hubschrauber dorthin gebracht. Da diese Kompanie eingeschlossen wurde, hat das Bataillon beschlossen, einen Entlastungsstoss zu starten, indem es den Durchgang durch die Ebene erzwingt.

In diesem Rahmen hat Ihr Zug den Auftrag erhalten, dem Vorstoss des Bataillons über einen schmalen Fussweg zu folgen, um dessen Flanke zu schützen.

Da das Bataillon bereits im Einsatz ist, hat sich die Situation möglicherweise geändert und erfordert eine Anpassung Ihrer Pläne. Der Funkverkehr lässt Sie vermuten, dass das Bataillon versuchen wird, den Gegner von rechts zu umschliessen.

Umwelt

Es ist 2015 und die Nacht ist hereingebrochen. Der Himmel ist klar und es ist eine Vollmondnacht. Das Gelände südlich von SANCTUARY RIDGE ist uneben und wenig erschlossen, mit dichter Vegetation und einem ausgeprägten Relief. Der Graben, den Sie gerade durchquert haben, ist trocken und steinig, etwa 1,20 m tief und 20 m breit.

Zeitverhältnisse

Beachten Sie die Grafik unten. Sie haben 10 Minuten Zeit, um die Situation zu analysieren und einen 5-Punkte-Befehl zu entwickeln, der den Einsatz Ihrer Unterstützungswaffen und eine Skizze der Stellungen, die Sie einnehmen werden, beinhaltet. Bereiten Sie auch die Kommunikation vor, mit der Sie sich mit der vorgesetzten Stufe austauschen wollen.

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #17

Auf das Tactical Decision Game #17 aus dem Juni-Newsletter haben uns 5 gut ausgearbeitete Lösungen erreicht, was uns sehr freut. Es zeigt, dass letztlich auch eine nicht allzu komplexe Situation eine gute Gelegenheit darstellt, Handlungssicherheit (Command) und Verfahrenssicherheit (Management) zu trainieren.

Ein solches Verfahren ist das (2008 im Rahmen einer Übung der Infanterie-Offiziersschule spontan erfundene) Meldeschema OBAMA, das sich auffällig ausbreitet: 3 von 5 Lösungen haben die geforderte Meldung an die vorgesetzte Stufe nach dem Schema «Opposing Forces – Blue Forces – Auftragserfüllung (ja/nein/wie lange noch) – Massnahmen – Anträge» formuliert. Verfahren fördern Klarheit und Einfachheit, damit wir unsere kognitive Aufmerksamkeit dem relevanten Inhalt, nämlich unserem Handeln widmen können.

In Sachen Inhalt teilen sich die fünf Einsendungen die grundlegende Erkenntnis: der Hauptauftrag des Zuges, namentlich den westlichen Flankenschutz des Bataillons sicherzustellen, gilt nach wie vor. Command erschliesst sich jedoch nicht nur in der optimalen Auftragserfüllung, sondern in der Chancennutzung, die über den Auftrag hinaus gehen kann – insbesondere, wenn sich die Lage verändert hat. Dies ist der Fall, befindet sich doch der Rest unseres Bataillons im Kampf. Aus der eigenen Position können wir damit unsere vorgesetzte Stufe wirkungsvoll entlasten, indem wir die erkannten Maschinengewehr-Stellungen des Gegners und weitere Elemente seines Stosses über Narrow Pass flankierend angreifen.

Dabei bleibt der ursprüngliche Auftrag jedoch bestehen. Wie von mehreren Einsendungen explizit erwähnt wird, deutet gerade das sich zurückziehende gegnerische Aufklärungselement darauf hin, dass der Gegner nach wie vor über den Western Narrow Pass stossen könnte – und wir sind die einzigen Kräfte, die das verhindern können.

Daraus ergibt sich das eigentliche Dilemma: wie viele Kräfte belasse ich für meinen ursprünglichen Auftrag und wie viele Kräfte setze ich für die Chancennutzung ein? Nachgeordnet steht auch der Entscheid an, auf welcher Höhe diese Chancennutzung erfolgen soll: in der Tiefe, entlang des Sanctuary Ridge auf den Narrow Pass hin, näher am Graben, auf die gegnerischen Maschinengewehr-Stellungen ausgerichtet oder gar im Graben selbst in den Raum der Brücke hinein?

Von den fünf Lösungen nehmen drei eine eher konservative Lösung sein, das heisst, sie halten und sichern primär den westlichen Raum, klären im Vorgelände auf und halten sich mit 1 oder 2 Gruppen für einen flankierenden Angriff bereit. Zur Erinnerung bzw. Erklärung für taktisch weniger geschulte Leser: eine Handlung «bereitzuhalten» heisst, diese vorzubereiten, aber noch nicht auszulösen. Dies erfolgt typischerweise auf Befehl des Vorgesetzten, kann aber auch selbständig oder auf ein vereinbartes Ereignis hin erfolgen.

Zwei Lösungen sehen ein proaktives Vorgehen vor, davon eine mit rascher Schwergewichtsbildung und höherem Risiko (nur 1 Infanterie-Gruppe und 1 Maschinengewehr-Trupp für den originären Auftrag, den Rest von Beginn weg für den flankierenden Angriff), und eine mit zeitlicher Staffelung (zunächst mit dem Gros die Anhöhe westliche Sanctuary Ridge nehmen und abriegeln, danach mit dem Gros den flankierenden Gegenangriff lancieren). Da gemäss Beschrieb die beiden Maschinengewehrstellungen von unserer Position aus sichtbar sind und zudem ein rasches Flankieren den Überraschungseffekt massiv verstärken dürfte, würde ich mich persönlich für die rasche Schwergewichtsbildung mit höherem Risiko aussprechen.

Diese Lösung ist auch in der Abbildung dargestellt. Sie stammt von Wm Lucien Stoessel – wir gratulieren zum Sieg und wünschen viel Spass bei der Lektüre von «Organizational Culture and Leadership» von Edgar H. Schein.

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Leader's Digest Leader's Digest #17 Newsletter

Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #16

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Dozent für Militärethik an der Militärakademie an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #16

Szenario

Sie sitzen als abverdienender Kompaniekommandant in Ihrem Büro und arbeiten konzentriert an einem Übungskonzept, als das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich Ihr Vorgesetzter. Die Mutter eines Rekruten hat ihn kontaktiert und berichtet von Zuständen in der Kompanie, die sie als alarmierend erachtet. Ihr Sohn klagte über einen Unteroffizier, der die Rekruten während der Zimmerkontrolle bis zu einer halben Stunde in der Achtungsstellung verharren liess und Material durch die Kaserne warf. Der Rekrut leidet unter Schlafmangel und entwickelt Angstzustände.

Da Sie sich in der zweiten Woche der Rekrutenschule noch nicht alle Gesichter und Namen merken konnten, lassen Sie den betroffenen Rekruten in Ihr Büro rufen. Dieser bestätigt nicht nur die Aussagen seiner Mutter, sondern ergänzt sie um weitere Details. Bereits mehrfach seien Rekruten seines Zuges nach dem Lichterlöschen geweckt worden, um in Sportbekleidung um die Kaserne zu rennen. «Bestrafungen» dieser Art basierten angeblich auf Fehlverhalten wie mangelnder Schuhpflege, Unordnung in den Zimmern oder Verspätungen bei der Ausbildung.

Beim folgenden Kompanierapport bringen Sie das Thema zur Sprache und müssen feststellen, dass die Zugführer keinerlei Kenntnis von den Vorgängen haben. Eine mögliche Ursache ist schnell gefunden: Das höhere Kader ist nicht am gleichen Ort wie die Rekruten und Unteroffiziere untergebracht, was eine unmittelbare Kontrolle erschwert. Um den Vorfall umfassend aufzuarbeiten, ordnen Sie an, dass jeder Rekrut des betroffenen Zuges schriftlich Stellung nehmen soll. Parallel dazu befragen Sie mündlich die Unteroffiziere des Zuges, um deren Sicht der Dinge zu erfahren. Dabei kristallisiert sich rasch heraus, dass Wachtmeister Huber treibende Kraft hinter diesen Massnahmen ist. Seine charismatische Art hat zudem dazu geführt, dass andere Unteroffiziere ihm folgen und ähnliche Praktiken übernehmen.

Die schriftlichen Aussagen der Rekruten fallen jedoch ambivalent aus: Während einige Wachtmeister Huber direkt beschuldigen, verteidigt ihn eine Mehrheit indirekt. Viele befürworten die Massnahmen grundsätzlich und betrachten sie als berechtigte Konsequenzen für mangelnde Disziplin. Die Einhaltung von Ordnung und Sauberkeit sei schliesslich eine zentrale militärische Tugend und letztlich Teil der Ausbildung.

Um die Situation weiter zu ergründen, lassen Sie auch Wachtmeister Huber schriftlich Stellung nehmen. In seinem Bericht zitiert er das Dienstreglement und argumentiert, dass seine Massnahmen der Erziehung zum Soldaten, der Durchsetzung von Ordnung, der Förderung der Kameradschaft sowie dem nachhaltigen Aufbau von Respekt gegenüber den Vorgesetzten dienten. Er betrachtet sein Vorgehen als notwendige Härte, um den Rekruten Disziplin beizubringen, und verweist darauf, dass ähnliche Methoden auch in anderen Zügen Anwendung finden.

Tatsächlich ergibt eine weitere Untersuchung, dass ähnliche Praktiken in anderen Zügen existieren. Doch anders als in dem betroffenen Zug werden sie dort nicht negativ wahrgenommen. Vielmehr empfinden viele Rekruten sie als Teil der militärischen Erziehung und Ausbildung.

Ihr Vorgesetzter ordnet dennoch an, ein Disziplinarstrafverfahren gegen Wachtmeister Huber zu eröffnen, um den Fall offiziell zu untersuchen. Bei der Durchsicht der gesetzlichen Grundlagen und in Rücksprache mit einem Ihnen bekannten militärischen Untersuchungsrichter wird jedoch klar, dass es schwierig sein wird, eine wasserdichte juristische Grundlage für eine Verurteilung zu finden. Die Abgrenzung zwischen strenger militärischer Führung und unzulässiger Schikane ist komplex, insbesondere weil viele Rekruten die Massnahmen verteidigen.

Sie sind hin- und hergerissen. Mehrere Abgänge aus ihrer Kompanie haben Sie bereits gehabt, die möglicherweise auf den harten Umgang zurückzuführen sind, und noch stehen sechzehn Wochen Rekrutenschule bevor. Gleichzeitig anerkennen Sie die konsequente Dynamik im Unteroffizierskorps – das gegenteilige Problem hatte ihnen als Zugführer weitaus grössere Probleme bereitet. Es ist keine leichte Aufgabe, die militärische Härte mit der Fürsorgepflicht in Einklang zu bringen – Sie wollen die Rekruten zur Verteidigungsfähigkeit führen, erziehen und ausbilden, aber auch Schikane und Missbrauch verhindern und disziplinarische Führungsfehler konsequent ahnden. Zudem gilt es, das Vorgehen gegenüber Rekruten, Kadern, Vorgesetzten und Aussenstehenden zu erklären.

Fragestellung

  • Welche Sofortmassnahmen ergreifen Sie?
  • Wie bringen Sie Härte und Fürsorgepflicht in Einklang?
  • Was wollen Sie tun, um die Situation bis Ende der Rekrutenschule zu verbessern?
  • Was kommunizieren Sie wem?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #16

Das vorgelegte Szenario konfrontiert einen Kompaniekommandanten mit einer komplexen Führungssituation: Ein Rekrut beklagt sich über Schikanen durch einen Unteroffizier, Wachtmeister Huber, der für sein hartes Vorgehen bekannt ist, aber auch von vielen Kameraden und einigen Rekruten für seine Konsequenz geschätzt wird. Die Vorfälle reichen von langen Achtungsstellungen bis hin zu nächtlichen «Strafübungen». Gleichzeitig gibt es Hinweise auf systemische Probleme, da ähnliche Praktiken auch in anderen Zügen existieren und die Zugführer offenbar unzureichend informiert oder involviert sind. Der Vorgesetzte des Kompaniekommandanten hat bereits die Eröffnung eines Disziplinarstrafverfahrens gegen Wachtmeister Huber angeordnet, obwohl die juristische Grundlage dafür als schwierig eingeschätzt wird. Der Kompaniekommandant muss nun Sofortmassnahmen ergreifen, eine Balance zwischen notwendiger militärischer Härte und Fürsorgepflicht finden, die Situation langfristig verbessern und seine Entscheidungen verschiedenen Anspruchsgruppen kommunizieren.

Wir präsentieren hier nicht ein Kondensat aller Eingaben, sondern präsentieren den Lösungsvorschlag von Lt Ralph Meier und heben dabei hervor, weshalb sie die Auszeichnung des Monats Mai verdient.

Lt Meier legt eine detailliert ausgearbeitete Antwort vor, die sich durch eine klare Struktur und eine tiefgehende Analyse der Problematik auszeichnet. Seine Lagebeurteilung identifiziert präzise die Kernprobleme: ein Führungs- und Kontrolldefizit, die ambivalente Wahrnehmung der Massnahmen durch die Rekruten, die rechtliche Grauzone, das systemische Ausmass der Praktiken und die Gefahr weiterer Abgänge aus der Kompanie.

Als Sofortmassnahmen schlägt Lt Meier ein Bündel von Interventionen vor:

  • Eine sofortige Kaderbesprechung zur Klärung von Regeln und Grenzen (was ist erlaubt, was nicht?).
  • Die temporäre Anwesenheitspflicht von Zugführern bei Zimmerkontrollen und die Prüfung einer Aufhebung der räumlichen Trennung zwischen höherem Kader und der Truppe.
  • Ein niederschwelliges Gesprächsangebot für Rekruten, um Probleme frühzeitig ansprechen zu können.
  • Die Aussetzung aller fragwürdigen «Erziehungsmassnahmen» bis zur Klärung.

Um die Balance zwischen Härte und Fürsorgepflicht herzustellen, plant Lt Meier:

  • Die Erarbeitung klarer Kriterien für angemessene Härte gemeinsam mit den Zugführern.
  • Die Institutionalisierung von Reflexionsrunden mit den Unteroffizieren, um kritische Situationen zu besprechen und den Sinn von Erziehungsmassnahmen zu betonen.
  • Die Entwicklung eines internen Ausbildungsmoduls für Unteroffiziere.
  • Die Einführung von positiver Verstärkung und anonymisierten Befragungen der Rekruten.

Für die langfristige Verbesserung der Situation bis zum Ende der Rekrutenschule sieht sein Plan vor:

  • Die Einrichtung eines Mentorensystems für Unteroffiziere.
  • Regelmässige Kaderschulungen zu Führungsthemen.
  • Die Überarbeitung der Kontrollmechanismen, um eine regelmässige, auch unangekündigte Präsenz des höheren Kaders sicherzustellen.
  • Teambuilding-Massnahmen und eine konsequente Dokumentation und Evaluation aller Vorfälle und Massnahmen.

Seine Kommunikationsstrategie ist differenziert und adressiert alle relevanten Gruppen: die Rekruten, die Kader, seinen Vorgesetzten und sogar die Eltern des betroffenen Rekruten (nach dessen Zustimmung).

Besonders gelungen ist der detaillierte Plan zum Umgang mit Wachtmeister Huber. Lt Meier schlägt hier ein Einzelgespräch vor, um dessen Motive zu verstehen, aber auch klare Grenzen zu setzen. Er will Hubers Führungsstärke und Charisma positiv nutzen, ihn aber gleichzeitig kontrollieren und ihm sowohl Konsequenzen bei weiteren Verstössen als auch Perspektiven bei positiver Entwicklung aufzeigen.

Ein weiterer herausragender Punkt ist die proaktive Auseinandersetzung mit der Anweisung seines Vorgesetzten bezüglich des Disziplinarstrafverfahrens. Lt Meier argumentiert fundiert, warum er ein sofortiges Verfahren gegen Huber für unverhältnismässig und kontraproduktiv hält. Er plädiert für ein Überdenken dieser Anweisung und schlägt stattdessen eine formelle mündliche Verwarnung und enge Begleitung Hubers vor, betont aber seine Bereitschaft zu einem Disziplinarverfahren bei weiteren Verstössen. Er besteht hier auf seinem Beurteilungsspielraum als Kompaniekommandant im Rahmen der Auftragstaktik.

Die Stärken der Antwort von Lt Meier sind zahlreich:

  • Umfassend und detailliert: Die Antwort deckt nahezu alle Aspekte der komplexen Problematik ab und bietet eine Fülle von konkreten, durchdachten Massnahmen.
  • Systemischer Ansatz: Lt Meier erkennt, dass es sich nicht nur um ein Einzelproblem mit Wachtmeister Huber handelt, sondern um systemische Schwächen in Führung, Kontrolle und Kultur. Seine Lösungen zielen daher auf nachhaltige Veränderungen ab.
  • Ausgewogenheit: Er versucht, eine Balance zwischen notwendiger Konsequenz und der Anerkennung positiver Aspekte (z.B. Engagement von Huber, Dynamik im UO-Korps) zu finden.
  • Führungshaltung: Lt Meier zeigt eine klare und verantwortungsbewusste Führungshaltung, insbesondere im Umgang mit seinem Vorgesetzten, wo er seinen Standpunkt mutig und gut begründet vertritt.
  • Praxisnähe: Viele Vorschläge sind sehr praxisnah und zeugen von einem guten Verständnis für die Realitäten des Dienstalltags (z.B. anonymisierte Befragungen, Mentorensystem, Reflexionsrunden).
  • Starke Selbstreflexion: Das abschliessende Fazit mit persönlichen «Learnings» zeigt eine hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion und zum kontinuierlichen Lernen als Führungskraft.

Mögliche Schwächen:

  • Ressourcenintensität: Einige der vorgeschlagenen Massnahmen dürften ressourcenintensiv sein. Dies ist jedoch eher eine Herausforderung der Implementierung als der Konzeption.
  • Analyse vergangener Kommunikationsfehler: Während die Kommunikationsstrategie für die Zukunft sehr gut ist, könnte die explizite Analyse, warum die Kommunikation in der Vergangenheit versagt hat, pointierter sein – was auch der Begründung helfen könnte.

Schlussfolgerung

Die Antwort von Lt Ralph Meier stellt eine überzeugende Bearbeitung des komplexen Führungsszenarios dar. Sie zeichnet sich durch eine tiefgehende Analyse, eine klare Ausrichtung, eine Vielzahl konkreter und praxisnaher Massnahmen sowie eine gute Führungshaltung aus. Wie er die verschiedenen Facetten des Problems adressiert und miteinander verknüpft, ist vorbildlich.

Aus diesen Gründen wird die Antwort von Lt Ralph Meier als die beste der eingetroffenen Einsendungen gewürdigt. Sie bietet nicht nur eine Lösung für das spezifische Problem, sondern vermittelt darüber hinaus wertvolle Einblicke in eine moderne, reflektierte und verantwortungsbewusste militärische Führung. Wir gratulieren zu einem Exemplar von «Führung und das 3 Alpha Prinzip» von von Hans-Christian Witthauer und Thomas Saller.

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Decision Game und Handlungsempfehlungen aus Leader’s Digest #15

Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Oberstlt Patrick Hofstetter, Dozent für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.

Decision Game aus Leader’s Digest #15

Szenario

Die Lage in der Region verschlechtert sich nun schon seit einigen Wochen. Vor zwei Wochen haben die paramilitärischen Kräfte des Gegners mehrere Dörfer entlang der Schweizer Grenze unter ihre Kontrolle gebracht und zwei schwere Divisionen verstreut in Entfernung zu unserer Artillerie (>20km) positioniert. Der Druck ist spürbar. Die erste Staffel der für den Aktivdienst zur Verfügung gestellten Kräfte (Task Force JOMINI), die seit zwei Monaten mobilisiert sind, trat vor vier Tagen in Aktion und durchkämmte die Grenze, um die paramilitärischen Kräfte von allen logistischen Verbindungen zum Ausland abzuschneiden.

Gegner

Ein halber Zug (<20 Personen) hat sich im Hauptdorf des Raums verschanzt. Er ist mit Infanterie- und Panzerabwehrwaffen bewaffnet und hatte in den letzten drei Tagen Zeit, seine Stellungen deutlich zu verstärken. Es scheint, dass der Gegner die Keller und das Kanalnetz entlang der Hauptstrassen ausnutzen kann. Es ist nicht möglich dieses Netz mit Artillerie zu zerstören. Des Weiteren hat der Gegner sehr wahrscheinlich die lange Vorbereitungszeit genutzt und die Gebäude dort, wo er uns aufzuhalten erhofft, mit Sprengfallen versehen und die Struktur der Gebäude, die er halten will, zusätzlich verstärkt.

Eigene Mittel

Die Kompanie ALFA gehört zu den Bataillonen der zweiten Staffel der für den Aktivdienst zur Verfügung gestellten Kräfte (Task Force JOMINI), die vor einem Monat mobilisiert wurden. Die Stimmung während des Dienstantritts war freundlich, da die Soldaten ihre Kameraden zum ersten Mal seit einem Jahr wiedersahen. Die Gemüter waren jedoch von der Ernsthaftigkeit der Situation geprägt. Ein Krieg, wirklich? Es fällt jedem noch immer schwer, daran zu glauben. Und obwohl niemand je einen Krieg erlebt hat, sieht es ganz danach aus. Der Aktivdienst wurde schliesslich tatsächlich angeordnet. Aufgrund der grossen Entfernungen zwischen den einzelnen Einsatzräumen, des Mangels an verfügbaren Kräften und der Notwendigkeit, grosse Truppenansammlungen zu vermeiden (Bedrohung durch Drohnen aus der Luft), erfolgt der Einsatz der Bataillone der zweiten Staffel dezentral. Die Kräfte der ersten Staffel sichern die Grenze und sind dabei, die nächsten Aktionen zu planen. Die FOXTROT-Kompanie hat die Zu- und Ausgänge des Dorfes in unserem Raum abgeriegelt. Die ALFA-Kompanie gehört zu den Elementen der zweiten Staffel, die zur Säuberung der gegnerischen Widerstandsnester bestimmt wurden. Die Kompanie hat ihre Ausbildung abgeschlossen und hält sich für die Planung ihres ersten Einsatzes bereit.

Auftrag

Sie sind Kompaniekommandant ALFA und haben soeben den Auftrag erhalten das Dorf in Ihrem Einsatzgebiet einzunehmen und zu säubern. Die Aktion muss in 72 Stunden abgeschlossen sein. Die ALFA-Kompanie muss sich für einen weiteren Einsatz in T+6 Tagen bereithalten. Die Angriffsrichtung können Sie dem Bataillonskommandanten im Rahmen des taktischen Dialogs beantragen.

Umwelt

Das Dorf besteht aus festen Bauten, wie sie in der Schweiz bekannt sind. Alle Gebäude sind bekannt, der Grad der Befestigung ist jedoch nicht bekannt. Die Zivilbevölkerung hat das Dorf grösstenteils verlassen, vereinzelte Elemente können sich noch im Dorf befinden. Die Flüchtlinge sind bereit, Ihnen Informationen über das Dorf zu geben.

Zeitverhältnisse

Die Mission muss spätestens in 72 Stunden erfüllt sein. Die Sofortmassnahmen müssen innerhalb von 30 Minuten eingeleitet werden und dann die Aktion mit den Zugführern geplant werden, der Zeitplan liegt in der Verantwortung des Kompaniekommandanten.

Fragestellung

  • Was sind die Sofortmassnahmen?
  • Was ist die allgemeine Absicht bei der Durchführung des Angriffs?
  • Wie bereite ich meine Kompanie auf den Einsatz vor?
  • Wie setze ich indirektes Feuer und EOD-Spezialisten ein?
  • Wie manövriere ich ober- und unterirdisch?

Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #15

Das letzte TDG hat durchaus den Charakter einer Schulbuchübung – mir ist zumindest keine Siedlung namens A-Dorf mit der gegebenen Ortsstruktur bekannt. Schulbuchübungen dienen häufig dazu, Grundsatzfragen zu diskutieren. Aus meiner Sicht bieten sich hier fünf Fragen an, die ich mit Blick auf die eingereichten drei Lösungsvarianten zu beantworten suche.

Die Einsatzgrundsätze (TF 17, Ziff 5008) können helfen, die Angriffsform zu bestimmen, das heisst hier zwischen linearem und konzentrischem Angriff auszuwählen. Alle drei eingereichten Lösungen gehen linear vor. Ich würde dem zustimmen. Insbesondere der Grundsatz der «Einfachheit» spricht dafür, aber auch das «Ausrichten auf das Ziel»: wir wollen nicht ein bestimmtes Gebäude unter Besitz bringen, auf das wir uns konzentrisch ausrichten oder mit dem Zweck der «Überraschung» von verschiedenen Seiten kommen. Unser Auftrag ist es, das ganze Dorf zu säubern.

Im Falle des linearen Angriffs stellt sich die Frage nach der Angriffsrichtung. Das Reglement sieht vor, dass über eine schmale Seite angegriffen wird, was dem Verteidiger das «Auflockern und Zusammenwirken der Mittel» erschwert und dem Angreifer das «Abriegeln und Teilen» erleichtert (TF 17, Ziff 5046). Hier sind die Lösungen uneinheitlich: einer greift von Süden an und schwenkt danach nach rechts, was ich als unkonventionell bezeichnen würde. Das muss in der Taktik kein Nachteil sein, sind es doch Vorgehensweisen, auf die ein Gegner sich kaum vorbereitet hat. Gleichzeitig dürfte aber die Koordination und insbesondere das Vermeiden von Friendly Fire anspruchsvoll sein. Eine Lösung greift von Nordosten an. Die gedeckte Annäherung im Schutz des Waldes scheint zwar attraktiv, aber ist dabei auch der Fluss zu überqueren, was ich persönlich vermeiden würde. Der dritte schliesslich greift entlang der Strasse von Osten an, mit je einem Zug südlich und nördlich der Strasse. Gewiss die einfachste und auch die schnellste Variante, die ich deshalb auch bevorzuge. Allerdings hätte ein Angriff von Westen die Verteidigung wohl noch mehr erschwert.

Im Umgang der Kanalisation sprechen alle Einsendungen davon, diese zu meiden. Nicht nur mit Blick auf Gaza scheint es auf der Hand zu liegen, dass hier der Verteidiger in einem krassen Vorteil steht. Zwei der drei Einsendungen schlagen jedoch vor, die Kanalisation zu fluten, etwa unter Einsatz der zivilen Feuerwehr. Dies scheint mir eine kreative Lösung, die den Gegner wirkungsvoll einschränken könnte. Technisch müsste die Machbarkeit wohl noch mit einem Feuerwehrkundigen besprochen werden, aber schon nur ein teilweise unter Wasser setzen dürfte den Gegner beeinträchtigen.

Der vorgeschlagene Einsatz der Unterstützungsmittel kann genutzt werden, um mit einem verbreiteten Missverständnis aufzuräumen. Eine Einsendung bemerkt, «Sobald aber der erste Zug im Dorf ist kann der Mindestabstand von 600m kaum mehr eingehalten werden». Dies ist klar zurückzuweisen; diese Sicherheitsabstände gelten für Gefechtsschiessen. Im Kriegsfall ist aber ein Einsatz des 8.1cm Mörserfeuer deutlich näher zur eigenen Truppe hinzunehmen; insbesondere, wenn diese splittergeschützt unterwegs ist. Hier gilt, dass so lange mit dem indirekten Bogenfeuer gewirkt werden soll, bis die 12.7mm Maschinengewehr direkt wirken können – getreu dem Grundsatz «das Feuer in das Angriffsziel darf niemals abreissen». Hier sollten wir dringend die Sicherheitsvorschriften für Friedenszeiten als solche erkennen und für taktische Entscheide realitätsnahe Referenzdistanzen in den Reglementen ausweisen.

Unter den weiteren Punkten, insbesondere den Sofortmassnahmen, wurden zahlreiche Vorschläge eingebracht. Erwähnenswert scheint mir etwa die Überlegung, Ortskundige im Vorfeld zu Rate zu ziehen, die Bevölkerung zur Flucht und den Gegner zur Aufgabe aufzurufen, Flüchtende (im Gegensatz zu Flüchtlingen bezeichnet das unsere eigene Bevölkerung) zu befragen, Baupläne auf Ämtern zu beschaffen.

Ich konnte jeder der drei Einsendungen positive Elemente entnehmen, doch keiner würde ich in allen Punkten zustimmen. Entscheidend ist für mich im Zweifelsfall der Grundentschluss und hier stimme bevorzuge ich den Ansatz von Hauptmann Robin Wehrle mit dem Stoss je eines Zuges nördlich und südlich der Strasse von Osten her. Wenn er nun noch – gerade als Feuerunterstützungsoffizier – der Unterschreitung der Sicherheitsregeln für Gefechtsschiessen in Kauf nimmt, kann ich ihm in jeder Hinsicht zustimmen. Vorher schon gratuliere ich ihm aber zum Gewinn des Buches «Combattre et Vaincre en Ville» von Frédéric Chamaud und Pierre Santoni.