Die Decision Games des Leader’s Digest sollen die Abonnentinnen und Abonnenten dieses Newsletters anregen, sich im Rahmen von Szenarien in die Rolle von Personen zu versetzen, die sich mit ethischen bzw. taktischen Herausforderungen konfrontiert sehen.
Zunächst wiederholen wir das letztmalig vorgestellte Szenario; im Anschluss würdigt Dr. Florian Demont, Militärethiker an der Dozentur für Führung und Kommunikation an der ETH Zürich, die diskussionswürdigste Handlungsempfehlung.
Decision Game aus Leader’s Digest #25
Inspiriert von eigenen Erlebnissen
Sie sind Offizier der Schweizer Armee mit Einsatzerfahrung im Ausland und wurden für ein Jahr nach Côte d’Ivoire entsandt. Sie sind gut bereist und können von sich behaupten, dass Sie sich in fremden Kulturkreisen sicher, freundlich und unaufgeregt bewegen können. Ihre berufliche Tätigkeit vor Ort findet an einem westafrikanischen Center für Frieden und Sicherheit statt. Sie dürfen sich im Land frei bewegen und geniessen zudem, durch Ihren Diplomatenstatus, einen gewissen Schutz. Nach ein paar Wochen im Land befinden Sie sich noch in der Angewöhnungsphase, aber Sie fühlen sich aufgrund der sehr freundlichen Menschen im Land sicher. Trotz allem helfen die diplomatischen Nummernschilder bei den täglich zu passierenden Checkpoints (ansonsten wird für eine Weiterfahrt oftmals illegal Geld verlangt). Korruption ist weitverbreitet und vonseiten der Botschaft gibt es bezüglich Rules of Behaviour (RoB; Verhaltensregeln) keine Vorgaben.
Sie entscheiden sich für eine Erkundungsreise im Gastland, um die Kultur und die lokalen Unterschiede im Land besser kennenzulernen. Sie bevorzugen, aufgrund der Einfachheit, der verkehrstechnischen Erreichbarkeit und der Flexibilität, mit dem persönlichen Fahrzeug zu reisen. Die vom EDA publizierten Reisebeschränkungen für kleine Teile des Landes haben Sie in Ihrer Reiseroute grosszügig berücksichtigt, sodass auch der Risikobeurteilung Rechnung getragen wird. Da Sie eng mit der Botschaft zusammenarbeiten, haben Sie diese im Sinne des «Blue Force Tracking» über die Reiseroute orientiert. Man war über die Reiseroute überrascht und etwas skeptisch. Ihre ivorianischen Arbeitskollegen am Center konnten Sie gut bezüglich Etappenzielen beraten, und einer von ihnen wird Sie auf der Erkundung sogar begleiten.
Aufgrund der wiederkehrenden Polizeikontrollen haben Sie sich mit Ihrem Kollegen (ziviler Mitarbeiter der ivorianischen Streitkräfte) öfter über das Verhalten von korrupten Beamten, Wertehaltung, Unbestechlichkeit und Vorbildwirkung unterhalten und dabei klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie aufgrund Ihrer Werte keine Bestechung oder Ähnliches tolerieren.
Als Sie nach einigen Reisetagen in eine im Norden gelegene, grössere Stadt einfahren, stellen sich Verkehrsführung und Navigation als Herausforderung dar. Das GPS funktioniert nicht zuverlässig und das Reiseziel kann nicht auf Anhieb angesteuert werden. Sie entscheiden sich Ihr Fahrzeug zu wenden um ins Zentrum der Stadt zu verschieben. Kurz nach Ihrem Wendemanöver stellen sich zwei vermutlich unbewaffnete, uniformierte Beamte vor Ihr Fahrzeug, und Sie werden an der Weiterfahrt gehindert. Die verbale Kommunikation ist streng, fordernd, laut und nervös. Sie haben noch Mühe, das nonverbale Verhalten der Lokalen korrekt einzuordnen. Sie überlegen sich, wie Sie vorgehen wollen, während sich die Ungeduld der Beamten sichtbar macht.
Besondere Anmerkungen:
- Sie sind beide nicht in Uniform. Der Kollege im Fahrzeug bleibt ruhig und äussert sich nur dahingehend, dass mit etwas Bargeld die Situation rasch behoben sei.
- Ihr Auto ist weiterhin blockiert, und es sind einige Männer in der Umgebung, die das Geschehen mitverfolgen.
- Sie haben das Fenster leicht geöffnet und versuchen zu erklären, dass Sie für die Schweizer Botschaft arbeiten und einen Diplomatenpass besitzen. Sie weisen auf das diplomatische Fahrzeugkennzeichen hin. Die Sicherheitsleute verstehen nicht, was Sie damit sagen wollen.
- Der Beamte will 300 USD als Bussgeld, oder der Vorgesetzte und weitere Beamte würden beigezogen. Die Gemüter scheinen sehr erhitzt.
Fragestellung
- Wie gehen Sie vor?
- Was sind Ihre Überlegungen bezüglich einer möglichen Eskalation?
- Wie stehen Sie zur illegalen Bestechung als weitverbreitetem, lokalem Verhalten?
Handlungsempfehlungen zum Decision Game aus Leader’s Digest #25
Das vorliegende Szenario an einer ivorianischen Strassensperre stellt eine Aufgabe dar, die einen anspruchsvollen Spagat erfordert: Die Wahrung der eigenen moralischen Integrität (Prinzipientreue/Anti-Korruption) bei gleichzeitiger Gewährleistung der physischen Sicherheit in einem volatilen, interkulturellen Umfeld.
Die Auswertung der Rekordzahl von 12 Einsendungen zeigt, dass weder ein blinder moralischer Relativismus noch ein starrer ethischer Rigorismus zielführend sind. Gefragt sind situative Sensibilität, deeskalierendes Handeln und eine präzise moralphilosophische Reflexion.
Platz 1: Hauptmann Steven Senn
Herausragende ethische und taktische Synthese
Die Einsendung von Hptm Senn wird als die beste Lösung bewertet (18/20 Punkte). Er meistert das moralische Dilemma durch eine brillante konzeptionelle Differenzierung und verbindet dies mit klugem taktischem Verhalten.
Begründung und Stärken:
- Exzellente moralphilosophische Präzision (Doppeleffekt): Hptm Senn löst das Dilemma um die «illegale Bestechung», indem er implizit die Lehre von der Doppelwirkung anwendet. Er trennt sprachlich und konzeptionell zwischen aktiver Bestechung (Geld zahlen, um sich proaktiv einen unrechtmässigen Vorteil zu erkaufen) und dem Zahlen eines Lösegelds (Zahlung unter Nötigung/Notstand, um einen unverhältnismässigen physischen Schaden abzuwenden). Durch diese Unterscheidung verrät er seine Prinzipien nicht, sondern passt sie der Realität einer Notwehrsituation an.
- Taktische Deeskalation («Bürokratie als Schutzschild»): Anstatt einfach zu verweigern, verlangt er über seinen Kollegen eine offizielle Quittung. Dies ist ein bewährtes, gewaltfreies Mittel, um illegale Forderungen abzuwehren, ohne die Beamten direkt der Korruption zu bezichtigen.
- Vorbildliche Führung und Delegation: Er nutzt seinen ivorianischen Kollegen aktiv als kulturellen Brückenbauer und Berater («Reality Check»), behält aber die klare Letztverantwortung für den moralischen Entscheid.
- Transparenz: Die Einordnung des Vorfalls als meldepflichtiges «Blue Force Tracking»-Ereignis stellt die institutionelle Integrität im Nachgang sicher.
Besondere Erwähnung: Hauptmann Raphael Iselin
Sehr gute Leistung durch laterales Denken
Hptm Iselin liefert den kreativsten und intellektuell fesselndsten Lösungsansatz des Teilnehmerfeldes (16/20 Punkte). Seine Einsendung besticht durch eine tiefe Selbstreflexion über die Rolle des Schweizer Offiziers.
Stärken des Ansatzes:
- Kreative Konflikttransformation: Hptm Iselin löst das Problem der Bestechung durch einen klugen interkulturellen Schachzug: Er schlägt vor, die korrupten Beamten spontan über den ivorianischen Kollegen als «Guides» anzuheuern, um den Weg ins Zentrum zu finden. Dadurch verwandelt er eine illegale Erpressung in ein legitimes Dienstleistungsgeschäft. Die Beamten erhalten ihr Geld und wahren ihr Gesicht vor den Zuschauern, während Iselin für eine tatsächliche Gegenleistung zahlt und seine Integrität wahrt.
- Tiefgehende Eskalationsanalyse: Er beweist ein hervorragendes Gespür für die Dynamik der Strasse und erkennt präzise, dass das primäre Ziel der Beamten nicht Gewalt, sondern Einschüchterung als «Geschäftsmodell» ist.
(Anmerkung: Einziger Wermutstropfen ist seine hohe persönliche Risikobereitschaft, bei der er physische Gewalt bis zur Schwelle von lebensbedrohlichen Verletzungen in Kauf nehmen würde, um seine Prinzipien zu wahren).
Problematische Lösungsansätze
Bei den übrigen Einsendungen offenbarten sich verschiedene ethische, taktische und interkulturelle Defizite, die in einer realen Einsatzumgebung zu kritischen Eskalationen oder zum Verlust der Führungsglaubwürdigkeit führen würden.
Die schwächeren Lösungsansätze lassen sich in folgende problematische Muster kategorisieren:
1. Moralisches Outsourcing & Führungsschwäche
Einige Lösungsansätze übergeben die Verhandlungsführung völlig unstrukturiert an den ivorianischen Kollegen, mit der impliziten Akzeptanz, dass dieser vermutlich Schmiergeld zahlen wird. Der Offizier wäscht seine Hände in Unschuld («Ich habe ja nicht bestochen»). Dies ist keine kulturelle Arbeitsteilung, sondern das Abschieben der moralischen Verantwortung an einen Untergebenen.
2. Dogmatische Paragraphenreiterei & Arroganz
Auffällig war die Tendenz, sich in einer ausländischen Strassensperre hinter dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zu verstecken oder aggressiv die Namen der Beamten zu fordern, um sie «aus der Anonymität zu zwingen». Dies verkennt die realen Machtverhältnisse, treibt die Beamten vor Publikum in die Enge und erzwingt einen Gesichtsverlust, der fast zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss.
3. Arrogante Konfrontation («Wartespiel»)
Ein anderes konfrontatives Vorgehen bestand darin, den Beamten zu drohen, sofort den Botschafter anzurufen, und ihnen vorzuwerfen, sie würden die «Gastfreundschaft ihres Landes beschmutzen». Gepaart mit der Ankündigung, man habe Zeit und könne das Ganze vor der zuschauenden Menge aussitzen, ist dies ein gefährliches Machtspiel ohne interkulturelle Sensibilität.
4. Schönwetter-Ethik & Riskante Kurzschlusshandlungen
Einige Lösungswege offenbarten einen ethischen Opportunismus: Solange keine Gefahr droht, pocht man auf Prinzipien; sobald Druck aufkommt, wirft man diese kurzerhand über Bord. Besonders kritisch war in diesem Zusammenhang der Plan B, bei einer drohenden Eskalation in einem blockierten Fahrzeug mit Umstehenden «einfach aufs Gas zu drücken» und zu fliehen. Dies erfüllt den Tatbestand der leichtfertigen Sicherheitsgefährdung.
5. Intellektuelle Inkonsistenz
Es wurde der Versuch unternommen, das Szenario mit Vokabeln der Spieltheorie (Koordinationsspiel, Nutzenmaximierung) analytisch zu fassen und Eigenschutz zu priorisieren, nur um im Fazit in einen starren moralischen Absolutismus zu verfallen («ich könnte mit dem Zahlen persönlich nicht leben»). Wenn das theoretische Fundament das praktische Handeln nicht stützt, kollabiert die Handlungsfähigkeit unter Stress.
6. Naivität & Bunker-Mentalität
Zu den taktisch schwächeren Ansätzen zählten das Verriegeln der Fahrzeugtüren bei gleichzeitigem Drücken des Diplomatenpasses von innen an die Fensterscheibe. Dies signalisiert Angst und Überheblichkeit. Ebenso naiv war der (fehlende) Plan B bei der unrealistischen Annahme, korrupte Strassenbeamte würden sich freiwillig darauf einlassen, dem ausländischen Fahrzeug auf einen offiziellen Polizeiposten zu folgen, um dort die Busse abzuwickeln.
Wir danken allen für ihre Einsendungen und gratulieren Hptm Steven Senn zum Gewinn des Buch des Monats vom März, «Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA» von Takuma Melber.
















